Donnerstag, den 14. Mai 2009 um 21:55 Uhr
Frau Akgün, Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Bundestagsabgeordnete nun auch Autorin. Wie kam es dazu, dass Sie ein Buch über Ihre Familie schreiben wollten?
Ich komme aus einer Familie mit einer großen Erzähltradition. Bei uns in der Familie wurde immer erzählt, das ist übrigens eine sehr orientalische Tradition. Wenn Sie von einem Ereignis berichten, sagt bestimmt irgendwer „Da fällt mir eine Geschichte zu ein“, und er fängt an zu erzählen. So war auch unsere Familie.
Dazu kommt, dass ich Psychotherapeutin bin, da geht es auch um Geschichten, persönliche Geschichten, Familiengeschichten und den Umgang damit.
Als Therapeutin bin ich von der Einzigartigkeit jeder Familie überzeugt. Deswegen habe ich ein Problem damit, wenn manche Autoren „die türkische Familie an sich und im allgemeinen“ beschreiben. Als ob es die türkische Familie gebe! So wenig, wie die deutsche oder die italienische Familie existiert
Ich wollte ein Buch schreiben über eine einzige Familie, und zwar meine, weil ich sie am besten kenne.
Der Untertitel Ihres Buches lautet „Geschichten aus meiner türkisch-deutschen Familie“. Fühlen Sie sich inzwischen ein Stück weit mehr als Deutsche denn als Türkin oder überwiegt der türkische Anteil (weswegen ja auch erst das „türkisch“ im Untertitel steht und dann das „deutsch“)?
Ich habe meine türkischen und deutschen Anteile nicht gewogen. Fakt ist, dass meine Persönlichkeit durch diese beiden Kulturen geprägt worden ist. Die Frage: „Fühlen Sie sich mehr als Deutsche oder als Türkin?“ erinnert mich an die Frage, die man gern an kleine Kinder stellt: „Wen liebst Du mehr? Deine Mama oder deinen Papa?“
Bücher über Einwandererfamilien sind momentan sehr beliebt (siehe „Maria, ihm schmeckt's nicht!“). Was denken Sie über solch eine „Modeerscheinung“ in der Literatur? Kann das positive Auswirkungen auf unser Zusammenleben haben?
Ja, gerade Bücher, die nicht allgemein über Menschen berichten, sondern über konkrete Figuren erzählen, lassen eine Kultur lebendig werden. Sie bieten den Menschen eine Möglichkeit, in diese Kultur reinzuhorchen. Wenn sie auch noch humorvoll geschrieben sind, haben sie eine größere positive Wirkung. Wenn wir gemeinsam lachen, verschwindet die bedrohliche Wirkung des Fremden, Lachen öffnet die Herzen, und dann können wir auch über die Probleme diskutieren. Aber immer nur über Probleme zu diskutieren, erzeugt Beklemmungen bei den Menschen, das entfremdet uns noch mehr.
Also: Geschichten aus dem Nachbarhaus, die zeigen, bei allen Unterschieden, sind wir uns doch sehr ähnlich, haben eine sehr positive Wirkung auf das Zusammenleben.
Ihre Familie ist nicht unbedingt die „typische“ türkische Einwandererfamilie, eben keine Gastarbeiterfamilie. Ihr Vater war Arzt, Ihre Mutter studierte Mathematikerin. Hatten Sie es deswegen leichter als andere Einwandererkinder?
Ja natürlich. Wenn es Unterschiede gab, waren es horizontale kulturelle Unterschiede und keine vertikalen sozialen Unterschiede..
Denken Sie, dass der Zusammenhalt in Einwandererfamilien stärker ist als in „alteingesessenen“?
Nein, Das ist ein positives Vorurteil. Einwandererfamilien haben nicht mehr und nicht weniger Zusammenhalt als Alteingesessene.
In Ihrem Buch sagen Sie öfters, dass Ihre Familie nicht sehr religiös ist bzw. war. Macht so etwas die Integration auch einfacher? Sie waren schließlich auf einer katholischen Schule.
Was blieb mir anders übrig? 1962 gab es ja nur konfessionelle Schulen. Ich war auf einer katholischen Schule und meine Schwester auf einer evangelischen. Es hat uns beiden nicht geschadet. Wenn Sie in ihrer Familie auf festem Boden stehen, dann sind kulturelle Begegnungen wirklich Bereicherung. Wir, das heißt auch meine Eltern, hatten nie Angst vor Entfremdung, deswegen haben wir uns nie gegen kulturelle Begegnungen gesperrt. Und dann passiert das Paradoxe: Sie werden dadurch wirklich multikulturell. Um das mal mit der Familie zu vergleichen: Wenn sie sich der Liebe ihrer Kinder sicher sind, dann haben sie auch keine Angst, ihre Kinder bei deren Beziehungen mit anderen zu verlieren, dann verlieren sie sie auch nicht. Solche Familien sagen dann bei der Hochzeit ihrer Tochter: Ich habe meine Tochter nicht verloren, ich habe einen Sohn dazu gewonnen. So ist es auch. Und so war das bei uns mit den Kulturen, wenn der Vergleich für Sie nicht zu sehr hinkt. Das hat mit tiefer oder weniger tiefer Religiosität nichts zu tun.
Ihr Mann kam erst als Erwachsener nach Deutschland. Hatte er es wesentlich schwerer als Sie selbst?
Nein, das hat mit leicht oder schwer nichts zu tun. Es ist ein anderer Vorgang, wenn Sie als Erwachsener in ein Land kommen: Seine Bindung an Deutschland hat eine andere Qualität, sie ist nicht schlechter oder besser als meine, nur anders.
Wie ist Ihre Tochter aufgewachsen? Denken Sie, sie konnte sich leichter integrieren als Sie und Ihr Mann, weil sie von Geburt an in Deutschland ist oder ist es auch für sie noch schwer?
Das wiederum hat noch einmal eine andere Qualität, wenn Sie durchgehend in einem Land geboren sind und aufwachsen, und keinen Bruch in ihrer Biografie haben durch einen Umzug. Übrigens kann dieser Bruch auch durch einen Umzug von Hamburg nach München sein oder vom Land in die Großstadt sein.
Integration ist kein schematischer, holzschnittartiger Vorgang, sie hat viele Perspektiven, hängt von vielen Faktoren ab, kann zu unterschiedlichsten Resultaten führen, auch was Empfindungen angeht. Deswegen kann auch niemand von außen beurteilen, ob und wie gut und glücklich jemand integriert ist.
Was würden Sie jungen Frauen raten, die mit einer Schwiegermutter wie der Ihren konfrontiert werden ... ?
Humor und Contenance…
Was sagte Ihre Familie, insbesondere Ihre Mutter, als Sie beschlossen, in die Politik zu gehen?
Meine Mutter war ja von meinem Vater Kummer gewöhnt, deswegen hat sie die Entscheidung nicht überrascht. Die meiste Unterstützung habe ich von meinem Mann erfahren und erfahre sie noch.
Sind Sie vielleicht auch in die Politik gegangen gerade weil Sie eine Einwandererin sind? Das Thema Integration spielt ja eine wichtige Rolle bei Ihrer politischen Tätigkeit.
Nun, ich habe mich beruflich sehr lange mit dem Thema Integration beschäftigt, so lag es nahe, dass ich das auch in der Politik fortsetze.
Mein Kollege Karl Lauterbach zum Beispiel war in seiner beruflichen Karriere Gesundheitsexperte, und er ist es jetzt in der Politik. So war es bei mir auch.
Ich war ja schon immer in der Politik, wenn auch nicht hauptberuflich. Politik ist so eine Sache, sie müssen es wollen. Man kann den Hund nicht zum Jagen tragen.
Und was hielt Ihre Familie von Ihrem Plan, ein Buch zu schreiben?
Es war ja in der Familie allseits bekannt, dass ich bei Familienfeiern alle zum Lachen bringen konnte, wenn ich die Geschichten erzählt habe. Die gleiche Geschichte, gemeinsam erlebt, erntete beim Erzählen durch ein anders Familienmitglied wohlwollendes Kopfnicken und Gelächter bei mir. Deswegen hat sich niemand darüber verwundert.
Sie sind ab Ende April auf Lesereise quer durch Deutschland. Freuen Sie sich schon darauf? Was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie jetzt noch mehr eingespannt sind?
Ich freue mich darauf, weil ich den Kontakt mit dem Publikum sehr mag. Und meine Familie freut sich mit mir.
War „Tante Semra im Leberkäseland“ ein einmaliges Projekt oder könnten Sie sich vorstellen, ein zweites Unterhaltungsbuch zu schreiben? Wenn ja, zu welchem Thema?
Ja natürlich, ich kann mir durchaus weiter Buchprojekte vorstellen!
Frau Akgün, wir danken Ihnen herzlichst für dieses Interview!
Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Unsere Rezension zum Hörbuch zu "Tante Semra im Leberkäseland" findet ihr unter "Hörbücher/Hörspiele".



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