Dienstag, den 20. April 2010 um 08:18 Uhr

Diogenes
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN-10: 3257231156
8,90 €
Ein kurzer Einblick
'Auf dem Jakobsweg', Paulo Coelhos sehr persönliches Tagebuch seiner Pilgerreisenach Santiago de Compostela - ein Reise- und Erfahrungsbericht, in dem bereits diegroßen Themen seiner Romane - vom 'Alchimisten' bis zu 'Der Dämon und Fräulein Prym' - angelegt sind: die Liebe, der ewige Kampf zwischen Gut und Böse und die Frage, ob wirunser Leben in die Hand nehmen und die Wende wagen.
Unsere Bewertung
Nach langer Coelho-Abstinenz – in adoleszenten Sinn- und Seelenkrisen habe ich einige seiner Werke regelrecht verschlungen („Veronika beschließt zu sterben“, „Der Zahir“, „Elf Minuten“) – habe ich mich nun an sein erstes Buch, „Auf dem Jakobsweg“ gewagt und bin recht unschlüssig, was ich davon halten soll.
Paulo Coelho, Protagonist und Ich-Erzähler dieses autobiographisch anmutenden Buches, ist Mitglied einer R.A.M. genannten katholischen Bruderschaft, und im Rahmen einer Art Initiationsritus beschreitet er den geschichtsträchtigen Jakobsweg auf der Suche nach seinem Schwert, welches am Ende des Pilgerwegs gleichsam gemeinsam mit der Erleuchtung und einem Aufstieg in einem dubiosen hierarchischen Konstrukt auf ihn warten soll.
Coelho versteht es durchaus, den Leser mit kunstvollen und gut gewählten Worten in seinen Bann zu ziehen, und dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack: das Buch ist weder Fleisch noch Fisch. Unter dem Titel, und vor allem dem Untertitel „Tagebuch einer Reise nach Santiago de Compostela“ (ein irreführender Titel, die brasilianisch-portugiesische Erstausgabe ist unter dem Titel „O Diario de Um Mago“ erschienen, was sich als „Das Tagebuch eines Magiers“ übersetzen kässt) erwartet man tendenitiell einen spirituell angehauchten Reisebericht. Dies trifft zu, doch ist „angehaucht“ wohl das richtige Wort, um das Buch zu beschreiben.
Die Beschreibungen der Landschaft entlang des Pilgerweges bleiben schemenhafte Skizzen. Die durchaus interessanten historischen Fakten des Jakobsweges, des Templerordens und des Einflusses der katholischen Kirche auf die Bevölkerung Europas und der Region im Mittelalter werden angerissen, jedoch nicht weiter vertieft, sodass der Bezug zum eigentlichen Jakobsweg und dem tieferen Sinn des religiösen Pilgerns einem nicht religiösen Laien wie mir verschlossen bleibt. Die wiedergegebenen Gespräche mit seinem Führer und Mentor Petrus, von denen er sagt, sie seien „tiefgehend“, bleiben oberflächlich, genauso wie die Beschreibungen von Begegnungen mit anderen Menschen im Laufe der Reise. Auch über den R.A.M.-Kult, dessen Existenz nirgendwo außer bei Coelho selbst belegt ist, und der „Tradition“, welcher der Autor sich angeblich verschrieben hat, bleibt vieles im Dunklen. Gerade aufgrund dieser unzähligen Unklarheiten und Ungereimtheiten zieht sich das Buch bald und man bekommt den Eindruck, als wäre es strapaziöse 2.500km lang, wie der Jakobsweg selbst. Man bekommt beim Lesen zunehmend den Eindruck, dass der Ex-Hippie Coelho sich auf einer Art egoistischem Selbstfindungstrip in der Midlifecrisis befindet, den diverse andere Prominente (aktuell Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg) aus welchen Gründen auch immer schon beschritten und beschrieben haben.
Das Einzige, was im Buch akribisch beschrieben wird, sind die zahlreichen „Praktiken“ oder „Exerzitien“ der „Tradition“. Genauer gesagt, es wird eine Anleitung zu jeder dieser „Praktiken“ über ein bis drei Seiten gegeben, welche den Fluss der Geschichte unterbricht. Im Rahmen dieser „Exerzitien“ begegnet Coelho unter anderem Engeln und Heiligen und seinem „persönlichen Dämon“ personifiziert durch den Hund einer Bäuerin, die den Wanderern Tee anbietet, und erlebt seinen eigenen Todestag. Diese „Exerzitien“ kann man durchaus als Meditations-Rituale beschreiben, die „Erkenntnisse“ daraus beschreibt Coelho mit lehrerhaft erhobenem Zeigefinger, doziert seitenlang über die allumfassende Liebe und die Bedeutung des Schmerzes.
Von einer ganzen Generation wird der brasilianische Autor hoch gepriesen, zum Popkulturpapst der Sinnsuchenden hochstilisiert. Noch nie dagewesene hochphilosophische Erkenntnisse liefert er zwar nicht, jedoch glaube ich, dass einfachen Gemütern, die für eine gewisse abergläubisch-mystifizierte Esoterik empfänglicher sind als ich durchaus ihre Freude an diesem Buch haben werden. Für mich, die Pragmatikerin, bleibt der Inhalt des Buches zu abstrus und unglaubwürdig, um den Wunsch einer Reise auf der Suche nach meinem Ich wecken zu können.
Für die bereits erwähnte Schönheit der Sprache gibt’s dennoch
2 von 5 Punkten






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