Samstag, den 03. Oktober 2009 um 10:32 Uhr
Interview: Peter Prange

© Jana Kay
Herr Prange, stellen Sie sich unseren Lesern doch bitte kurz vor. Wer sind Sie und was machen Sie so? In welchen literarischen Gebieten sind Sie zuhause?
Geboren bin ich im Sauerland – „wo Misthaufen qualmen, da blüh´n keine Palmen“. Doch seit vielen Jahren lebe ich in Tübingen, dem Zentrum der Weltabgeschiedenheit. Hier lassen sich wunderbar Bücher schreiben, denn mit der über 500 Jahre alten Universität ist Tübingen die klügste Stadt Deutschlands, wenn man das Bücheraufkommen pro Kopf zugrunde legt. Hier finde ich für jede noch so komplizierte Frage einen Experten. Nicht nur für meine historischen Romane, sondern auch für die Sachbücher, die ich hin und wieder schreibe – zum Beispiel über „WERTE“. Und wenn ich nicht am Schreibtisch sitze, dann am liebsten im Sattel. Reiten ist mein Lebenshobby.
Wie kamen Sie zum historischen Roman? Was macht für Sie den besonderen Reiz dieses Genres aus?
Dass ich Autor von historischen Romanen bin, habe ich in einer Rezension erfahren. Ganz im Ernst. Ich hatte nie die Absicht, mich auf Historisches zu spezialisieren. Was mich interessiert, sind große Geschichten – Geschichten, in denen Menschen an die Grenzen des Menschenmöglichen gehen, Geschichten, die uns zeigen, was im Extremfall Menschsein bedeuten kann. In welcher Epoche solche Geschichten spielen, ob in der Vergangenheit oder der Gegenwart, ist mir dabei egal.
Sie studierten Romanistik, Germanistik und Philosophie. Denken Sie, dass Sie dadurch ein anderes Verhältnis zur Literatur haben als ein Autor, der die Literatur nicht studiert hat?
Natürlich hat mein Studium mein Verhältnis zur Literatur geprägt. Doch Theorie und Praxis sind zweierlei. Ein Vogel kann zwar fliegen, aber er hat keine Ahnung von Vogelkunde. Umgekehrt wird nicht mal der perfekteste Vogelkundler sich jemals in die Lüfte aufschwingen. Soll heißen: Wenn man Literatur studiert hat, kann man noch lange nicht selber Bücher schreiben. Das hat viel mehr mit der eigenen Persönlichkeit als mit dem Studium zu tun, mit den Fragen, die man ans Leben stellt, mit dem Interesse an anderen Menschen und ihren Geschichten.
Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Werden Sie darüber auf dem Laufenden gehalten und haben Sie vielleicht sogar Kontakt zu ausländischen Verlagen?
Ja, natürlich werde ich informiert, wenn ein Buch von mir in einer anderen Sprache erscheint. Und ich kümmere mich auch darum. Erst neulich war ich in New York, um mit der Lektorin zu sprechen, die meine „Philosophin“ in Amerika heraus bringt. Und mit meiner israelischen Übersetzerin Yosifia Simon skype ich regelmäßig.
In Ihren Romanen stehen oft Frauen im Mittelpunkt. Wie schwer ist es, sich neben einer anderen Zeit auch in ein anderes Geschlecht zu versetzen? Ein Geschlecht, das in früheren Zeiten schließlich meist ein Problem war ...
Da ich selber eine Jungfrau bin, fällt mir die weibliche Perspektive nicht allzu schwer. Außerdem, warum soll ich über Männer schreiben? Wie Männer ticken, weiß ich ja von mir selbst. Frauen sind viel interessanter. Weil sie nicht so ernst und zielstrebig sind, sondern chaotischer, im positiven Sinn, unberechenbarer und widersprüchlicher. Aus einer solchen Perspektive lässt sich die bunte Fülle des Lebens besser erzählen als aus männlicher Sicht. Und damit ich mich in der weiblichen Seele nicht verirre, berate ich mich immer mit meiner Frau. Manchmal lacht sie mich aus, weil ich mal wieder voll daneben gelegen habe. Dann bin ich zuerst beleidigt, doch hinterher fast immer dankbar für die Korrektur.
Wie lange recherchieren Sie für einen historischen Roman? Wie wichtig ist in diesem Fall das Verhältnis von „Dichtung und Wahrheit“?
Schreiben ist wie Leben. Darum müssen die Lebensbedingungen meiner Figuren so realistisch wie möglich sein. Darüber können viele Monate vergehen. Meine Geschichten spielen ja nicht im luftleeren Raum, sondern in einer konkreten historischen Wirklichkeit, unter ganz bestimmten, realen Bedingungen. Deshalb recherchiere ich sehr gründlich und genau, nicht zuletzt mit Hilfe meiner Tübinger Gelehrtenfreunde. Auf diesem abgesicherten Terrain kann ich dann meine Figuren in die Freiheit ihrer Geschichte entlassen.
In Ihrem neuen Roman „Die Gottessucherin“ widmen Sie sich der Geschichte der Jüdin Gracia Mendes, die eine reale historische Persönlichkeit war. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?
Durch einen Zufall, der aber für mich wie eine Fügung war. Gracia Mendes begegnete mir in einem Nebensatz, bei der Recherche zu meinem Roman „Der letzte Harem“. Da war von einer jüdischen Kauffrau die Rede, die von Sultan Süleyman persönlich empfangen worden sei. Das war im 16. Jahrhundert eine solche Sensation, dass die Zeitgenossen sich die Mäuler darüber zerrissen haben. Bei der Recherche verschlug es mir die Sprache. Gracia Mendes hat Tausenden von Menschen das Leben gerettet und dafür selber ihr Leben riskiert – sogar Königen und Päpsten hat sie die Stirn geboten im Kampf für ihren Glauben und ihre Glaubensbrüder. Diese Frau war eine der außergewöhnlichsten und mutigsten Frauen der europäischen Geschichte – und doch ist sie heute fast völlig unbekannt. Sie aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen: das war das Abenteuer, das mich reizte.
Im Nachwort schreiben Sie, dass der Romanstoff zugleich ein Traum und ein Alptraum war, da sich wenig Identifikationsmöglichkeiten für den modernen Leser mit Gracia auftaten. Sie war eine der reichsten Frauen ihrer Zeit und beinahe eine Heilige. Wie sehr muss ein Autor Ihrer Meinung dann zwischen einer solchen Figur und dem Leser vermitteln? Wie weit darf er in seiner eigenen Interpretation gehen?
In der Tat, das Leben einer so großartigen Frau für den modernen Leser fassbar zu machen, war eine echte Herausforderung. Denn nichts ist schlimmer für einen Roman als eine durch und durch positive Figur, die keine Fehler hat. Worauf es also ankam, war, in Gracia Mendes auch das Widersprüchliche aufzufinden, das Abgründige, das Gefährliche – vor allem aber, sie als Mensch darzustellen, als eine Frau aus Fleisch und Blut, die mit derselben Leidenschaft für die Liebe kämpft wie für ihren Glauben. Zum Glück habe ich im Leben der wirklichen Gracia Mendes solche Spuren gefunden. Doch bei der interpretierenden Ausgestaltung gibt es für mich eine wichtige Grenze: Ich darf die historische Figur nicht denunzieren oder entstellen. Im Gegenteil. Alle Freiheit, die ich mir nehme, muss immer zum Ziel haben, die innere Wahrheit der historischen Figur hervortreten zu lassen, womöglich noch deutlicher als in der Wirklichkeit.
Ist es einfacher, sich mit fiktiven oder mit realen Persönlichkeiten zu beschäftigen? Was macht den Unterschied aus? Sind die historisch belegten Tatsachen Fixpunkte, die beim Schreiben helfen oder stellen sie eher Hindernisse dar?
Ob historisch oder nicht: Vor allem kommt es darauf an, dass ich die Figuren, über die ich schreibe, ein Stückweit in mir selber wieder finde, mit all ihren Charaktereigenschaften, sowohl den positiven als auch den negativen. Lässt mich eine Figur innerlich kalt, kann ich mich zu Tode recherchieren – sie wird immer eine Papiergestalt bleiben. Finde ich jedoch etwas von einer Figur in mir selber vor, dann erwacht sie zum Leben, und ich kann sie sozusagen mit ihrer eigenen historischen Realität anfüttern, um ihr mehr und mehr Gestalt zu verleihen.
Was planen Sie als nächstes? Können Sie sich vorstellen, sich einmal einer vollkommen anderen Epoche zu widmen?
Mein erster Roman, „Das Bernstein-Amulett“, spielte im 20. Jahrhundert. Warum sollte ich nicht wieder dorthin zurückkehren? Ich habe auch schon einen Stoff, der mich sehr reizt. Gleichzeitig juckt mir eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert in den Fingern. Auf jeden Fall komme ich mit meinem nächsten Roman der Gegenwart wieder ein paar Jahrhunderte näher.
Werden Sie auf Lesereise gehen oder wird man Sie auf der Frankfurter Buchmesse antreffen können?
Die Termine meiner Lesungen stehen auf meiner Homepage. Und ja, in Frankfurt werde ich natürlich auch sein. Am Freitag, dem 17. Oktober, bin ich von 15 bis 16 Uhr „Autor am Stand“ bei Droemer. Wer will, kann mich dort treffen.
Herr Prange, wir danken Ihnen herzlich für dieses Interview!
Es war mir ein Vergnügen.
Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Unsere Rezension zu "Die Gottessucherin" und zu "Der letzte Harem".




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