Freitag, den 29. Mai 2009 um 10:00 Uhr
Jenny, stellen Sie sich unseren Lesern doch bitte kurz vor. Wer sind Sie und was machen Sie so?
Ich heiße Jenny-Mai Nuyen und bin Schriftstellerin. Mein erster Fantasyroman, „Nijura“ wurde veröffentlicht, als ich 18 war, das ist nun drei Jahre und vier Romane her. Inzwischen studiere ich an der New York University Film … mache aber gerade eine Pause, um mich auf meine Schreibprojekte zu konzentrieren.
Sie haben sehr früh mit dem Schreiben begonnen. Lesen Sie sich manchmal noch Ihre ersten Schreibversuche durch? Schämen Sie sich teilweise für das, was Sie früher geschrieben haben?
Vor kurzem erst habe ich ein paar alte Gedichte von mir gefunden und mich köstlich amüsiert. Es ist aber auch schön zu sehen, wo man herkommt und dass man sich weiterentwickelt hat. Aber ich muss gestehen, ich öffne meine eigenen Bücher, vor allem die ersten, nur selten. Ich weiß einfach, dass ich heute vieles anders machen würde. Aber damals war es richtig, und darauf kommt es an.
Wie war es, schon in so jungen Jahren eine gefragte Autorin zu werden? Konnten Sie Ihren Erfolg überhaupt selbst glauben?
Manchmal war es überwältigend. Aber ich hatte mir ja seit Jahren nichts anderes gewünscht, als meine Bücher verlegt zu sehen. Ich hätte es weiterversucht, bis es irgendwann zu einer Veröffentlichung gekommen wäre.
Sie schreiben nicht nur Geschichten, Romane und Drehbücher, sondern auch Gedichte. Könnten Sie sich vorstellen, diese einmal zu veröffentlichen oder schreiben Sie sie nur für sich?
Bald kommt ein Gedichtband heraus, in dem auch etwas von mir ist. Es gibt Gedichte, die ich niemandem zeigen kann außer ganz bestimmten Personen, aber andererseits – man sollte keine Angst haben, sich zu öffnen. Schließlich sind wir alle Menschen mit denselben Gefühlen.
Sie malen und zeichnen auch, auf Ihrer Homepage kann man Ihre Entwürfe zu Ihren Charakteren anschauen. Dient Ihnen das Zeichnen als kreativer Ausgleich zum Malen oder ist es für Sie notwendige Konsequenz des Schreibens?
Ich denke beides. Wenn man an einer Geschichte arbeitet, in die man verliebt ist, will man sich die ganze Zeit mit ihr beschäftigen, ihr nahe sein. Wenn die Kraft zum Schreiben fehlt, ist sie für das Zeichnen da, und umgekehrt. Bilder und Worte ergänzen und inspirieren sich.
Auf Ihrer Homepage findet sich auch ein Coverentwurf zu „Rabenmond“, der vom Verlag abgelehnt wurde, was Sie als gute Entscheidung bezeichnen. Ist es schwierig, solche Sachen an den Verlag „abzugeben“, wenn man sich selbst so sehr Gedanken macht wie Sie und Cover entwirft?
Meine Coverentwürfe sind ja keine langen Geschichten, sondern bloß Ideen. Ich freue mich, wenn andere Leute ihre Kreativität mit mir teilen, das ist mir viel lieber, als alles allein zu machen. Solange ich ein Cover vom Verlag nicht furchtbar oder unpassend finde, überlasse ich gerne die Ausführung ihnen.
Ist Schreiben für Sie mehr Handwerk oder Selbstausdruck?
All unser Schaffen dient dazu, um uns auszudrücken. Aber man muss trotzdem lernen, wie. Zwangsläufig wird Schreiben ein Handwerk, das erlernt, geübt und gepflegt werden muss. Dennoch, in erster Linie ist es Selbstausdruck. Die Fähigkeit zu laufen ist nur
dann wichtig, wenn man weiß, wohin man laufen möchte.
Für Ihre Leser sind Sie sehr „nah“ und greifbar. Das ist vor allem durch das Internet in den letzten Jahren in Mode gekommen und überhaupt möglich geworden. Finden Sie das wichtig für die Leser? Hätten Sie sich das selbst von Ihren Lieblingsautoren gewünscht?
Ganz so nah bin ich gar nicht. Ich habe einen Blog auf meiner Website, den ich schändlich vernachlässige. Persönlich finde ich es schöner, wenn Autoren eher im Hintergrund bleiben; ihre Werke sprechen für sie und sind schließlich, wenn sie gut sind, persönlich genug. Aber ich verstehe auch, dass viele meiner Leser selbst jung sind und schreiben und wissen wollen, wie ich meine Bücher veröffentlichen konnte. Daraus will ich kein Geheimnis machen. Ich hätte mich gefreut, wenn ich früher jemanden gehabt hätte, der mir diese Dinge erzählt.
Im Roman sind Sie scheinbar fest in der Fantasy verwurzelt und auch als Leserin mögen Sie dieses Genre. Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann auch in einem vollkommen anderen Genre zu schreiben?
Nebenbei arbeite ich immer an irgendwelchen Romanen, die nichts mit Fantasy zu tun haben und die ich irgendwann auch gerne veröffentlichen würde, aber ich habe gelernt, geduldiger zu sein. Momentan ist Fantasy meine Heimat, und das ist gut so. Ich liebe das Genre mit all seinen Möglichkeiten. Aber ich weiß auch, wo ich in ein paar Jahren sein möchte.
Bleibt neben so vielen Aktivitäten und Interessen noch Zeit für die Lektüre zum Vergnügen? Wenn ja, lesen Sie auch Romane außerhalb der Fantasy?
Ich lese kaum noch Fantasy, es sei denn, ich kenne den Autor persönlich oder mir wird ein Buch von Freunden empfohlen. Andererseits lese ich generell nur noch selten Bücher zu Ende. Es fehlt einfach die Zeit. Bei einer richtig guten Lektüre ist das natürlich anders, da nimmt man sich Zeit. Zuletzt war das bei „Liaisons Dangereuses“ von Choderlos de Laclos so. Ich musste auf jeder Seite einen Knick machen und Sätze umkringeln.
Wieso schreiben Sie vor allem für Kinder und Jugendliche?
Ich war selbst Kind, als ich mit dem Schreiben anfing, und meine Themen waren zwangsläufig Jugendthemen. Ich denke nicht darüber nach, für wen meine Geschichten sein könnten. Sie müssen aus dem Herzen kommen, dann finden sie auch ein Publikum, und wahrscheinlich in jeder Altersgruppe.
Haben Sie schon einmal andere Autoren kennen gelernt, vielleicht sogar welche, die Sie selbst gerne lesen? Wie war das für Sie?
Ich erinnere mich noch, als ich Kai Meyer zum ersten Mal begegnete. Ich war aufgeregt, weil seine Bücher an so viele Erinnerungen geknüpft sind und mir viel bedeuten. Vor kurzem habe ich Tobias O. Meißner kennengelernt, von dem ich bis dahin noch nichts kannte. Nachdem ich „Das Paradies der Schwerter“ von ihm gelesen hatte, war ich so begeistert, ich musste den armen Mann stalken – er hat es mir verziehen, glaube ich. Eine andere tolle Begegnung war mit Waldraut Lewin, von der ich in meiner Jugend viel gelesen habe.
Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Bücher einmal verfilmt werden? Wie wichtig wäre Ihnen in einem solchen Fall ein gewisses Mitspracherecht?
Ich würde mich freuen. Im Augenblick gibt es Gespräche über ein Drehbuch, aber für eine andere, neue Geschichte. Ich bin gespannt, was daraus wird!
Neben dem Romanschreiben studieren Sie auch – oder ist es eher umgekehrt? Könnten Sie sich vorstellen, eine der beiden Sachen aufzugeben, beispielsweise irgendwann hauptberuflich Autorin zu werden?
Gerade mache ich eine Pause vom Studium, also bin ich wohl, im Moment, hauptberuflich Autorin. Es war einfach nicht genug Zeit, und es gibt so viele interessante Projekte, an denen ich arbeiten möchte. Auch Filmprojekte. Daher ist es nicht so schlimm, dass das Studium vorerst unterbrochen ist, denn Film ist immer noch ein Teil meiner Arbeit.
Ihre Hauptcharaktere sind überwiegend Jugendliche. Ist es einfacher für Sie, sich so in sie hineinzuversetzen?
Ich schlüpfe auch gerne in ältere Figuren, das Alter ist nicht so entscheidend. Allerdings sind jugendliche Figuren daher „einfacher“ weil sie noch unbeschriebene Blätter sind, keine lange Vergangenheit haben, die Welt noch nicht kennen. Man kann sie schneller erfassen. Aber in der Schwierigkeit liegt ja auch oft ein Reiz. Ich habe einmal eine Geschichte aus der Perspektive eines sterbenden, homosexuellen Ex-Kinderstars geschrieben, was Spaß gemacht hat. Solange man sich selbst loslassen und ganz auf seine Figur einlassen kann, sind keine Grenzen gesetzt.
In „Rabenmond“ geht es um eine Herrscherelite, die sich selbst die „Drachen“ nennt und von der auch alle denken, sie seien Drachen. Wieso haben Sie sich für das Wort „Drachen“ entschieden, da die Herrscher doch so gar nichts von den Drachen aus den Märchen haben?
Weil die Herrscher ja auch gar nicht sind, was sie zu sein behaupten. Ich wollte, dass man von Anfang an das Gefühl hat, hier wird ein Begriff missbraucht – denn das wird er ja. Die „Drachen“ sind in Wahrheit nur Menschen. Die Leser erfahren dieselbe Ernüchterung wie das Volk in Wynter.
Lyrian verkörpert nicht den Idealherrscher und möchte anfangs auch nicht herrschen, was ihn sympathischer macht als wenn er ein vorbildlicher Drache wäre. Hatten Sie selbst Schwierigkeiten, sich in die doch sehr logischen und gefühlskalten Herrscher zu versetzen?
Wie gesagt, beim Schreiben ist man auch Schauspieler, und ich funktioniere da am besten, wenn ich mich selbst ganz vergesse und in eine Figur hineinfallen lasse. Allerdings stellt es schon eine Schwierigkeit dar, gefühllose Figuren zu haben – denn fast alles, was in uns vorgeht, ist emotional. Noch schwieriger war es in „Nocturna“, wo einer der Helden seine Gefühle verloren hat und tatsächlich nichts empfinden konnte, was bei den Drachen ja nicht ganz stimmt.
„Rabenmond“ ist gesellschaftskritisch angehaucht. Die Kaiserin behauptet am Ende, die Menschen wollten getäuscht werden, brauchten einen Traum, an den sie glauben könnten. Kann man als Leser so frei sein und das auf alle Bereiche übertragen? Schließlich kann man diesen „Traum“ vor allem in Ideologien und in Religion beobachten.
In Wynter geht es um diese zwei widersprüchlichen Sehnsüchte – eine ultimative Wahrheit zu finden und an etwas „Höheres“ zu glauben. Die Welt mit unserem Verstand zu erfassen und uns gleichzeitig emotional fallen zu lassen, zu wissen und gleichzeitig zu vertrauen. Ich möchte nicht werten, was besser ist, oder was glücklicher macht. Aber zum Glück ist es auch fast unmöglich, sich nur für das eine oder das andere zu entscheiden.
Was kann man in Zukunft von Ihnen erwarten? Arbeiten Sie derzeit an neuen Projekten?
Ich bleibe fleißig!
Jenny, wir danken Ihnen sehr für dieses Interview!
Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Unsere Rezension zu "Rabenmond" findet ihr HIER. Mehr zur Autorin findet ihr auf ihrer Homepage.




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