Mittwoch, den 10. August 2011 um 16:21 Uhr

Fischer
Taschenbuch, 864 Seiten
ISBN: 978-3-596-14583-6
9,95 €
Ein kurzer Einblick
Man schreibt das Jahr 1975. Der Ort: Bombay. Hier treffen vier Menschen aufeinander, deren Schicksale im Mittelpunkt des Romans stehen. Dina Dalal, eine Frau Anfang Vierzig und seit fast zwanzig Jahren verwitwet; Maneck Kohlah, ein junger Student aus dem Gebiet des Himalajas; Ishvar Darji, ein unglaublicher Optimist und sein widerspenstiger junger Neffe Omprakash - zwei Schneider, die vor den unerträglichen Verhältnissen auf dem Land in die Stadt geflohen sind. Diese vier lernen sich kennen, achten und lieben und werden doch vom Schicksal wieder auseinandergerissen.
Bewertung
"Das Gleichgewicht der Welt" begann ich eigentlich hauptsächlich deshalb zu lesen, weil mir der Titel so gut gefallen hat, ohne genau zu wissen, worum es geht. Über Indien wusste ich vorher nicht viel mehr als die paar Stichworte, die einem Mitteleuropäer halt so geläufig sind: Kasten, Slums, heilige Kühe.
Die Geschichte spielt in Mistrys Heimatstadt Bombay, zwischen 1975 und 1984. Soziale Gefüge, politische Zusammenhänge und religiöse Unruhen der damaligen Zeit sind das Hauptthema des Buches, verständlich in die persönliche Geschichte der vier Hauptcharaktere - Dina, Maneck, Ishvar und Om - verpackt.
Dina ist Anfang vierzig, sie hat gegen den Willen ihrer Familie aus Liebe "unstandesgemäß" geheiratet. Seit dem frühen Tod ihres Mannes kämpft sie sich durch, um ihre Unabhängigkeit zu wahren - sie möchte nicht noch einmal heiraten nur um "versorgt" zu sein, noch weniger möchte sie von ihrem Bruder abhängig sein.
Maneck ist ein junger Mann aus dem Himalaya, der zum Studieren nach Bombay gekommen ist und bei Dina zur Untermiete lebt. Er ist als Sohn von Geschäftsleuten sehr behütet aufgewachsen und versucht nun, sich loszulösen und eigenständig zu werden.
Ishvar und sein Neffe Om gehören zur Kaste der Unberührbaren. Sie wurden von ihrer Familie fortgeschickt, um in der Stadt, wo das Kastensystem nicht so streng gehandhabt wird und die Vorurteile nicht so groß sind, ein neues Leben zu beginnen und bessere Chancen zu erhalten. Sie haben das Schneiderhandwerk erlernt und arbeiten nun für Dina.
Die Welt dieser vier vollkommen verschiedenen Charaktere, die vom Zufall zusammengeführt wurden, befindet sich ganz und gar nicht im Gleichgewicht.
"Das Gleichgewicht der Welt" ist viel mehr als eine Familiensaga, aber auch kein rein politisches Buch. Rohinton Mistry schreibt so verständlich, dass man der Geschichte auch ohne spezifisches Hintergrundwissen folgen kann und gleichzeitig viel über das Sozialgefüge Indiens und die damalige politische Situation (Ausnahmezustand während der Regierung von Ministerpräsidentin Indira Gandhi) lernt.
Bemerkenswert finde ich die Liebe zum Detail, mit der das Buch geschrieben wurde. Auch die scheinbar unbedeutendsten Nebencharaktere und Nebenhandlungen wirken lebendig und "vollständig". Doch die Details sparen Brutalitäten nicht aus - das Elend in den Slums und die Folterungen und Morde durch religiöse Fanatiker werden genauso plastisch geschildert wie die Opulenz einer Hochzeit und ein Schachspiel im Studentenheim.
Hin und wieder hätte ich mir einen "Glossar" gewünscht: speziell in den Dialogen kommen viele fremdartige Begriffe vor. "Zwei Annas? Bist du pagaal oder was? Da kann ich mir gleich neue Chappals kaufen, wenn ich einem Mochi wie dir zwei Annas bezahle." (S. 155) Dies trübt die Lesefreude allerdings nur wenig, man gewöhnt sich schnell daran.
Fazit
Stellenweise berührend, stellenweise komisch, stellenweise tragisch, stellenweise grausam. Das Gleichgewicht der Welt ist genauso fesselnd wie herzzerreißend.
5 von 5 Punkten





Dies ist eine Rezension unserer Gastrezensentin Hanna Bergsmann. Wenn auch du uns mit Rezensionen unterstützen möchtest, schreib einfach an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. !



