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Interview: Thomas Thiemeyer
Thomas, dein neuer Roman „Nebra“ ist kürzlich erschienen und so begegnen wir uns wieder. Steigen wir direkt ein. Worum geht es genau in „Nebra“?

Walpurgisnacht 1988. Während eines Schulausflugs an den Brocken entfernen sich vier Jugendliche unerlaubt vom Rest der Gruppe, um einige Höhlen zu erkunden. Was als Abenteuer beginnt, verwandelt sich in einen furchtbaren Alptraum: Die Jugendlichen geraten in die Fänge einer brutalen Sekte, die sie als Menschenopfer darbringen will. In letzter Sekunde gelingt es dreien der Schüler zu entkommen; ein Mädchen allerdings stirbt während eines blutigen Rituals.

Zwanzig Jahre später. Die Archäologin Hannah Peters hat das Privileg, im Auftrag der Landesregierung von Sachsen-Anhalt die geheimnisvolle Himmelsscheibe von Nebra zu untersuchen. Eine ehrenvolle Aufgabe, die allerdings auch mit einigen Mühen verbunden ist.
Nicht nur, dass Hannah von ihrem Chef, der rasch Erkenntnisse vorliegen haben möchte, ganz schön unter Druck gesetzt wird. Zudem erweist es sich auch als äußerst schwierig, konkrete Anhaltspunkte zu finden, die den geheimnisvollen Hintergrund des Fundstücks erhellen könnten.
Der Tipp eines alten Freunds führt Hannah schließlich in den Harz. Hier stößt sie tatsächlich auf erste heiße Spuren. Doch ihre Nachforschungen bringen sie auch in höchste Gefahr, denn schon bald gerät sie in den Bann einer Sekte, die in der Himmelsscheibe ein wesentliches Puzzlestück zur Durchführung eines geheimnisvollen Rituals sieht...

War es dein Titelvorschlag, der beim Verlag durchkam oder hattest du etwas anderes im Kopf gehabt?

Überraschenderweise hat der Verlag meinen Titelvorschlag diesmal akzeptiert. Aber vermutlich nur, weil ihnen selbst nichts besseres eingefallen ist … ;-)
Hinzu kommt, dass ja alle meine Buchtitel auf "a" enden müssen. Als Autor muss man einen gewissen Wiedererkennungseffekt haben, um sich im Buchhandel behaupten zu können. So gesehen war es der Wunsch des Verlages, meinen Büchern einen Wiedererkennungseffekt über den Titel und die Umschlagillustration zu geben (die ich ja, nach wie vor, selbst gestalte).

Die Protagonistin Hannah Peters kennen die treuen Leser ja schon aus „Medusa“. Was bewog dich ein Wiedersehen zu arrangieren?

Hannah ist einer der Charaktere, bei denen ich nach Abschluss des ersten Romans das Gefühl hatte, dass sie noch Entwicklungspotenzial hat, dass ich noch nicht alle Tiefen ausgelotet habe. In "Medusa" gelang es ihr zum ersten Mal seit langer Zeit, sich wieder einem anderen Menschen zu öffnen und deine Beziehung einzugehen, in "Nebra" findet sie sogar zu ihrer Familie zurück. Hannah ist mir selbst sehr ähnlich. Sie ist ein Eigenbrötler, ein Skeptiker und ein neugieriger Mensch. Sie will den Dingen auf den Grund gehen und erlebt dabei Dinge, die zum Teil lebensgefährlich sind. Als ich sie zum ersten Mal angelegt hatte, wusste ich das alles noch nicht. Ich glaube starke Figuren entstehen einfach – auch ohne Zutun des Autors. Mittlerweile ist mir die Archäologin so ans Herz gewachsen, dass ich mir vorstellen könnte, einen weiteren Roman mit ihr zu schreiben.

Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet und wie sah die Recherche aus?

Die Recherche hat – wie bei fast allen meinen Romanen – die meiste Zeit in Anspruch genommen. Sie erstreckte sich über mehrere Jahre, wobei sie immer "nebenher" stattgefunden hat. Von der Himmelsscheibe habe ich zum ersten Mal 2002 in einem Artikel der National Geographic erfahren. Seitdem hat mich das Thema nie ganz losgelassen. Ich war auch ein paar mal vor Ort - also in allen erwähnten Orten rund um den Brocken und natürlich im Landesmuseum in Halle, wo man mir eine "Backstage-Führung" genehmigt hat. Das Museum ist großartig. Eines der schönsten seiner Art in Deutschland. Ich kann es jedem, der nach Halle kommt, nur wärmstens empfehlen.
Das eigentliche Schreiben hat etwa ein Jahr in Anspruch genommen.

Bei einer Sache fällst du in ein Thriller-Klischee: „Kein Thriller kommt ohne Beziehungskiste aus“ - und auch der Leser stolpert nach den ersten Seiten mitten hinein.  Warum hast du dich für diese Schiene entschieden?


Alle großen Abenteuergeschichten sind verkappte Liebesgeschichten. Es geht um eine Suche – und zwar in doppelter Hinsicht. Um die Suche nach einem, wie auch immer gearteten, Schatz, aber auch um die Suche nach sich selbst. Ein Protagonist, der unverändert von einer solchen Suche heimkehrt, ist eine einzige Enttäuschung. Und was kann einen Menschen stärker verändern als die Liebe? Auch wenn diese manchmal enttäuscht wird. So gesehen schreibe ich eigentlich Liebesromane, die ich, der besseren Verkäuflichkeit wegen, als Thriller tarne. Aber nicht verraten…

Glaubst du, dass an der Himmelsscheibe in Zukunft noch große Entdeckungen gemacht werden?

Es gibt eine Menge interessanter Theorien über die Scheibe. Viele davon greife ich in "Nebra" auf und spinne sie weiter. Ich glaube aber, dass die Wissenschaft nicht wirklich weiterkommt, ehe sie nicht eine zweite, dritte (oder vierte?) Scheibe findet. Erst dann werden sich die letzten Fragen endgültig klären lassen.
Also, liebe Forscher, haltet euch ran.

Wenn du abschätzen müsstest: Wie viel vom Roman ist Fakt und wie viel Prozent sind dann schon erdacht?

Der Vorteil bei "Nebra" war, dass ich mich diesmal auf einen Berg sauber recherchierten Materials stützen konnte. Die Scheibe und alles, was damit zusammenhängt, ist bereits erforscht und relativ gut zugänglich. Ich konnte also die verschiedenen Theorien nehmen und einen geistigen "Überbau" schaffen. Nehmen wir zum Beispiel die Wolfswesen. Ich habe mich an den nordamerikanischen "Skinwalkern" orientiert, einer Schamanenkaste, die durch Einnahme psychoaktiver Substanzen den Bewusstseinszustand eines Wolfes oder Schakals annehmen. Da es in allen Naturvölkern ähnliche Riten gibt, darf man also getrost davon ausgehen, dass ein ähnlicher Naturglaube auch in der Jungsteinzeit oder frühen Bronzezeit in unseren Breiten existiert hat. Die Kulturen der frühen Bronzezeit sind hinlänglich erforscht. Gewiss, es gibt noch viele Details, über die man sich noch nicht im klaren ist, aber die Basis – Druidenkult und weiblicher Schamanismus - ist belegt.
Der Dämon hingegen ist reine Fiktion. Mich hat die Frage gereizt, worauf unser Bild vom Teufel fußt. Wenn man sich bestimmte Dämonen aus dem alten Babylon ansieht, entdeckt man erschreckende Übereinstimmungen. Zusammen mit dem Wissen um die Bronze, die ebenfalls aus dem Nahen Osten stammt, und der exotischen – um nicht zu sagen mesopotamischen - Symbolik der Himmelsscheibe, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass mehr dahinter steckt als bloßer Zufall.
Um es mal in Prozent auszudrücken: 80% sind Fakt, 20% Phantasie.

Wo kann man dich in diesem Jahr live treffen – auf welchen Messen und Lesungen bist du vertreten?

Der große Rummel ist beinahe schon vorbei. Ich war um den Erscheinungstermin (16.02) für eine Woche auf Lesereise, habe dann noch eine Journalistenreise und einen Fernsehdreh absolviert und war gerade eben erst auf der Leipziger Buchmesse. Was jetzt noch folgt, ist der "Lindauer Literaturschmaus" (zusammen mit Thomas Kastura am 28.03.) und eine Lesung in der Thalia Ludwigsburg am 21.04. Und dann erscheint im Herbst ja noch mein Jugendroman, bei dem es sicher auch einige Veranstaltungen geben wird (einschließlich Frankfurter Buchmesse). Genaues werde ich auf meiner Website verkünden, sobald ich Termine bekomme.

Und lass mich raten: Dein nächster Roman ist bereits in Arbeit, aber du darfst nichts über den Inhalt verraten?

Noch besser: Ich habe unter meinen neuen Roman vor wenigen Tagen das Wörtchen 'Ende' geschrieben. Es ist ein sechshundert Seiten dicker Abenteuerschmöker, in dem es um eine Art Raum/Zeit-Portal geht, durch das einige Wissenschaftler in eine andere Welt verschlagen werden. Ich war 2008 auf Recherchereise in Uganda und habe dort die Region des Afrikanischen Grabenbruchs bereist. Natürlich war ich auch bei den Berggorillas, die in der Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Der erste Korrekturdurchlauf ist gemacht und ich bin sehr zufrieden. Jetzt muss die Geschichte erst noch eine Weile ruhen, ehe ich mich ein zweites Mal daran mache. In der Zwischenzeit werde ich mit dem 2. Band meines Jugendbuchzyklus beginnen...

Der Buchkritiker Alex Dengler fordert eine Verfilmung und steht damit sicherlich nicht alleine. Wie schaut es da bisher aus – irgendwelche Neuigkeiten, die Hoffnungen auf bewegte Bilder machen?

Nada. Bis jetzt weiß ich von nichts. Aber vielleicht findet Dengles Aufruf ja Gehör im fernen Hollywood. Wobei ich bei "Nebra" auch mit einer soliden Deutschen Firma sehr zufrieden wäre…

Thomas Thiemeyer kennt man im Abenteuer-Thriller-Genre mit Phantastik-Elementen. Könntest du dir einen Bruch vorstellen und mal abseits dieser Grade schreiben – High Fantasy oder Krimi oder bleibst du deinem Stil treu?


Ich bewege mich mit meinen Romanen ohnehin in einem Grenzbereich zwischen allen möglichen Genres, so dass ich nicht das Gefühl habe, auf irgendetwas verzichten zu müssen. Medusa hatte einen Fantasyeinschlag, Reptilia einen Hauch Horror, Magma war eine Katastrophengeschichte, Nebra wiederum ist historisch angehaucht. Mein nächster Erwachsenenroman hat eine starke Krimi-Schiene, wird aber auch in die Science-Fiction hinüberspielen. So gesehen kann ich mir von allem das Beste rauspicken. Warum sollte ich wechseln wollen?

Der Tag, wenn ein neues Buch von dir erscheint. Hast du irgendein Mantra, das du gerne durchführst? Machst du beispielsweise einen Spaziergang durch die Buchhandlungen, köpfst du eine Flasche Sekt oder geht der Tag doch ohne Besonderheiten eher vorbei?

Der Erscheinungstag ist meistens mit Arbeit gespickt. Premierenlesungen, Interviews, und so weiter. Ganz anders der Tag, an dem ich das Wörtchen "Ende" schreibe. Da bin ich meist in Feierlaune.

Bekommst du viel direktes Feedback von den Lesern oder ist das eher selten?

Direktes Feedback bekomme ich hauptsächlich bei Lesungen oder von Freunden/Bekannten. Man kann sich unterhalten, diskutieren, sich kritisieren oder loben lassen und dazu Stellung nehmen. Das genieße ich sehr. Dann gibt es natürlich noch die Rezensionen und Amazon-Kritiken. Auch das ist interessant, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene.

Beim letzten Literaturnobelpreis wurde kritisiert, dass der Gewinner unbekannt und auch nicht erfolgreich bis dato war – wie stehst du eigentlich zu Verleihungen, Preisen und Ehrungen? Anerkennung oder letztendlich doch nur Blendung?

Ich muss gestehen, dass ich mir darüber noch nicht viele Gedanken gemacht habe. Da ich mit meinen Romanen eh kaum eine Chance habe, jemals einen Preis zu gewinnen, lässt mich das relativ kalt. Die Frage, die ich mir aber häufig stelle, ist, ob es den Veranstaltern wirklich nur darum geht, einem aufstrebenden Talent etwas Gutes zu tun und es zu fördern, oder ob sie selbst einfach gerne im Rampenlicht stehen. Denn seien wir ehrlich: So ganz uneigennützig sind solche Preisverleihungen nie…

Thomas, ich danke für das Interview!


Immer wieder gerne.


Dieses Interview wurde von David Richter für Legimus geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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