Sonntag, den 24. Juli 2011 um 06:51 Uhr

Liebe Susanne, schön, dass du Zeit für ein Interview mit uns gefunden hast. Stell dich unseren Leserinnen und Lesern doch bitte kurz vor. Wer bist du und was machst du so?
Ich bin 33 Jahre alt und lebe als Journalistin in München. Ich schreibe sowohl Artikel für Zeitungen und Zeitschriften als auch alle paar Jahre ein Buch. Im Mai ist von mir "Hab ich selbstgemacht. 365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte" erschienen.
Du hast dich dem Experiment gestellt, ein Jahr lang so viel wie möglich selbst zu machen, statt es zu kaufen. Kannst du uns kurz erklären, wie es dazu kam?
Der, dass immer mehr Menschen immer mehr selber machen, wurde in den letzten Jahren immer deutlicher. Und ich wurde neugierig: Warum tun die das?
Hat dieses Jahr dich verändert? Siehst du die Konsumwelt nun oftmals mit anderen Augen?
Ja, es hat mich verändert, ich mache auch nach dem Jahr noch viele Dinge selbst. Und ich vermeide, allzu billigen Schrott zu kaufen. Weil ich gelernt hab: Auch wenn etwas, zum Beispiel ein Kleid nur 15 Euro kostet, steckt da sehr viel Arbeit drin. Also kriegt jemand ziemlich wenig Geld für diese Arbeit.
Kannst du inzwischen Socken stricken und hast du auch die anderen Vorsätze umgesetzt, die du im Epilog des Buches angekündigt hattest? Was machst du weiterhin selbst?
Ich backe, nähe und stricke auch jetzt noch. Die anderen guten Vorsätze müssen noch ein bisschen warten, momentan spannt mich meine zehn Wochen alte Tochter noch ziemlich ein. Aber Weihnachten gibt es selbstgestrickte Socken für alle - dieser Vorsatz steht!
Was hast du für dein Kind schon alles selbst gemacht?
Ich habe eine alte Kommode zur Wickelkommode umgebaut, das hat viel Spaß gemacht, weil ich gern mit der Stichsäge und dem Akkubohrer hantiere, und ich habe ihr zwei Strickjacken gestrickt, Decken genäht und einen kleinen Hasen gestrickt. Für so ein Baby kann man eine Menge selber machen, weil die meisten Dinge recht schnell gehen - es ist ja alles klitzeklein.
Hast du Lust, noch mehr Fähigkeiten zu erlernen oder hast du erst mal genug?
Ich glaube, ich werde immer mal wieder Neues ausprobieren. Vielleicht noch nicht in allzu naher Zukunft. Aber gerade mit etwas größeren Kindern stelle ich mir das sehr spannend vor, noch mehr Dinge des Alltags selbst herzustellen.
Wie alltagstauglich ist es, alles selbst herzustellen?
ALLES kann man nicht selbst herstellen. Der Alltag wäre dann futsch, weil man nur damit beschäftigt wäre, die elementarsten Dinge herzustellen.
Gibt es Dinge, die du selbst besser hinbekommen hast als die Industrie und welche Produkte aus dem Supermarkt / Kaufhaus hast du in deinem Selbermachjahr besonders vermisst?
"Besser" ist ja so eine Sache. Perfekt kriegt es natürlich nur eine Maschine hin, aber individuell kriegen es nur die eigenen Hände hin, insofern habe ich es je nach Perspektive und Anspruch an das Ergebnis besser oder schlechter hingekriegt als die Industrie. Und vermisst habe ich natürlich all die einzelnen Sachen, die ich normalerweise konsumiere. Weil das, was ich selbstgemacht habe, kein Ersatz, sondern einfach etwas ganz anderes war.
Sind dir in deinem Selbermachjahr auch Menschen begegnet, die das Experiment überhaupt nicht verstehen konnten? Erschien es deinem Umfeld seltsam oder abwegig, gewisse Dinge nicht mehr zu kaufen und stattdessen selbst zu machen?
Die häufigste Reaktion war: "Ich will eigentlich auch viel mehr selber machen!" Die Reaktionen waren also überwiegend eher positiv. Manchmal auch amüsiert, wenn ich zum Beispiel von meiner ekligen selbstgemachten Zahnpasta erzählte.
Warum ist das Stricken in den USA der neue Trend und hier immer noch ein Nischenhobby? Was setzt du denen entgegen, die Stricken immer noch als Beschäftigung für ältere Damen sehen?
Eigentlich gar nichts. Wer es bescheuert findet, findet es bescheuert. Das ist vermutlich bei jedem Hobby so. Und zum Glück gibt es ja immer auch genug Menschen, die es super finden und gar nicht spießig oder altbacken.
Findet man dich in den gängigen Do-it-Yourself-Communities oder werkelst du lieber ganz für dich alleine?
Ich bin bei der Burda-Community und habe auch einen Ravelry-Account. Allerdings nutze ich diese Angebote eher dafür, mich inspirieren zu lassen und Schnitt- und Strickmuster zu finden, weniger um mich auszutauschen, dafür reicht die Zeit neben dem Selbermachen selbst leider meistens nicht.
Gibt es schon Pläne für ein neues Buch oder woran arbeitest du derzeit? Kannst du uns da schon etwas mehr verraten oder ist lässt das Kind zunächst eh keine Zeit fürs Schreiben?
Erst einmal habe ich ein halbes Jahr Elternzeit, anschließend werde ich wieder als Journalistin arbeiten. Und in den kommenden Jahren wird es auch sicher wieder ein Buch geben, Ideen habe ich schon, aber was es genau wird, weiß ich noch nicht, ich lass mich selber überraschen.
Vielen Dank für das Interview, liebe Susanne, und natürlich alles Gute für die Zukunft mit Baby!
Dieses Interview führte Jasna Strick für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Unsere Rezension von "Hab ich selbst gemacht"



