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Interview: Rebecca Gablé

(c) Horst Friedrich 2005

 

Frau Gablé, Sie haben sich ganz dem historischen Genre verschrieben. Was gefällt Ihnen daran am meisten?

Historie hat mich immer schon fasziniert. Vermutlich war ich das einzige Kind auf der Welt, das schon im Vorschulalter seine großen Schwestern genervt hat, ihm sonntags die Bilder in ihren Geschichtsbüchern zu erklären ;-) Das alltägliche Leben sowie die Taten der Großen und Mächtigen aus vergangenen Jahrhunderten haben seit jeher meine Phantasie angeregt, und seit ich mich systematisch mit Geschichte befasse, faszinieren mich vor allem die Spuren der Vergangenheit in unserer heutigen Gegenwart: Die Geschichte kann uns lehren, warum wir sind, wie wir sind.

Durch Ihr Studium hatten Sie viel mit der Historie zu tun [Anm.: Literaturwissenschaft, Schwerpunkt Mediävistik] , denken Sie, dass das für die Recherchearbeit ein Vorteil ist, da Ihnen mehr geläufig ist als einem Laien?

Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, wenn man gelernt hat, wissenschaftlich zu arbeiten. Das heißt vor allem, Literatur zu einem Thema systematisch suchen und auswerten zu können. Natürlich ist es auch hilfreich für meine Arbeit, dass ich so viel Basiswissen speziell über das englische Mittelalter im Studium aufsaugen konnte, quasi im Vorbeigehen. Das erspart mir heute manche Grundlagenrecherche. Aber ich würde nicht sagen, dass eine wissenschaftliche Ausbildung eine Voraussetzung ist, um einen historischen Roman schreiben zu können.

In Ihrer Waringham-Trilogie haben Sie sich mit dem Adel beschäftigt. In Ihrem neuen Roman „Hiobs Brüder“ steht der Häftling Losian im Mittelpunkt, der eine Gruppe weiterer Häftlinge „anführt“. Wie kam es dazu, dass Sie einen solchen Ausgangspunkt für die Geschichte gewählt haben?

Losian und seine Gefährten in „Hiobs Brüder“ sind weggesperrt, weil sie ein körperliches, geistiges oder psychisches Gebrechen haben. Sie bilden eine nicht akzeptierte Randgruppe der mittelalterlichen Gesellschaft, genau wie die Juden, die im Roman ebenfalls eine wichtige Rolle einnehmen. Ich wollte mit „Hiobs Brüder“ zwei Dinge tun: Ich wollte von der Zeit der englischen „Anarchy“ erzählen, dem Thronfolgekrieg im 12. Jahrhundert, der das Land und die Menschen so fürchterlich in Mitleidenschaft gezogen hat, dass ein normales Leben kaum mehr möglich war. Eine solche Epoche des Chaos’ schien mir besonders gut geeignet, sie aus der Perspektive gesellschaftlicher Außenseiter zu erzählen. Zum zweiten wollte ich mal etwas Neues probieren. Einen Thronfolgekrieg schon wieder aus Sicht der Rivalen und ihrer adligen Anhänger zu schildern – wie ich es ja unmittelbar zuvor im „Spiel der Könige“ getan hatte – war mir zu langweilig.

In Ihrer Kurzbiographie steht, Sie sind oft in England zur Recherchearbeit. Leben Sie während dieser Zeit in England oder fliegen/fahren Sie immer wieder dort hin?

Ich bin selten länger als zwei, drei Wochen an einem Stück in England.

Wie lange dauert eine solche Recherche? Recherchieren Sie auch anhand von Literatur oder vor allem vor Ort?

Es ist sehr unterschiedlich, wie häufig ich pro Buch nach England reise. Es kommt gelegentlich vor, dass ich dort in einem Archiv recherchiere oder mich vor Ort mit einem Experten treffe, aber Sinn der Recherchereisen ist vor allem, die Schauplätze aufzusuchen, zu rekonstruieren, wie sie vor ein paar hundert Jahren aussahen und sie dann auf mich und den entstehenden Roman wirken zu lassen.

Sie waren in den letzten Wochen auf Lesereise. Wie gestaltet sich so eine Reise? Kann man sich das ganze wie eine Tournee einer Musikgruppe vorstellen?

So ungefähr, nur ohne die demolierten Hotelzimmer ;-) Anders als eine Band sind Autoren meist allein unterwegs, was ich immer grässlich fand, aber seit einigen Jahren begleitet mich zum Glück mein Mann auf alle Lesereisen, sodass ich nach der Veranstaltung nicht allein in der Hotelbar rumhängen muss, sondern wir den Abend bei einem gemeinsamen Glas Wein ausklingen lassen können. Zusammen klappern wir also die Republik ab (mal mit dem Auto, mal mit dem Flieger), schauen uns nachmittags die örtlichen Sehenswürdigkeiten an und abends geht es in die Buchhandlung zur Lesung. Am nächsten Morgen Köfferchen packen und weiter …

Wie ist es für Sie, vor Publikum zu lesen? Haben Sie davor Lampenfieber?

Nein, zum Glück leide ich darunter nicht. Es ist eine schöne Gelegenheit, meinen Leserinnen und Lesern einmal unmittelbar zu begegnen. Aber an der Veranstaltungsform „Lesung“ kommen mir zunehmend Zweifel: Vorne sitzt die Autorin mit ihrem Wasserglas, liest ein Stündchen aus ihrem Roman, beantwortet anschließend all die Fragen, die schon in den FAQ ihrer Website beantwortet werden, signiert ein paar Bücher, und das war’s. Das kommt mir sehr überholt und angestaubt vor. Viele Leute mögen über Frank Schätzing und seine Multimedia-Shows zu seinen Büchern die Köpfe schütteln, aber ich finde, der Mann hat völlig recht mit dem, was er tut und was er nicht tut. Die klassische „Dichterlesung“ ist ein Dinosaurier.

In den meisten Ihrer Bücher finden sich Karten, oft auch Illustrationen. Haben Sie als Autorin Einfluss auf die Gestaltung des Buches, können Sie Anregungen geben oder kommt der Verlag nach Erhalt des Manuskripts damit auf Sie zu?

Die Gestaltung des Buchumschlags, der Illustrationen und Landkarten ist immer ein relativ langwieriger Prozess, bei dem der Verlag und ich eng zusammenarbeiten. Wir verabreden zu Anfang, in welche Richtung das ganze gehen soll, dann kommen Vorschläge bzw. Entwürfe von verschiedenen Grafikern, die Grundlage weiterer Diskussionen werden. Die Entscheidungen treffen mein Verlag und ich gemeinsam  und – bis jetzt - immer einvernehmlich.

Woran merken Sie, dass eine Geschichte erzählt ist, also dass nichts mehr hinzu zu fügen ist?

Meine Romane sind ja immer in 3 bis 5 große Abschnitte unterteilt. Wenn ich mit dem ersten beginne, habe ich keine Ahnung, wie die Geschichte ausgehen wird. Wenn ich aber mit dem letzten anfange – also noch etwa 200 bis 300 Seiten zu schreiben habe – ist die Plotentwicklung auf der Zielgeraden und ich weiß genau, wo die Handlungsfäden hinführen und wie sie enden. Das ist ein natürlicher Prozess.

Welches Buch würden Sie einem Leser empfehlen, der zum ersten Mal etwas von Ihnen liest und Ihren Stil kennen lernen will?

„Das zweite Königreich“.

Was lesen Sie selbst gerne?

Jede Art von intelligent gemachter Unterhaltungsliteratur.

Haben Sie schon weitere Projekte in Arbeit? Auf was können die Leser sich freuen?

Trotz aller Bedenken, die ich im Nachwort vom „Spiel der Könige“ dargelegt habe, schreibe ich einen vierten Waringham-Roman, der im Jahr 1529 beginnt, also mitten im Scheidungskrieg von Henry VIII. und der ersten seiner sechs Frauen, Katharina von Aragon. Ich wollte eigentlich nicht, weil diese Epoche schon in so vielen Büchern und Filmen behandelt worden ist. Aber die Waringham haben mir einfach keine Ruhe gelassen. Ständig habe ich mich gefragt, wie sie sich in dieser konfliktreichen Zeit durchgeschlagen, welche Entscheidungen sie getroffen hätten. Jetzt finde ich es gerade heraus …


Frau Gablé, wir danken Ihnen für das Interview!


 

Dieses Interview führte Vanessa Lellig für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

 

Unsere Rezensionen zu den Hörbüchern "Der König der purpurnen Stadt" und "Das zweite Königreich" findet ihr unter den folgenden Links:

"Der König der purpurnen Stadt"

"Das zweite Königreich"

 

Homepage der Autorin

Biographie der Autorin

 

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