Samstag, den 29. Mai 2010 um 13:02 Uhr

© Lea Korte
Liebe Frau Korte, schön, dass Sie Zeit für ein Interview mit uns gefunden haben. Stellen Sie sich unseren Lesern doch bitte kurz vor. Wer sind Sie und was tun Sie so? Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich bin Schriftstellerin und schreibe historische Romane. Und wie ich zum Schreiben kam? Das war ziemlich einfach: Das habe ich mit dreizehn einfach „beschlossen“ – gerade so, wie andere in dem Alter Tierarzt, Astronaut oder Bundeskanzler werden wollen. Ich war schon damals eine absolute Leseratte und dachte, es müsse toll sein, nie etwas anderes tun zu müssen, als immer nur zu lesen und zu schreiben – und das finde ich noch immer.
Nach dem Studium sind Sie nach Spanien ausgewandert und auch in Ihren Büchern findet sich dieses Land wieder. Was macht Spanien für Sie zu etwas Besonderem?
Das Alter von zwölf bis dreizehn war für mich scheinbar das Alter der Entscheidungen: Damals war ich mit meinen Eltern zum ersten Mal an der Costa Brava. Das Meer, der weite Himmel, dieses ganz besondere Licht, die Sonne, die Menschen, die Sprache – alles dort hat mich so sehr begeistert, dass ich gleich wusste: „Hier gehörst du hin!“
Ab da war mein ganzes Tun und Streben darauf ausgerichtet, „irgendwann“ am Mittelmeer zu leben – und dieses „irgendwann“ sollte nicht erst im Rentenalter sein. Nach meinem Studium habe ich den „Sprung in kalte Wasser“ gewagt, der dann gar nicht mal kalt wurde. Da ich „in weiser Voraussicht“ schon mit siebzehn angefangen habe, Spanisch zu lernen, hatte ich auch keine Probleme, mich dort zu integrieren.
Ihren aktuellen Roman „Die Maurin“ erzählen Sie – wie der Titel schon sagt – aus maurischer Sicht, nicht aus spanischer. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Hauptperson ist eine Maurin, ja, aber in dem Roman werden trotzdem die Sichtweisen von den Mauren UND den Christen dargestellt, weil es sonst auch ein sehr einseitiges Buch wäre, und genau das wollte ich vermeiden. Es ging mir nicht darum zu „richten“, sondern die Beweggründe von beiden Seiten aufzuzeigen; es gibt sowohl bei den Christen als auch bei den Mauren „Gute“ und „Böse.“ Auch die Leser haben mir bisher alle bescheinigt, dass es ein sehr ausgewogenes Buch ist, aber man schon spürt, auf wessen Seite mein Herz schlägt
Insgesamt interessanter ist in der damaligen Zeit die maurische Kultur. Sie waren weit gebildeter und fortschrittlicher als das übrige Europa, sowohl was ihre Kenntnisse z.B. in Architektur, Medizin, Landwirtschaft und Astronomie anging, als auch ihr ganzer Lebensstandard: Während man sich im restlichen Europa kaum auch nur regelmäßig wusch, hatten die Mauren schon fließendes Wasser und ließen es sich in den arabischen Bädern (Hammam) wohl ergehen. Und, was noch wichtiger war: im Großen und Ganzen herrschte im maurischen Teil der Iberischen Halbinsel ein seit 700 Jahren währender Toleranzgedanke, der es Christen, Muslimen und Juden gestattete, friedlich zusammen zu leben – was für alle Beteiligte von großem Nutzen war.
Im Buch tauchen zahlreiche historische Persönlichkeiten auf. Wie schwierig war es sozusagen einem bloßen Namen einen Charakter zu geben?
Für mich waren das von Anfang an keine „bloßen Namen“: Auch die Charaktere der historischen Persönlichkeiten habe ich gründlich recherchiert, zumindest, so weit es möglich war. Über Morayma, z.B., gab es fast keine Dokumentation mehr, auch weil Torquemada ein paar Jahre nach dem Ende der Reconquista in Granada eine gigantische Bücherverbrennung veranlasst hat, der Tausende von Büchern und Daten über die Mauren zum Opfer gefallen sind. Über Aischa, Boabdil, Soraya, die Katholischen Könige und Gonzalo de Córdoba aber gibt es (zumindest auf Spanisch) viel Literatur.
„Die Maurin“ spielt zu einer bewegten Zeit – kurz vor dem Ende der Reconquista und damit dem Ende der maurischen Herrschaft in Spanien. Wieso haben Sie gerade über diese Epoche schreiben wollen?
Zum einen weil diese Epoche einfach äußerst spannend ist, und das sogar schon ohne zusätzliche Romanfiguren! Vor allem für die Mauren ging es damals um das nackte Überleben, den Fortbestand ihres herrlichen Al-Andalus, das sie seit immerhin 700 Jahren bewohnten. Nicht weniger bewegend finde ich die Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen, die heute leider erneut sehr aktuell und es darum doppelt wert sind, betrachtet zu werden. Wie schon erwähnt fand ich auch den Toleranzgedanken in Al-Andalus faszinierend, und wie sich daraus eine reiche, unglaublich fortschrittliche Kultur entwickelt hat, von der wir auch heute noch viel lernen können!
Wie sah die Recherche für das Buch aus? Sind Sie auch vor Ort auf Spurensuche gegangen?
Zunächst einmal habe ich Berge von Büchern gelesen und bin zu allen wichtigen Orten gereist, von der Alhambra in Granada bis zu dem kleinen Haus, in dem Boabdil sich vor seinem Vater verstecken musste, von Malaga nach Almeria, war in Museen, Mezquitas, Alcazars und in Marokko – wohin später viele Mauren geflüchtet sind. Außerdem hatte ich einen wundervollen Berater, Professor Dr. Jordi Aguadé von der Universität von Cadiz und seine muslimische Frau, die mir beide mit größtem Engagement bei den Recherchen geholfen haben.
Wie viele Spuren der Mauren finden sich noch im heutigen Spanien?
Gemessen an der Bedeutung, welche die Mauren über 700 Jahre auf der Iberischen Halbinsel hatten, gibt es eigentlich erstaunlich wenige Spuren. In Sevilla, Córdoba und Granada gibt es noch einige Prachtbauten (wahre Kunstwerke, vor allem die Mezquita, die Moschee, von Sevilla!) – aber insgesamt gesehen ist es trotzdem wenig. Auch Detailinformationen sind nur schwer zu finden: Selbst in der Alhambra z.B. findet man nur sehr wenige Hinweise darüber, wie(!) die Mauren in den herrlichen Räumen gelebt haben. Man sieht kaum keine Einrichtungsgegenstände, keine Kleidung ... Das alles dann selbst herauszufinden, war wirkliche harte Arbeit, die ich ohne Professor Aguadé und seine Frau sicher nicht hätte bewerkstelligen können!
Immer wieder klingt in dem Buch der religiöse Konflikt durch, sowohl auf spanischer als auch auf maurischer Seite findet man Personen, die den anderen Glauben ablehnen und die andere „Seite“ sogar hassen. Religiöse Konflikte gibt es bis heute – denken Sie, es lassen sich Parallelen ausmachen?
Natürlich lassen sich da Parallelen ziehen – aber ich würde sogar noch einen Schritt weiter und das heißt in diesem Fall: einen Schritt zurück gehen: Wir sollten aus den Zeiten lernen, in denen die drei großen Religionen in Al-Andalus friedlich und im größten Toleranzgedanken zusammen(!)gelebt haben. Aus diesem Zusammenleben erspross eine so reiche Kultur, so viel Wissen, so große Fortschritte wie vielleicht nie mehr danach. Zusammen sind wir stark, nicht gegeneinander!
Der „Nonne mit dem Schwert“, liegt eine historische Person zugrunde, Catalina de Erauso. Ist es hier schwieriger, einen Bezug zur Protagonistin herzustellen, da sie ja nicht komplett aus der eigenen Feder stammt?
Ja, das ist mir anfangs schon schwer gefallen, weil ich ja die „Vorgabe“ von ihrer Autobiografie hatte, in der ihr Leben zwar bei weitem nicht lückenlos erzählt wird, aber ihr Charakter und viele andere grundlegenden Dinge schon vorgegeben sind – und auch wieder nicht. Diese Autobiografien von Soldaten – Catalina war ja Fähnrich – dienten nämlich vor allem dazu, seine Bedeutung hervorzuheben, damit man hinterher vom König eine höhere Rente bekam. Von daher bleibt also auch durchaus noch ein großer Spielraum, wie man ihre Autobiografie wirklich bewerten möchte.
Die Maurin Zahra dagegen ist ganz meine Figur, ebenso ihre Familie. Ich habe den größeren Spielraum, den mir dies gegeben hat, beim Schreiben genossen – obwohl natürlich auch die historischen Rahmenbedingungen eine Einschränkung darstellen, die ich auch sehr streng eingehalten habe.
Trotzdem ist mir auch Catalina sehr ans Herz gewachsen, zumal sie durch die Bearbeitung ihrer Figur im Roman natürlich „meine“ Catalina geworden ist. In jedem Fall war Catalina eine ganz außerordentliche Frau, die ein ebenso hartes wie ereignisreiches Leben hatte – und dem Tod mehr als ein Mal nur sehr, sehr knapp von der Schippe gesprungen ist.
Was denken Sie, macht den Reiz eines historischen Romans für den Leser aus?
Da kann ich eigentlich nur von mir ausgehen – denn in die Köpfe der Leser kann ich ja nicht reinsehen. . Für mich ist es wichtig, dass ich einerseits gut unterhalten werden, also eine spannende Geschichte vorfinde – und andererseits, dass ich viel über eine vergangene Epoche erfahre, unterhaltsamer Geschichtsunterricht als Zugabe sozusagen. . Gerade dadurch, dass man eine persönliche Bindung zu den fiktiven Personen aufbaut, bleibt einem doch das, was man über die Zeit erfährt, besonders gut in Erinnerung und bewegt einen dann auch.
Erscheinen Ihre Bücher auch in Spanien? Könnten Sie sich vorstellen, auch einmal ein Buch auf Spanisch zu schreiben oder bleiben Sie lieber bei Ihrer Muttersprache?
Ich habe die größte Hochachtung vor Autoren, die – meist gezwungenermaßen – dazu übergehen, ihre Bücher in einer ihnen fremden Sprache zu schreiben, denn ich fände das unheimlich schwer. Es ist ein Ding, eine Fremdsprache perfekt zu sprechen, und noch einmal ein ganz anderes, diese Sprache auch „benutzen“ zu können, wie man es als Autor können muss. Eine türkische Autorin hat einmal auf der Frankfurter Buchmesse gesagt, eine Sprache muss Kinderschuhe haben – und das würde ich unterstreichen. Während der Kindheit entwickeln wir einen intuitiven, sehr gefühlsmäßigen Bezug zu unserer Muttersprache, den wir in dem Maße kaum noch für eine andere Sprache entwickeln können. Dadurch, dass meine Kinder mehrsprachig aufwachsen, erlebe ich zwar deren „Kinderschuhe“, aber trotzdem würde ich noch lange nicht sagen, dass ich mir diese „Schuhe“ anziehen kann. Ich hoffe, dass meine Bücher eines Tages übersetzt werden. Das Spanische wäre natürlich besonders schön!
Sie sind recht aktiv in den Weiten des Internets unterwegs und dadurch für Ihre Leser leicht erreichbar. Finden Sie, das ist wichtig oder birgt es auch Schwierigkeiten?
Dadurch, dass ich so weit von Deutschland, Österreich und der Schweiz weg wohne, habe ich nicht die Möglichkeit, mal hier, mal da eine Lesung zu machen und mich bei dieser Gelegenheit mit den Lesern auszutauschen. Das Internet, speziell facebook, bietet mir jetzt diese Möglichkeit. Ich muss zugeben, dass ich diese Kontakte genieße und mich über jeden freue, der dort neu hinzukommt!
Wie wichtig ist Ihnen Feedback von Ihren Lesern? Wie gehen Sie mit negativer Kritik um?
Das Feedback ist mir sehr wichtig, deswegen stelle ich mich auch gern in Online-Leserunden. Ich denke, dabei kann man als Autor sehr viel lernen. Welche Szene wirkt wie auf welchen Leser? Was gefällt den Lesern? Was mögen sie weniger?
Oft wird in diesen Runden auch diskutiert: Wie viel Liebesgeschichte, zum Beispiel, „braucht“ ein historischer Roman – oder eben nicht. Das finde ich sehr interessant! Die Geschmäcker sind ja verschieden, und ich diskutiere solche Dinge ganz offen, weil ich dabei eben auch einmal die Standpunkte anderer kennen lernen kann. Meine Erfahrung ist, dass die Leser in den Leserunden sehr fair sind – und bei „Die Maurin“ hatte ich überdies das große Glück, dass ich bisher nur gute bis sehr gute Bewertungen bekommen habe – was mich natürlich riesig freut!
Was lesen Sie privat gerne? Lesen Sie auch noch deutschsprachige Literatur oder mehr spanische?
Da ich auf Deutsch schreibe und ohnehin schon selten genug die Möglichkeit habe, Deutsch zu sprechen (außer mit meinen Kindern oder am Telefon), lese ich natürlich möglichst auf Deutsch und am liebsten von deutschsprachigen Autoren. Ich lese sehr gern historische Romane, vor allem von Rebecca Gablé, aber auch von Andrea Schacht, Charlotte Lyne, Titus Müller und vielen anderen – und ich lese gern Thriller: Sebastian Fitzek natürlich, und Petra Hammesfahr.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Haben Sie schon ein neues Buch in Planung?
Mein Plan ist immer weiter und weiter zu schreiben; ich schreibe jetzt seit 15 Jahren, früher unter anderem Pseudonym in einem anderen Genre. Als nächstes möchte ich den zweiten Teil der Maurin schreiben, denn nach dem Ende der Reconquista geht es mindestens ebenso spannend weiter! Es ist eine sehr bewegende und reiche Zeit, voller Spannungen und sozialer und religiöser Konflikte, und ich denke, Zahra und ihre Familie haben uns noch sehr viel zu erzählen!
Frau Korte, wir danken Ihnen herzlich für das Interview!
Auch ich danke sehr!
Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Unsere Rezension zu "Die Maurin"
Unsere Rezension zu "Die Nonne mit dem Schwert"




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