Sonntag, den 22. August 2010 um 07:58 Uhr

(c) Dagmar Trodler
Liebe Frau Trodler, stellen Sie sich doch mal für diejenigen vor, die Sie noch nicht so gut kennen.
Ich bin ein rheinisches Mädchen, in Düren aufgewachsen und zur Schule gegangen. Weiter als bis nach Saarbrücken, wo wir ein paar Jahre gelebt haben, konnte ich meinen Lebensradius nie ausdehnen – bis jetzt. Ich bin 44 Jahre alt und hab im Sommer 2001 meinen ersten historischen Roman veröffentlicht. Dem folgten vier weitere historische Romane und ein zeitgenössischer Roman. Nebenher hab ich Fachartikel für diverse Pferdezeitschriften verfasst – Pferde sind nach dem Schreiben meine zweite Leidenschaft. Von meinem ersten Honorar konnte ich mir meinen größten Traum erfüllt: ein Islandpferd.
Ich war auf der einzigen Lesung, die sie in der nächsten Zeit für Deutschland geplant haben, und habe dort beiläufig einen Satz gehört, der mich verwundert hat: „Ich lese nicht!“. War das schon immer so? Warum lesen Sie nicht?
Klingt komisch für einen Schriftsteller, oder?
Früher habe ich wahnsinnig viel gelesen – alles Gedruckte, egal ob gut oder schlecht. Sehr gerne historische Romane, aber auch Krimis, einfach alles.
Seit ich selber schreibe, ist das anders geworden. Man liest ja nun sehr viel Fachliteratur, sucht, stöbert, beschäftigt sich mit einem Thema, von dem man möglicherweise nur einen einzigen Aspekt braucht ... Das Lesen von (meist englischsprachiger) Fachliteratur, das Schreiben und die Beschäftigung mit den Romanfiguren, ihre Ausformung, sie mit Leben zu füllen, das alles fordert mich sehr. Es legt meinen Geist in Beschlag und ich kann mich nicht mehr mit Geschriebenem entspannen, wie das früher der Fall war. Ich kann nicht abschalten.
Es stört tatsächlich auch beim Schreiben, sich mit dem Stil eines anderen Autors zu beschäftigen.
Außerdem bin ich extrem anspruchsvoll und langweile mich ganz schnell mit einem Buch (was nichts mit dem intellektuellen Niveau zu tun hat, sondern mit der Geschichte und mit möglicherweise leblosen Figuren).
Also – ich lese durchaus. In den Pausen zwischen zwei Büchern. Zu meinen Lieblingen zählen „Der rote Ritter“ von Alfred Muschg, „Palast der Winde“ von M.M. Kaye und die Geschichten von Halldór Laxness.
Sie sind vor Ihrem Leben als Schriftstellerin Krankenschwester gewesen. Was hat Sie dazu bewegt, zu schreiben und warum haben Sie dafür letztendlich Ihren Job aufgegeben?
Das Schreiben ist einfach so zu mir gekommen. Ich hab als Schülerin schon immer allerlei Geschichten verfasst, wie man das so tut, wen man 14 ist. Und ich hab immer gewusst, dass ich eines Tages „was Richtiges“ machen werde. Ich hab irgendwie jahrelang darauf gewartet. Die Geschichte von Alienor und Erik kam eines Tages zu mir, ich hab sie aufgeschrieben und ungefähr sechs Jahre lang so dran gearbeitet wie andere Leute stricken oder Sport machen: als Hobby. Das ist ja nie ernst gewesen - halt meine Freizeitbeschäftigung.
Aber am Ende waren tatsächlich 500 Seiten fertig.
Zum letzten Schritt – der Veröffentlichung – trieb mich der Kündigung aus einem Dienstverhältnis, wo ich mich sehr wohl gefühlt habe. Ich war total ratlos und am Boden zerstört. Jetzt musste was passieren! Und so hab ich mich auf die Suche nach einer Literaturagentur gemacht und das Buchschicksal nahm - ziemlich zügig sogar - seinen Lauf.
Der Pflegedienstleitung kann ich für die Kündigung also dankbar sein.
Aus der Krankenpflege habe ich mich verabschiedet, nicht nur weil ich viel Zeit zum Schreiben brauche (und ich es mir als damals Ehefrau finanziell leisten konnte, ausschließlich zu schreiben) sondern auch, weil sich da soviel zum Negativen verändert hat, dass die Arbeit zunehmend frustrierend wurde. Man hat zu wenig Zeit für die Patienten und hockt zu viel am Schreibtisch. Das hat nur noch wenig mit dem zu tun, was ich mal gelernt und immer gemocht habe.
Frau Trodler, was macht den Reiz ihres derzeitigen Wohnortes Island für Sie aus? Woher kam das Interesse für Island? Ist es Ihnen nicht schwer gefallen, Ihre Heimat zu verlassen?
Ich bin gar nicht mal so ein Fan dieses Landes gewesen, als ich herkam. Nicht so wie die meisten Islandfans, die seit Jahren hier begeistert Urlaub machen oder auf Pferdefarmen arbeiten. Als junge Frau hatte ich sogar Angstzustände bei einem Trip an den Vatnajökull und ins Hochland.
Ich hab nach meiner Trennung keinen Platz für mich in Deutschland gefunden. Das hektische Land hat mich zunehmend unruhig und klein gemacht. Ein Freund bot mir dann letztes Frühjahr an, in seinem Haus in Island zu wohnen und hier zu schreiben. Vergangenen Herbst war meine Ratlosigkeit so groß, dass ich einfach mein Auto gepackt hab und losgefahren bin, auf die Fähre und einmal quer über die Insel zu dem Ort wo ich nun lebe – ohne dass ich die Sprache konnte oder außer zwei Freunden noch jemanden kannte.
Ein mutiger, vielleicht verrückter Schritt, aber bisher habe ich ihn nicht bereut, auch wenn es für eine allein stehende Ausländerin in meinem Alter absolut nicht einfach hier ist. Die ersten drei Monate hatte ich außer meinem Mitbewohner hier niemanden und hab manchmal tagelang nicht gesprochen, weil da niemand war.
Die isländische Gesellschaft ist eine sehr geschlossene – ohne Familienanschluss hat man keine Chance, da irgendwie rein zu kommen. Man versucht die Sprache zu lernen und scheitert am Sprechen, weil man niemanden zum Üben hat. Ich verstehe fast alles Geschriebene und kann inzwischen auch Bücher lesen – aber sprechen kann ich nicht. Man kommt auch wunderbar auf Englisch zurecht – aber damit bleibt man eben „außerhalb“.
Es ist nicht so einfach, Isländer wirklich kennen zu lernen. Man begreift, wie in unserem Land die Gastarbeiter zu kämpfen haben. Inzwischen konnte ich hier einen kleinen (deutschen und schwedischen) Freundeskreis aufbauen, und ich finde, in Island ist Einsamkeit weitaus weniger schlimm als in Deutschland unter vielen Menschen und Lärm.
Hier geht man einfach raus wenn man sich nicht gut fühlt, man geht zu den Pferden, die immer offen für alles sind und besser als jeder Mensch die Seele streicheln können, indem sie nichts tun, nichts fordern und nur neben einem stehen. Oder man geht einfach wandern, und das Land ist 'da', es erdet einen und bringt Gedanken und Gefühle zur Ruhe und relativiert Probleme.
Mein isländischer Lieblingsspruch: Thetta reddast – das wird schon irgendwie.
Zu Ihren Büchern: Sie haben bisher einige historische Romane verfasst. Was beeindruckt Sie an den Epochen, über die Sie geschrieben haben?
Meine Bücher spielen im 11. Jahrhundert. Das 10. und 11. Jahrhundert ist eine Zeitspanne, die von der Geschichtsschreibung nicht ganz so dicht erfasst ist wie das Hochmittelalter. Das Leben war auch an Königshöfen noch ursprünglicher und die Entfernung von Herr zu Dienstbote nicht ganz so weit. Das änderte sich in den kommenden Jahrhunderten, so wie auch die Mode immer mehr Abgrenzungen schuf. Mentalitätsgeschichte ist ja eine ganz faszinierende Thematik, und ich fand die Ängste und die Vorstellungswelt in der Zeit vor dem Hochmittelalter spannend.
Dass es nun die 60ger Jahre des 11. Jahrhundert geworden sind, lag einfach an der spannenden Geschichte über jenen Thronfolgestreit in Schweden 1067, in den Erik und Alienor verwickelt werden.
Robert Guiscard, die große Figur aus der „Rose von Salerno“ und „Die Totenfrau des Herzogs“, hat mich durch seinen Werdegang zutiefst beeindruckt: ein Wikinger (im Geiste) schlägt sich zielstrebig an die Spitze eines mächtigen Reiches durch, vorbei an Königen und Päpsten. Ein echter Kerl – so was gibt es heute nicht mehr.
Würden Sie gerne in einer anderen Zeit leben? In welcher und wo wäre das?
Nein, definitiv nicht.
Das, was wir in historischen Romanen schildern, ist doch immer ein rosa getünchtes Bild, um Leser nicht zu verschrecken. Würde man Zustände so schildern wie sie wirklich waren, würde das niemand lesen wollen. Entweder weil es zu langweilig wäre, oder weil es zu ekelhaft wäre. Und so würde auch niemand ernsthaft leben wollen.
Kürzlich hat eine Abiturientin eine Abschlussarbeit über meine „Waldgräfin“ verfasst und wollte über das Thema „Emanzipation“ schreiben. Sie hat ziemlich gestaunt, als ich ihr erklärte, dass Alienor alles andere als emanzipiert gewesen ist, sondern für ihre Zeitgenossen einfach nur dumm: ein mittelalterlicher, frei geborener Mensch verlässt nicht sein Lebensumfeld – er kann sich auch nicht aus „Abhängigkeiten befreien“ wie der Werbetext sagt – weil es nämlich keine Abhängigkeit ist, sondern das was einen am Leben erhielt: die familiäre Struktur.
Die Erfindung des Individuums gehört in spätere Epochen – ein mittelalterlicher Mensch käme vermutlich kaum auf den Gedanken, das zu tun was wir ihm so gerne andichten, weil er zutiefst davon überzeugt war, dass Gott ihn an den richtigen Platz gesetzt hat. Nicht einmal Bettler haben ihre niedrige Position hinterfragt.
Natürlich hat es zu jeder Zeit auch Menschen gegeben, die sich „anders“ verhalten haben und „dumme“ Dinge getan haben. Aber sie wurden von ihren Zeitgenossen sicher eher nicht als herausragend oder besonders tapfer angesehen. Das ist der moderne Blickwinkel.
Ich bin sehr dankbar, dass ich heute leben darf – in Freiheit und Würde.
„Der letzte lange Sommer“ beschäftigt sich mit einer Deutschen, die ein Jahr in Island leben möchte. Wie viele eigene Erfahrungen stecken in der Protagonistin?
Was kaum ein Leser hier in Island glauben mag: ich bin nur zweimal vor vielen Jahren als Tourist hier gewesen, und habe einmal für 10 Tage im Schafstall gearbeitet. Mehr Erfahrungen gab es nicht.
Aber diese 10 Tage gehören mit zu dem Beeindruckendsten, was ich in meinem Leben erlebt habe, weswegen dieses Buch auch so wichtig für mich ist.
In den Tagen erlebten wir so ziemlich alles, was es rund um Schafgeburten so gibt, und die Korrekturleserin, die selber Schafzüchterin ist, meinte, sie hätte aus meinem Buch noch was gelernt.
Ich könnte mir ernsthaft vorstellen, in die Schafzucht zu gehen, es gibt kaum etwas Beglückenderes als Lämmer in die Welt zu holen und aufwachsen zu sehen.
Planen Sie schon einen weiteren Roman? Wird dieser wieder in die historische Ecke gehen oder haben Sie davon erstmal genug?
Ich habe schon konkrete Ideen für zwei weitere historische Romane, die beide in Deutschland spielen und spannende Plots haben. Die Vorrecherchen sind bereits abgeschlossen.
Natürlich würde ich auch gerne mal was anderes versuchen (mit dem Islandbuch ist das ja gelungen), aber als Autor ist man in der Regel an ein Genre gebunden und Leser haben oft Probleme, einen Genresprung zu verzeihen. Am Ende entscheiden die Verkaufszahlen, wo man sich positioniert – das kann man ruhig so deutlich sagen.
Ein historischer Roman über Island wäre ja auch mal etwas Neues…
In der Tat und eine völlig andere Welt. Die isländischen Sagas faszinieren mich sehr. Sie stecken voller starker Frauen, deren Gedankenwelt wir Mitteleuropäerinnen allerdings kaum nachvollziehen können. Ich bin nicht sicher, ob ich das vermitteln könnte. Die Sagas sind zudem vollkommen frei von Romantik.
Zu einem Islandroman aus den 50ger Jahren gibt es auch schon einen konkreten Plot.
Vielen Dank für das Interview, liebe Frau Trodler!
Dieses Interview führte Jasna Strick für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Rezension zu "Die Rose von Salerno"
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Comments
Ansonsten ein interessantes Interview.
Viele Grüße,
Jasna