Samstag, den 19. Dezember 2009 um 19:09 Uhr
Mein Weihnachtritual
Die Weihnachtszeit ist für mich eine magische Zeit. Obwohl sie nur wenige Tage umfasst, empfinde ich sie wie einen Zeit-Raum jenseits der Zeit, in dem ich jedes Jahr verschwinde wie in einem Schwarzen Loch. Dort kann mich nichts und niemand aus der sogenannten Wirklichkeit mehr erreichen.
Da ich allerdings mit einer Türkin verheiratet bin, leiden wir an einem gewissen Brauchtumsdefizit. Natürlich kennt meine Frau die üblichen Rituale, schließlich ist sie in Deutschland aufgewachsen, und ihre Adventskränze, die sie selber steckt, rufen stets die neidvolle Bewunderung ihrer christlich sozialisierten Freundinnen hervor. Trotzdem, das Feeling fehlt irgendwie – meine Mutter hat jedenfalls den deutlich besseren Draht zum Weihnachtsmann. Statt uns also in dem vergeblichen Versuch aufzureiben, Weihnachten zu Hause zu inszenieren, verlassen wir uns lieber auf das bewährte Rundum-Sorglos-Weihnachtspaket in meiner sauerländischen Großfamilie.
Die Reise beginnt immer am 23. Dezember. Dann breche ich mit Frau und Tochter in meine Heimatstadt auf. In stundenlangen Staus auf der Autobahn habe ich ausreichend Gelegenheit, mich auf den Abend zu freuen, an dem ich mich alljährlich mit meinen alten Freunden zum Vorfeiern treffe. Im Gegensatz zur Schulzeit, in der wir uns selbst entschuldigen konnten, werden bei diesem Jahrestreffen nur Entschuldigungen mit ärztlichem Attest akzeptiert. Entsprechend intensiv fällt das Wiedersehen aus. Mit der Folge, dass ich am nächsten Abend unterm Weihnachtsbaum regelmäßig auf der Schulter meiner Frau einschlafe. Sehr zum Verdruss meines Schwagers, der allergrößten Wert darauf legt, dass jeder jedem beim Auspacken seiner Geschenke zusieht. Dafür bin ich jedes Jahr sauer, dass wir immer schon nachmittags in die Kindermesse gehen anstatt in die festliche Christmette um Mitternacht.
Nur einmal haben wir eine Ausnahme gemacht. Es war ein Jahr vor dem Abitur unserer Tochter. Da sind wir auf ihren Wunsch in Tübingen geblieben, und meine Mutter hat sich auf die Reise gemacht, um uns zu besuchen. Schon bei ihrer Ankunft fiel unangenehm auf, dass der Weihnachtsbaum fehlte. Daran hatten wir nicht gedacht: Wenn wir sonst zu Hause ankommen, steht er ja immer fix und fertig geschmückt im Wohnzimmer, als glanzvoll strahlender Beweis, wie eng meine Mutter mit den himmlischen Mächten vernetzt ist. Und so ging es gar nicht lustig weiter. Es fehlte einfach die Stimmung – und vielleicht auch meine postalkoholische Schläfrigkeit. Statt vom Christkind redeten wir beim Essen stocknüchtern von ganz alltäglichen Dingen, das Auspacken geschah wie im Kaufhaus, beim Singen der Lieder grinsten wir uns schief an. Und selbst die Christmette war ein Flop. Wie es sich für eine internationale Universitätsstadt vom Range Tübingens gehört, wurde sie auf Englisch gelesen. Mit dem Resultat, dass meine Frau und meine Mutter mir rechts und links auf die Schulter sanken, wo sie alsbald in sanften Schlummer fielen.
Und unsere Tochter? Die hatte sich schon vor der Kirchtür verabschiedet. Um sich mit ihren Freunden und Freundinnen zur großen Weihnachtsparty zu treffen …
Wir danken Peter Prange für seinen Beitrag! Alle Rechte am Text liegen beim Autor.



Comments