Sonntag, den 05. Juni 2011 um 06:50 Uhr

Lieber Herr Neuenkirchen, schön, dass Sie Zeit für ein Interview mit uns gefunden haben. Stellen Sie sich unseren Leserinnen und Lesern doch bitte kurz vor. Wer ist Andreas Neuenkirchen und was macht er so?
Ich gehe fünfmal die Woche beschwingt ins Büro, als Redakteur für die deutsche Dependance eines internationalen Online-Versandhandelsunternehmens. Ich gehe einmal die Woche zum Japanisch-Unterricht, was eigentlich viel zu wenig, manchmal aber viel zu viel ist. Ich bin sechs Tage die Woche Vegetarier. Gelegentlich arbeite ich als Journalist, aber nur noch nach dem Lustprinzip. Ich habe ein Buch geschrieben, und es dürfen gerne noch mehr werden. Zu meinen vielen literarischen Leichen im Keller gehören ein Bastei-Heftroman, der mir schrecklich peinlich ist und auf den ich schrecklich stolz bin, und ein Kriminalhörspiel, bei dem ich geschäftlich und künstlerisch übers Ohr gehauen wurde. Bin ich nicht in meiner Wahlheimat München, bin ich womöglich in meiner Wunschheimat Tokio. Bin ich da auch nicht, dann vielleicht in meiner Geburtsheimat Bremen. Ich mag Städte lieber als Dörfer, Neues lieber als Altes, Pop lieber als Klassik. Aber nur tendenziell. Ich möchte im nächsten Jahr den Tokyo Marathon laufen, aber das werde ich vorher ganz bestimmt niemandem auf die Nase binden.
Ihr Buch „Gebrauchsanweisung für Japan“ hat durch die Ereignisse in Japan eine – traurige – Aktualität erhalten. Werden Sie nun vermehrt darauf angesprochen?
In den ersten beiden Wochen nach den Naturkatastrophen gab es tatsächlich vermehrt Anfragen von Rundfunk und Presse. Das hat sich inzwischen wieder normalisiert.
Gelten Sie Journalisten als Experte? Würden Sie sich selbst auch so sehen?
Auch wenn es jedem klar sein dürfte, dass der Titel ironisch ist, lässt es sich wohl nicht vermeiden, als Experte wahrgenommen zu werden, wenn man ein Buch namens „Gebrauchsanweisung für Japan“ geschrieben hat. Ich fühle mich mit dieser Wahrnehmung allerdings nicht sonderlich wohl. Meine Beschäftigung mit Japan war und ist sehr intensiv, allerdings stark gesteuert von persönlichen Vorlieben. Von einem Experten erwarte ich, dass er die Landeskunde und die Sprache umfassend und mit Brief und Siegel studiert hat, und mehrere Jahre ohne nennenswerte Unterbrechung im Land gelebt hat. Beides trifft auf mich nicht zu. Vielleicht bin ich die Light-Version eines Experten. Schmeckt auch, ist aber weniger fett.
Wie kamen Sie auf die Idee, über Ihre Erlebnisse ein Buch zu schreiben? Hat der Verlag Sie darauf angesprochen? In der „Gebrauchsanweisung für ...“-Reihe existierte ja bereits ein Buch über Japan, von Gerhard Dambmann.
Während meiner ersten Japan-Reise hatte ich im Auftrag einer Zeitschrift ein Reisetagebuch geschrieben, das ein wenig aus dem Ruder lief. Es sollten um die fünf Seiten werden, wurden aber knapp 70. Bei späteren Reisen kamen weitere Texte zusammen, und irgendwann habe ich mit meiner Agentin versucht, Buchverlage dafür zu interessieren. Über einige Umwege ist schließlich das vorliegende Buch draus geworden. Piper hatte nett gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn es in der Gebrauchsanweisungen-Reihe erschiene. Hatte ich nicht, da ich die Reihe schon immer sehr gerne mochte. Das Buch von Gerhard Dambmann ist zum ersten Mal 1981 erschienen, man wollte den Titel wohl mal komplett erneuern. Ich rechne fest damit, dass in 30 Jahren irgendwer dahergelaufen kommt und mein Buch ersetzt. Aber hoffentlich wirklich erst dann.
Aus welchen Gründen sind Sie das erste Mal nach Japan gereist?
Ich sollte für ein Magazin über eine Videospiele-Messe berichten. Die Messe dauerte nur drei Tage, man hatte mich aber zehn Tage in Tokio eingebucht, weil es angeblich nicht anders ging. Kommt mir noch heute wenig plausibel vor, war aber ein absoluter Glücksfall für mein weiteres Leben.
Wie war Ihr erster Eindruck von diesem Land, das vielen Europäern fremd erscheint?
Noch vor meiner ersten Nachtruhe in Japan hatte ich mich schon zweimal böse verlaufen. Ich bin relativ spät abends auf dem Flughafen Narita gelandet und mit dem Bus nach Tokio gefahren, zu einem zentralen Bahnhof. Weil mein Hotel das Wort ‚Ginza‘ im Namen führte, war ich der naiven Auffassung, ich würde einfach mit der U-Bahn zur Haltestelle namens Ginza fahren, und da wäre dann gleich wie selbstverständlich mein Hotel direkt vor meiner Nase. Das war natürlich ganz und gar nicht so, der Ginza-Distrikt ist schon etwas weitläufiger, und es gibt dort deutlich mehr als ein Hotel. In diesen Hotels arbeiten zum Glück sehr freundliche und hilfsbereite Menschen, die mich letztendlich mit großer Geduld zum richtigen geleitet haben. Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, wollte ich vor dem Zubettgehen noch ein wenig die Gegend erkunden und hatte nach zwei Ecken wieder keinen blassen Schimmer, wo ich bin und wie ich wieder zurückkomme. Eigenartigerweise hat mich das aber kaum beunruhigt. Es war zwar schon spät, und hier und da prügelten sich ein paar betrunkene Geschäftsleute, aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich da reingezogen werden könnte. Ich bin durch die Convenience Stores geschlendert, die rund um die Uhr geöffnet haben, und war fasziniert von den unerwartet schmackhaften, manchmal auch kuriosen Fertiggerichten, die es dort gab. Ich habe übrigens erst bei einer späteren Reise erfahren, dass man die Gerichte vor Ort warm machen lassen kann. Schmecken aber auch kalt. Außerdem war ich fasziniert, dass man alkoholische Getränke aus frei zugänglichen Automaten an der Straße ziehen konnte. Das gibt es inzwischen allerdings nicht mehr. Zwischen prügelnden Geschäftsleuten, kuriosen Fertiggerichten und fragwürdigen Getränkeautomaten lässt sich mein erster Eindruck zusammenfassen als: Chaotisch, aber harmlos. So wie es mir gefällt.
Wie oft waren Sie inzwischen in Japan? Reisen Sie immer noch regelmäßig dorthin?
Ich habe aufgehört mitzuzählen. Seit 1999 bin ich mindestens einmal im Jahr drüben. Ich reise heute eher häufiger als seltener.
Könnten Sie sich vorstellen, dauerhaft in Japan zu leben?
Unbedingt. Aber einen Job für Erwachsene zu finden ist leider schwierig, wenn man die Landessprache immer noch aus Büchern lernt, auf denen Hundewelpen abgebildet sind.
Im Buch schreiben Sie von einer Bekannten, die Hello Kitty Artikel als Mitbringsel für ihre Tochter haben wollte – und dass Sie der kleinen Katze inzwischen auch erlegen sind. Werden Sie regelmäßig als „Importeur“ in Anspruch genommen?
Für besagte Tochter bringe ich weiterhin Hello-Kitty-Artikel mit, auch wenn die junge Dame inzwischen volljährig ist. Ich musste erfahren, dass jemand anders ihr ebenfalls Souvenirs aus Japan mitbringt. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie die vielleicht noch süßer findet als meine. Es ist ein Krieg der Niedlichkeit. Ansonsten hält sich meine Tätigkeit als Importeur in Grenzen.
Wie reagieren die Leute auf Ihre Reisen nach Japan, ist es heutzutage immer noch etwas besonders, in ein so fremd scheinendes Land zu reisen oder sieht man das viel abgeklärter?
Mein näheres Umfeld würde es eher ungewöhnlich finden, wenn ich mal längere Zeit nicht nach Japan reise. Flüchtige Bekannte reagieren interessiert, aber aus allen Wolken ist noch niemand gefallen. Oft höre ich: „Da würde ich auch gerne mal hin, aber mein Mann/meine Frau ist dafür nicht zu haben.“ Scheidungsgrund, würde ich sagen.
Wie reagieren umgekehrt die Japaner auf Sie, wenn Sie in Japan unterwegs sind? Ist man dort gastfreundlich und neugierig oder eher verschlossen?
Im Schnitt ist man eher zurückhaltend, aus Angst vor sprachlichen und kulturellen Missverständnissen. Selbstverständlich gibt es auch in Japan Idioten, die Ausländer am liebsten im Ausland wissen, und diese Meinung bei entsprechendem Alkoholpegel gern über den Bahnhof brüllen. Genauso hatte ich aber auf nächtlichen Bahnhöfen auch schon rührende Verbrüderungsszenen mit Männern, die ich gar nicht kannte, und die mich als Ausländer automatisch interessant fanden. Den ersten Kontakt herzustellen ist oft schwierig. Aber wenn man sich erst mal als harmlos und lernfähig etabliert hat, wird es meist sehr schnell sehr gemütlich. Als ich einer japanischen Bekannten einmal sagte, dass ich in Japan häufig misstrauisch beäugt werde, sagte sie: „Ach, die wissen nicht, dass du Deutscher bist. Die denken, du bist Amerikaner!“
Hand aufs Herz: Verständigen Sie sich in Japan in der Landessprache oder eher in Englisch?
In Läden, Restaurants, Kneipen, Kinos und ähnlichem versuche ich das Geschäftliche japanisch zu regeln. Beim Gespräch mit Freunden wechsle ich nach ein paar einleitenden japanischen Worten meist ins Englische und werfe hier und da mal eine japanische Floskel ein. Das bessert sich hoffentlich noch.
Was vermissen Sie am meisten von Deutschland, wenn Sie in Japan sind – und umgekehrt?
Ich sage das extrem ungern, aber ich vermisse in Japan tatsächlich deutsches Brot. Dabei finde ich den deutschen Brot-Fetisch eigentlich ganz furchtbar. Wir essen viel zu viel Brot! Wenn meine japanische Freundin mich in deutschen Supermärkten fragt, wie man dieses oder jenes esse, muss ich in 90% aller Fälle sagen: „Wir legen es auf Brot!“ Es ist mir unverständlich, dass im Ausland die Kartoffel als Symbol für alles Deutsche herhalten muss. Eigentlich müsste es graues, hartes, trockenes Brot sein. Und so wenig ich das mag: Es ist auf Dauer doch dem japanischen Brot vorzuziehen, das die Konsistenz von Zuckerwatte hat. Käse ist auch ein schwieriges Feld. Wer härteren Stoff als Scheibletten braucht, muss schon in die Weinhandlung im Snobviertel gehen und Snobpreise zahlen. Und überhaupt: Wein ... Sie merken schon, es sind in erster Linie lukullische Entbehrungen. Allzu schlimm ist das aber auch nicht, die japanische Gastronomie hat ja genug eigene feste und flüssige Nahrung, die man wiederum in Deutschland schwer oder nur überteuert bekommt. In Deutschland vermisse ich dann aber eher den zivilisierten Umgang der Menschen miteinander. Die oberflächliche Höflichkeit, mit der man sich in Japan begegnet, ist mir lieber als die oberflächliche Unhöflichkeit, mit der man sich in Deutschland anblökt. Pünktliche und saubere Busse und Bahnen kann man auch zu schätzen lernen. Oder Kaufhäuser und Supermärkte mit besetzten Kassen. Mag trivial klingen, aber das sind schließlich Dinge, mit denen man so gut wie täglich zu tun hat. Mehr als das vermisse ich freilich bestimmte Menschen und bestimmte Orte in Japan, was aber nicht in wenige Worte zu fassen ist.
Im Nachwort Ihres Buches erwähnen Sie die Stille, die in Deutschland im Vergleich zu Japan auffällig ist. Was sind Ihrer Meinung nach die markantesten Unterschiede zwischen den beiden Ländern? Was haben Sie gemeinsam?
Die Menschen sind sich von der Mentalität her gar nicht so unähnlich. Erst etwas verschlossen, aber dann unter Umständen doch ganz nett. Vielleicht wären die Menschen in Deutschland etwas weniger unwirsch, wenn sie nicht so häufig und so lange auf Busse und Bahnen warten müssten. In Japan denkt man als erstes an die Gesellschaft, dann erst an sich selbst, wenn überhaupt. Das mag für die persönliche Entfaltung Nachteile haben, es hat aber auch Vorteile. Durch dieses Gemeinschaftsdenken funktioniert der Alltag einfach viel besser, und wenn mal etwas nicht mehr funktioniert, dann findet man gemeinschaftlich blitzschnell einen neuen Weg, wie es wieder funktioniert. Wenn in Deutschland etwas nicht funktioniert, reagiert jeder für sich und völlig kopflos.
Welchen Rat würden Sie einem Deutschen oder Europäer geben, der das erste Mal nach Japan reist?
Wenn man sich nach westlichem Verständnis höflich benimmt, wird man als einfacher Tourist auch in Japan nicht in allzu viele Fettnäpfchen treten. Geschäftsreisende hingegen sollten sich schon etwas ausführlicher mit der Etikette beschäftigen. Bei sehr japanischen Aktivitäten, zum Beispiel dem öffentlichen Bad, sollte man sich vorher informieren, was von einem erwartet wird. Es kann nicht schaden, sich die Schriftzeichen für ‚Damen‘ und ‚Herren‘ zu merken. Aber eigentlich kann ich nur betonen: Man muss vor Japan keine Angst haben! Die Japaner wissen ja selbst am besten, dass sie was Besonderes sind, und Ausländer ihre Gepflogenheiten nicht komplett nachvollziehen können. Das wird also auch nicht erwartet.
Herr Neuenkirchen, wir danken Ihnen herzlich für das Interview!
Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite.
Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Rezension von "Gebrauchsanweisung für Japan"
Legimus trifft ... Andreas Neuenkirchen



