Sonntag, den 25. Dezember 2011 um 09:58 Uhr

(c) Olivier Favre 2009
Liebe Frau Gablé, schön, dass Sie wieder Zeit für ein kurzes Interview mit uns gefunden haben. Vor kurzem ist Ihr neuer Roman „Der dunkle Thron“ erschienen. Wie lange haben Sie daran geschrieben?
Ungefähr zwei Jahre.
Sind Sie diesmal wieder zur Recherche nach England? Welche Bücher haben Sie zur Recherche gelesen, die Sie auch Ihren Lesern empfehlen könnten?
Ja, ich war, wie bei fast allen Büchern, mehrmals zur Recherche in England, vor allem in London. Aber der wichtigste Bestandteil der Recherche ist immer noch das Lesen der Fachliteratur. Die war dieses Mal sehr umfangreich. Über einen Mangel an Material konnte ich wirklich nicht klagen ;-) Nur eines der Bücher, die ich benutzt habe, gibt es auch auf Deutsch, und das kann ich allen Interessierten nur wärmstens ans Herz legen: Antonia Fraser, Die sechs Frauen Heinrichs VIII. Sehr spannend und gut lesbar.
Nutzen Sie auch andere Historikromane zur Recherche oder sind diese aufgrund Ihrer Fiktionalität unbrauchbar?
Nein, ich lese nie Romane, die die gleiche Epoche behandeln, über welche ich gerade recherchiere und schreibe. Ich mache mir lieber selbst ein Bild auf Grundlage der Quellen und der historischen Fachliteratur.
Wie kam es, dass Sie sich dafür entschieden, dass Nick of Warringham auf Marys Seite steht: Lässt dies Ihre eigene Sympathie für Mary erahnen oder hatte es andere Gründe?
Ich wollte vor allem eine historische Hauptfigur für meinen Roman, die noch nicht so häufig in Büchern, Filmen etc. behandelt wurde wie etwa Henry VIII. und seine Ehefrauen. Und je mehr ich über Mary las, desto interessanter fand ich sie, und ich war der Meinung, dass sich ein genauerer Blick auf diese Frau – die erste regierende Königin Englands – lohnt. Ich verstehe sie jetzt besser als vorher, und ich hoffe, meinen Leserinnen und Lesern ergeht es genauso. Aber Sympathie für Mary zu empfinden, ist aus heutiger Perspektive schwierig. Sie war einfach zu fanatisch in Religionsfragen. Dieses Übel teilte sie allerdings mit vielen ihrer Zeitgenossen – was gerne verschwiegen oder unter den Teppich gekehrt wird.
Was hätte Nick wohl zu der späteren Mary, der Bloody Mary, gesagt? Immerhin ist Mary fast genauso brutal gegen Protestanten vorgegangen wie ihr Vater gegen Leute, die nicht taten, was er wollte.
Warten Sie ein paar Jahre, dann erzähle ich es Ihnen ;-)
Nicks Vater ist Reformer, Nick hingegen kann sich nicht in allen Punkten dem Programm der Reformer anschließen. War es nicht recht modern für die damalige Zeit, wenn man der Kirche kritisch gegenüberstand und mit seinem Glauben nicht so im Reinen war, so wie bei Mary der Fall?
Es war ein sehr typisches Symptom der Reformationszeit, der Kirche kritisch gegenüberzustehen und nicht im Reinen mit seinem Glauben oder mit Gott zu sein. Ich denke, wir können uns heute nur noch schwer vorstellen, wie sehr die Menschen damals darunter gelitten habe. Bei jedem Machtwechsel im Kronrat Henrys VIII. gab es eine Kehrtwende in Religionsfragen. Dann kam der radikal protestantische Edward VI., dann die super-katholische Mary. Die unerschütterliche Glaubensgewissheit, die das Mittelalter geprägt hat, war dahin, und die Menschen wussten überhaupt nicht mehr, was sie glauben sollten oder durften.
Henry VIII. kommt nicht gut weg in Ihrem Buch. War er wirklich so herrschsüchtig und erbarmungslos wie es immer heißt? Würden Sie ihn als guten oder als schlechten König bezeichnen?
Ich habe Henry, seine Persönlichkeit und seine Regentschaft so geschildert, wie sie sich aus den Quellen erschließen. Man braucht nichts hinzuzudichten, um ihn als erbärmlichen Herrscher und abscheulichen Menschen darzustellen. Er war einer der schlechtesten und unfähigsten Könige, die England je hatte.
Henrys Frauenverschleiß ist geradezu legendär. Wie sah man den König, der zwei seiner Frauen hinrichten ließ, im Ausland?
Mit Befremden, später auch mit Hohn und Verachtung. Das lag nicht so sehr am Frauenverschließ, sondern an seiner miserablen Außenpolitik, mit der er England vollkommen isoliert hat. Aber auch seine Ehen prägten natürlich das Bild, das man sich im Ausland von ihm machte. Eine Dame, die als Ehefrau Nr. 4 in der engeren Wahl war – ich glaube, es war eine Italienerin – lehnte ab mit dem Hinweis, sie habe leider nur einen Kopf, und den würde sie gern behalten …
Sie stehen in Kontakt mit Ihren Fans, beispielsweise auf Facebook. Als es um den Titel von „Der dunkle Thron“ ging, haben Sie auch einmal nach der Meinung Ihrer Leser gefragt. Wie fielen bisher die Meinungen zum Buch aus, verfolgen Sie Rezensionen und Diskussionen im Internet?
Das Feedback zum Roman, das mich bisher erreicht hat, ist sehr positiv. Ich durchkämme aber nicht das Internet auf der Suche nach Kritiken und Diskussionen. Dazu fehlt mir schlicht die Zeit. Ich finde es offen gestanden auch besser, wenn die Leserinnen und Leser in ihren Foren unter sich sind und nicht das Gefühl haben, sich höflich ausdrücken zu müssen oder ähnliches, weil der Autor/die Autorin mitliest. Und für diejenigen, die mir ihre Meinungen mitteilen möchten, bin ich ja im Netz nicht schwer zu finden.
Können wir mit einem fünften Band zu den Warringhams rechnen? Was planen Sie als nächstes Projekt?
Ja, ich habe vor, die Waringham-Saga fortzusetzen, aber nicht sofort. Als nächstes wird es mal etwas ganz anderes geben, nämlich einen Roman über das deutsche Mittelalter.
Vielen herzlichen Dank für das Interview!
Interview mit Rebecca Gablé (1)
Hörbuchrezension "Der dunkle Thron"
Hörbuchrezension "Das zweite Königreich"
Hörbuchrezension "Der König der purpurnen Stadt"
Hörbuchrezension "Von Ratlosen und Löwenherzen"
Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten!



