Samstag, den 03. April 2010 um 17:57 Uhr

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Liebe Frau Kinkel, schön, dass Sie Zeit für ein Interview mit uns haben. Stellen Sie sich unseren Lesern, die Sie noch nicht kennen sollten, doch bitte kurz vor. Wer sind Sie und was machen Sie?
Ich bin ausschließlich Schriftstellerin. Dreizehn Romane sind bisher veröffentlicht, die meisten, aber nicht alle, historischer Natur. Übersetzungen gibt es in 14 Sprachen, darunter so exotische wie Japanisch, Chinesisch, Koreanisch.
Ihr neuer Roman „Im Schatten der Königin“ spielt im Elizabethanischen Zeitalter. Was, glauben Sie, macht Elizabeth I. bis in die Gegenwart hinein so interessant? Steckt mehr dahinter als die unverheiratete Frau auf dem Thron Englands?
Sie war einer der bemerkenswertesten Herrscher, männlich oder weiblich, die England je hatte; daß sie überhaupt auf den Thron kam, widersprach aller Wahrscheinlichkeit, wo so vieles gegen sie sprach – für einen Teil ihrer Untertanen war sie unehelich, der Befehl zu ihrer Hinrichtung war während der Herrschaft ihrer Schwester bereits mehr als einmal ausgefertigt worden. Durch ihre Erziehung konnte sie sich mit den großen Gelehrten ihrer Zeit messen. Sie hatte das Talent der Tudors, talentierte Menschen zu entdecken und zu fördern, so daß sie sowohl über eine hocheffiziente Verwaltung verfügte, als auch eine kulturelle Blütezeit bewirkte. Dabei war sie alles andere als unfehlbar und mit ihrem heftigen Temperament und ihrer Eitelkeit zutiefst menschlich; vor allem jedoch ließ sie sich im Zweifelsfall nur von ihrem Kopf lenken, nicht von ihrem Herzen, und das verstört viele Leute mit Klischees über Mann und Frau bis zum heutigen Tag.
Im Mittelpunkt des Romans steht der Tod Amy Robsarts, der Frau Robert Dudleys. Wie bekannt sind die Hintergründe dieses Falles und wie schwierig ist es, sich über ein solches Ereignis zu informieren?
Wenn man sich in der Epoche einigermaßen auskennt, ist der Todesfall selbst sehr bekannt – es war einer der großen Skandale der Zeit -, und vielleicht auch noch ein, zwei Zitate aus den Briefen, die Thomas Blount an Robert Dudley über seine Untersuchung geschrieben hat. Aber Details wie den Ort, wo Amy letztendlich begraben wurde, oder wie genau man in dieser Zeit zwischen London und Cumnor reiste, musste ich mir erst erarbeiten, wie auch das besondere Verhältnis zwischen Robin Dudley und Thomas Blount, zwischen Elisabeth und Kat Ashley. Die größte Schwierigkeit lag aber darin, daß der so wichtige Haupthandlungsort, das Haus, in dem Amy starb, schon vor Jahrhunderten abgerissen wurde.
Die Erzähler in „Im Schatten der Königin“ sind Robert Dudleys Vertrauter Thomas Blount und Elizabeths Gouvernante Kat Ashley. Thomas Blount ermittelt sozusagen im Mordfall und durch Kat Ashley erfahren wir viel vom Leben am Hof. Ist durch diese beiden Erzähler schon eine gewisse Sympathie für Robert Dudley und Elizabeth vorgegeben?
Ja und nein, denn Tom Blount und Kat Ashley sehen ja ihrerseits den Vertrauten des jeweils anderen in einem gar nicht positiven Licht. Für Kat Ashley ist Robert Dudley ein Mann, der ihren Schützling im schlimmsten Fall um den Thron bringen konnte, und dem sie zutiefst misstraut; für Tom Blount ist die Königin eine unbekannte Größe, der er durchaus zutraut, seinen Vetter Robert und auch ihn selbst für ihre Reputation zu opfern.
Robert Dudley und Elizabeth I. kannten sich von Kindheit an und ihnen wird bis heute nachgesagt, sie seien ein Liebespaar gewesen. Was denken Sie darüber, was spricht Ihrer Meinung nach dafür?
Sie haben sich zweifellos geliebt; als Robert starb, kurz nach dem großen Sieg über die Armada, sperrte sich Elizabeth drei Tage lang ein, und nach ihrem eigenen Tod Jahre später fand man bei den Papieren neben ihrem Bett einen seiner Briefe, auf dem mit ihrer Schrift stand „Sein letzter Brief“. Ob sie auch ein sexuelles Verhältnis miteinander hatten, und wenn ja, wie weit es ging, wussten nur die beiden, und die Nachwelt wird es so wenig beweisen oder widerlegen können, wie es die Zeitgenossen konnten. Der damalige Klatsch erklärte sie gleichzeitig zur Mutter mehrerer unehelicher Kinder und für unfähig, überhaupt Sex zu haben, und spätere Historiker waren auch nicht viel klüger. Als Elizabeth mit Mitte dreißig die Pocken hatte und glaubte, sie müsse sterben, sagte sie dem Kronrat, der sich um ihr dann-doch-nicht-Sterbebett versammelt hatte, sie liebe ihn und habe ihn immer geliebt, aber es sei nichts „Unstatthaftes“ zwischen ihnen geschehen. Ob man ihr glaubt oder nicht, das ist die einzige Aussage einer der beiden Beteiligten, die es gibt.
Das Buch ist zeitnah auch als Hörbuch erschienen, gelesen werden die beiden Erzählpassagen jeweils von Ulrich Noethen und Ulrike Hübschmann. Haben Sie Einfluss auf die Wahl der Sprecher bei der Produktion eines Hörbuches? Wie sieht es mit der sogenannten „autorisierten Lesefassung“ aus – schickt man Ihnen dort eine gekürzte Fassung Ihres Romans zu und Sie geben diese frei oder kürzen Sie selbst?
Ich kürze nicht selbst; da ich an jedem Satz hänge, könnte ich das gar nicht. Aber in diesem Fall bekam ich die gekürzte Fassung vorher zu sehen. Was die Auswahl der Sprecher betrifft, so geschieht sie durch den Hörbuchverlag, doch auch hier fragt man mich vorher zu Vorschlägen, die gemacht werden. Bisher war ich mit jeder Schauspielerin und jedem Schauspieler, die einen meiner Texte vortrugen glücklich, manchmal sehr glücklich.
Hatten Sie Einfluss auf den Titel, „Im Schatten der Königin“?
Titel sind immer das, was mir zuletzt einfällt, und dann meist in Zusammenarbeit mit meinem Lektor. So auch hier.
Für die Recherche reisten Sie nach England. In Ihrem Reisetagebuch auf der Verlagsseite von Droemer/Knaur kann man lesen, dass Ihr Vater mit Ihnen dort war. Reisen Sie oft in Begleitung und wo waren Sie sonst schon unterwegs? Gab es Orte, die Sie besonders beeindruckt haben?
Nein, meistens bin ich alleine unterwegs, und ja, es gibt mehrere solche Orte. Die Alhambra in Granada beispielsweise. Der Tempel von Karnak in Ägypten, den ich bisher viermal erblickt habe, und der mich jedes Mal wieder vor Ehrfurcht stumm macht. Die Etruskergräber in Tarquinii, die mich mit zu „Die Söhne der Wölfin“ inspirierten. Und natürlich meine Heimatstadt Bamberg, die mein Verhältnis zur Geschichte entscheidend geprägt hat.
Wie sieht die Recherchearbeit sonst bei Ihnen aus, stützen Sie sich auf Literatur oder arbeiten Sie lieber vor Ort und mit Quellen?
Sowohl als auch. Ich reise gerne an die Orte , die für meine Romane eine wichtige Rolle spielen. Da aber in der Regel die meisten von ihnen vor Jahrhunderten sehr anders aussahen, als wir sie heute wahrnehmen, ist es noch wichtiger, sich in Bibliotheken nach Vorortbeschreibungen aus der entsprechenden Epoche umzusehen, nach Stadtplänen, und nach all den Details, die den Alltag widerspiegeln, wie Kochbücher beispielsweise.
Wie wichtig ist für Sie das Spiel mit Realität und Fiktion? Ist es manchmal spannender, historische Fakten mit Fiktion zu spicken oder soll sie nur die Lücken füllen?
Lassen Sie es mich so ausdrücken: wenn ich ein Sachbuch schreiben wollte, in dem jeder einzelne Satz, der fällt, durch Quellen gesichert ist, dann würde ich ein Sachbuch schreiben. Wir Romanautoren haben die Freiheit, zu sagen: Das ist nicht DIE WAHRHEIT in Großbuchstaben, aber es ist unsere persönliche Interpretation von dem, was sich zugetragen hat, sowohl aufgrund dessen, was wir recherchierten, als auch auf Grund unseres Einfühlungsvermögens und unserer Phantasie.
Sie bewegen sich nicht nur in einer historischen Epoche, sondern in mehreren, manchmal sogar zeitlich sehr unterschiedlichen. Ihr Roman „Venuswurf“ zum Beispiel spielte im alten Rom, während Ihr neuer Roman „Im Schatten der Königin“ im Elizabethanischen Zeitalter spielt. Liegt das an Ihrem eigenen breit gefächerten Interesse oder bringt es für Sie selbst auch mehr Abwechslung?
Beides. Ich habe zahlreiche Epochen, die mich faszinieren, aber noch wichtiger ist es mir, mich jedes Mal beim Schreiben einer neuen Herausforderung zu stellen.
Haben Sie zu einem bestimmten Buch ein besonderes Verhältnis, weil es beispielsweise das erste war oder das erfolgreichste oder weil während der Recherche etwas besonderes passiert ist?
Jedes Buch steht auch für einen bestimmten Abschnitt in meinem Leben, der sich nicht wiederholen wird, und ist daher für mich einzigartig. Da geht es mir wie mit Kindern: man liebt sie alle.
Was lesen Sie selbst gerne? Haben Sie Lieblingsautoren?
Zu viele, um sie alle aufzuzählen. Aber der Schriftsteller, über den ich meine Dissertation geschrieben habe, Lion Feuchtwanger, gehört immer noch dazu.
Sehen Sie auch Filme aus dem historischen Genre? Haben Sie die Elizabeth-Verfilmungen mit Cate Blanchett gesehen? Dort fällt Robert Dudley ja in Ungnade.
Cate Blanchett ist eine meiner Lieblingsschauspielerinnen, aber die beiden Filme kann ich nicht ausstehen. Das hat mit Robert Dudley nichts zu tun, sondern mit der selbst für Filme extremen Abweichung von der Geschichte. Als der erste Film einen um mehrere Jahrzehnte zu früh auftretenden Walsingham sagen ließ „meine Königin regiert nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen“, hätte ich aufschreien mögen, und mit derartigen Klischees ist auch alles andere gespickt. Ganz zu schweigen davon, daß der Drehbuchautor offenbar glaubte, er könnte im zweiten Film die Tilbury-Rede besser schreiben als Elizabeth Tudor. Das ist eine der berühmtesten Reden der englischen Geschichte, welche die meisten englischen Schulkinder auswendig können, aber nein, Michael Hirst meint, sein Geschreibsel sei besser.
Meine Lieblingselizabeth ist Glenda Jackson, die sie in der britischen Serie Elizabeth R spielte – in der ersten Folge mit fünfzehn, in der letzten mit über siebzig Jahren – und ironischerweise später das Schauspielerdasein aufgab, um Politikerin zu werden. Danach kommt Helen Mirren, die sie in einem Fernsehzweiteiler vor zwei Jahren spielte, der sich zwar auch einige Freiheiten nimmt, aber im Gegensatz zu den oben genannten Filmen die Persönlichkeit einfängt. Auch die der Menschen in ihrer Umgebung. (Jeremy Irons ist Robert Dudley, Earl of Leicester, Ian McDiarmid William Cecil, Lord Burleigh.)
Sie haben mit Familie und Freunden 1992 den Verein Brot und Bücher gegründet, mit dem Sie diverse soziale Projekte unterstützen. Außerdem sind Sie auch bei weiteren Projekten engagiert. Denken Sie, Ihre Bekanntheit ist hier ein unterstützender Faktor und bringt mehr Aufmerksamkeit?
Ja. Wenn ich dazu beitragen kann, Kindern, die unendlich gelitten habe, zu helfen, indem ich meine Bekanntheit für sie einsetze, dann hat sich der Autorenerfolg schon gelohnt.
Welche Projekte haben Sie derzeit in Planung – oder machen Sie erst mal Pause, wenn Sie einen Roman geschrieben haben?
Ich arbeite an einem neuen Buch, aber wie immer kann ich nichts darüber erzählen, bis es nicht unter Dach und Fach ist.
Liebe Frau Kinkel, wir danken Ihnen herzlich für das Interview!
Es war mir eine Freude.
Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
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Unsere Rezension zu „Im Schatten der Königin“
Unsere Hörbuchrezension zu „Im Schatten der Königin“




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