Donnerstag, den 12. Februar 2009 um 21:32 Uhr
Interview: Sebastian Herrmann
Herr Herrmann, zuerst einmal meinen Glückwunsch zum erfolgreich aufgebauten „Hemnes“! [Anm.: „Hemnes“ heißt ein Tagesbettgestell von Ikea]
Vielen Dank. Es war ein harter Kampf, Hemnes aufzubauen. Immerhin habe ich danach wieder etwas Vertrauen in meine handwerklichen Fähigkeiten bekommen. Denn mein Schwager in spe, der Handwerkermeister ist und sein ganzes Haus selbst gebaut hat, musste mit den gleichen Problemen kämpfen wie ich.
Wieso ausgerechnet ein Buch über Ikea? Wie kamen Sie auf die Idee?
Das hat sich aufgedrängt. Ikea scheint mein Schicksal zu sein und wie das Buch ja zeigt, habe ich ein durch und durch neurotisches Verhältnis zu dieser Firma. Man könnte das auch eine Hass-Liebe nennen. Ich habe mich lange als Opfer stilisiert und betrauert: Meine Freundin fährt sehr gerne zu Ikea und richtet unsere Wohnung sehr gerne ein. Ich bin immer mitgefahren und habe gemeckert, dass ich da schon wieder hin muss – ein paar Köttbullar oder ein Hotdog haben mich dann meistens wieder besänftigt. Je öfter ich mit anderen darüber geredet habe und je mehr Wohnungen ich von innen gesehen habe, desto klarer wurde mir, dass Ikea nicht nur mein Schicksal ist, sondern das vieler anderer Menschen.
Wie lange hat das Schreiben gedauert? Haben Sie lange recherchiert?
Ungefähr ein Jahr. Schreiben und recherchieren liefen dabei parallel. Das Buch enthält ja viele Anekdoten von Freunden und Bekannten – so was ergibt sich immer wieder mal.
Wo haben Sie die im Buch erwähnten Fakten zum Unternehmensaufbau, der Geschichte von Ikea und den Daten der Artikel her?
Der Unternehmensaufbau ist zum Teil in Veröffentlichungen von Ikea selbst und zum Teil in anderen Büchern beschrieben. Das britische Nachrichtenmagazin The Economist hat einmal vor etwa einem Jahr sehr gut beschrieben wie Ikea funktioniert und wie es dieses Konglomerat aus Stiftungen, Holdings und kleinen Unternehmen die unter anderem auf den niederländische Antillen sitzen schafft, Steuern zu sparen.
Wie schwierig war es, Informationen von Ikea selbst zu bekommen?
Ikea verhält sich wie jedes große Unternehmen und gibt nur sehr spärlich Informationen heraus. Immerhin haben sie mir verraten, was die zehn erfolgreichsten Ikea-Artikel sind.
Sie verhehlen nicht, dass Sie selbst Ikeaner sind und doch sehen Sie auch die negativen Seiten von Ikea. Denken Sie, es gibt eine Möglichkeit, aus dem Teufelskreis von Immer-Wieder-Neues-Kaufen auszubrechen?
V
ielleicht sollte man in eine kleinere Wohnung ziehen. Das würde helfen. Ansonsten glaube ich nicht, dass es ein Entrinnen gibt. Wohnungen müssen heutzutage ständig umdekoriert und neu eingerichtet werden. Das haben auch Ikea und seinen niedrigen Preisen zu verdanken. Ich habe lange Zeit gedacht, dass unsere Wohnung eines Tages fertig eingerichtet sein wird und wir dann beginnen zu wohnen – lesen auf dem Sofa und solche Sachen. Mittlerweile weiß ich aber, dass dies niemals der Fall sein wird – Wohnungen sind nie fertig eingerichtet.
Wie erklären Sie für sich selbst, abseits von marktwirtschaftlichen oder soziologischen Erklärungen, die Erfolgsgeschichte Ikea? Die Möbel sind günstig, ja, aber da muss es doch noch mehr geben?
Wir lieben dieses Unternehmen, das ist für mich der Hauptgrund. Es gilt den meisten Menschen als „gut“ - ein Attribut, das kaum ein vergleichbar großer Konzern auszeichnet. Ansonsten sind die Leute von Ikea Verkaufsprofis. Der Märkte sind perfekt durchgeplant, mit dem Ziel Umsatz und Gewinn zu steigern. Besuchen Sie mal einen anderen großen Möbelhändler in Deutschland, die wirken im Vergleich zu Ikea wie Amateure.
Sie erwähnen viele Freunde und Bekannte als Beispiele für den Ikeanismus. Haben die sich gefreut, dass sie in Ihrem Buch vorkommen?
Die meisten ja, die anderen werden sich sicher noch bei mir beschweren.
Ikea scheint mehr ein Frauen- als ein Männergeschäft zu sein. Wieso, denken Sie, fahren Sie als Mann immer wieder zu Ikea?
Weil ich mit einer Ikea begeisterten Frau zusammen lebe. Und weil ich nicht wüsste, wo ich sonst hin fahren soll, wenn ich so etwas einfaches wie ein Regal brauche.
Sie haben unter anderem Markt- und Werbepsychologie studiert. Lernt man in so einem Studium die Tricks der Firmen wie Ikea für den Verkauf?
Alle Tricks lernt man in so einem Studium nicht. Aber man bekommt das Handwerkszeug, mit dem sich das Verhalten von Käufern und Kunden besser verstehen lässt.
Hauptberuflich sind Sie Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“. Ist es schwierig, dies mit dem Autorsein zu vereinbaren?
Auf der einen Seite ist es hilfreich, denn als Journalist und Redakteur lernt man den Umgang mit Texten. Auf der anderen Seite es schwierig, weil eine Redakteursstelle nur zulässt, dass man am Abend oder am Wochenende an einem Buch schreibt.
Was kann man in Zukunft von Ihnen erwarten? Planen Sie weitere Bücher?
Ja, zwei Bücher sind in Vorbereitung, die noch dieses Jahr erscheinen werden. Eines beschäftigt sich mit den wundersamen Fähigkeiten unserer Körpersäfte.
Herr Herrmann, wir danken Ihnen für dieses Interview!
Dieses Interview wurde von Vanessa Lellig für Legimus geführt. Alle Rechte vorbehalten.
Unsere Rezension zu "Wir Ikeaner" findet ihr unter diesem Link: Wir Ikeaner, Rezension.




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