Mittwoch, den 24. August 2011 um 09:22 Uhr

btb
Taschenbuch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-442-74066-6
9,95 €
Ein kurzer Einblick
In einer Gesellschaft, deren oberstes Anliegen die physische Gesundheit des Einzelnen ist, ist kein Platz für Menschen wie Mia Holl und vor allem nicht für ihren Bruder, für den das Leben mehr ist als Hygienevorschriften und sportliche Ertüchtigung. Wer sich jedoch gegen die "Methode" auflehnt, kann nicht geduldet werden.
Bewertung
Dass Juli Zeh sich in ihrem Roman mit juristischen Fragen auseinandersetzt, ist kein Zufall: Schließlich ist sie Juristin, was man dem Roman jedoch nur in positiver Art und Weise anmerkt. „Corpus Delicti“ kommt nicht trocken daher (Trockenheit wird der Juristerei ja durchaus unterstellt), sondern glänzt mit einem lockeren Schreibstil, der dennoch nicht der kunstvollen Phrasen entbehrt. Die Geschichte zieht bereits mit den ersten Seiten in ihren Bann und man kann das Buch kaum noch aus der Hand legen. Juli Zeh zeichnet in ihrem Roman eine Zukunft, die auf den ersten Blick erstrebenswert scheint: Selbst eine schlichte Erkältung ist als Krankheit ausgerottet, die Menschen denken in erster Linie an ihre Gesundheit, Rauchen und Alkoholgenuss sind gesetzlich verboten. Doch bei aller Vorsicht bleibt vor allem das Geistige auf der Strecke, das persönliche Erleben. Mias Bruder Moritz streckt seine Füße lieber in einen Bach als sein tägliches Sportpensum zu erledigen. Steht Mia zunächst noch auf der Seite des Systems, der sogenannten „Methode“, erhält sie nach und nach Einblicke in die Gedankenwelt ihres Bruders – der Selbstmord beging, weil er für einen Mord verurteilt wurde, den er nach eigener Aussage nicht begangen hatte. Mia lastet den Selbstmord ihres Bruders der „Methode“ an und muss sich schließlich dem Gericht stellen. Ihr Auflehnen gegen den Staat wird nicht geduldet, zumal sie zunehmend in die Fußstapfen ihres Bruders tritt und ihre persönlichen Freiheitsrechte einfordert. Da kann es dann schon mal passieren, dass die Polizei vor der Tür steht, weil man eine Zigarette raucht …
Gegen Ende hin wird die Handlung des Romans etwas konfus, die Auflösung entbehrt der Radikalität, die man sich – besonders nachdem man Moritz' Freiheitsdrang kennen gelernt hat – gewünscht hätte. Der Höhepunkt kommt recht früh, danach verebbt die Handlung ein wenig. Wer sich außerdem einen klassisch gestrickten Roman wünscht, dem man einfach folgen kann, ist hier fehl am Platze: „Corpus Delicti“ fordert nicht nur aufgrund des Sujets, sondern auch wegen seiner Umsetzung den Leser zum Nachdenken heraus. In Rückblicken erfährt man, was für ein Mensch Mias Bruder Moritz war, so dass man sich ihm beinahe näher fühlt als seiner Schwester, die auf den ersten Blick illoyal und kühl wirkt. Die Charakterzeichnung an sich ist nur skizzenhaft, vor allem die Nebenfiguren sind oftmals bloße Namen und sind nur Figuren in einem größeren Kontext, ohne große Individualität. Das schadet dem Roman jedoch nicht so sehr wie man vermuten sollte – individuelle Charaktere sind in einem solchen System wie Juli Zeh es zeichnet ohnehin nicht erwünscht.
Fazit
„Corpus Delicti“ erinnert von seiner dystopischen Grundidee her an Romane wie Huxley's „Schöne neue Welt“, ist jedoch gegen Ende hin nicht radikal genug. Unabhängig davon ist es aber ein gelungenes Plädoyer für die Freiheit des Einzelnen und wenn der auch nur das Bedürfnis hat, eine Zigarette zu rauchen ...
4,5 von 5 Punkten
Wir danken btb für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.



