Montag, den 29. März 2010 um 15:46 Uhr

Ullstein
Taschenbuch, 320 Seiten
ISBN-10: 3548281532
8,95 €
Ein kurzer Einblick:
Eine deutsche Familie zieht nach Spanien, mitten nach Madrid! Hier im beliebtesten Urlaubsland der Deutschen findet man als Zugewanderter viele Dinge recht erstaunlich: So wird zum Beispiel die vielgerühmte Lässigkeit des spanischen Autofahrers bei genauerem Hinsehen zur groben Fahr-Lässigkeit, das leckere bunte Essen, das einem überall und jederzeit als Tapas serviert wird, entpuppt sich als extrem fettig. Hochreligiöse Oster-Prozessionen arten in fröhliche Besäufnisse aus, und auch sonst fällt die Eingewöhnung nicht so leicht wie erhofft. Außerdem stellen sich bei allen Familienmitgliedern vorher nie gekannte Gelüste nach Christstollen und Lebkuchen ein. Doch es dauert nicht lange, und keiner will mehr ins kalte Deutschland zurück. Denn Tapas müssen einfach fettig sein!
Meine Meinung:
Nachdem sich in letzter Zeit Bücher, die sich mit dem Leben in anderen Kulturen befassen, erstaunlicher Beliebtheit erfreuen, habe ich mich voller Vorfreude an diesen Roman gewagt. Zurück bleibt leider nur ein schaler Nachgeschmack.
Die Autorin schildert in dem Buch die Übersiedlung ihrer Familie aus der provinziellen bayrischen Idylle in die Großstadt Madrid. Selbstverständlich kommen da einige tiefgreifende Veränderungen auf sie zu – die Söhne müssen an eine andere Schule gehen und neue Freunde finden, und anders als im Heimatdorf ist es in der Stadt laut und dreckig, stickig und wenig Grün, die Wohnungen sind klein und teuer, der Verkehr ist viel zu dicht und Parkplätze gibt es auch keine. Mit Verlaub, das träfe auf Berlin oder Hamburg genauso zu.
Damit es einem doch „spanisch vorkommen“ kann, packt die Autorin ungefähr jedes Klischee beim Schopf, das man je über Spanien gehört hat. Da wird literweise Sangria getrunken, geraucht und fettiges Essen (tja, das war's dann wohl mit der mediterranen Diät!) genossen; die Freundinnen – die „spanischen Freundinnen“, wie sie betont, die noch dazu so typische Namen tragen, dass sie einem Schulbuch entsprungen sein könnten – sind natürlich lebenslustig, stolz und feurig und die Männer allesamt katholisch-königstreue Machos, die bei Fußball und Stierkampf wieder zu kleinen Buben werden; und klarerweise wird in jeder Bar zu jeder Zeit spontan Flamenco getanzt.
Man wird laufend schmerzhaft daran erinnert, was der ebenso namens- wie gesichtslose jüngere Sohn seiner Mutter vorgeworfen hat, bevor sie sich als Schaulustige ins Getümmel der eingangs erwähnten „hochreligiösen Oster-Prozession“ gestürzt hat: „Du bist so peinlich, Mama, echt, wie ein Touri!“
Im Gegensatz zu anderen Büchern dieser Machart fällt es einem schwer, aus dieser willkürlichen Aneinanderreihung von Fakten und Klischees auch nur den kleinsten Funken Humor oder gar Selbstironie herauszulesen. Über weite Strecken ist das Buch sehr mühsam zu lesen, was nur gefördert wird dadurch, dass ein roter Faden in der Handlung vollkommen fehlt, und den recht eigenwilligen Stil der Autorin, der sich vor allem durch Einwürfe spanischer Vokabel und willkürliche GROSSGESCHRIEBENE HERVORHEBUNGEN auszeichnet.
Vielleicht liefert das Buch jemandem, dessen Bild von Spanien ausschließlich vom FC Barcelona und dem All-Inclusive-Club an der Costa del Sol geprägt ist, überraschende Erkenntnisse und tiefgreifende Einblicke. Lust darauf, nach Madrid zu reisen und in die spanische Kultur einzutauchen, kann das Buch jedoch leider nicht machen.
1 von 5 Punkten




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