Dienstag, den 18. Oktober 2011 um 06:06 Uhr

Aufbau Verlag
Gebunden, 456 Seiten
ISBN: 978-3-351-03358-3
19,99 €
Ein kurzer Einblick
Sie wird in der Forschung nur „die Pariser Frau“ genannt: Hadley Richardson lernt Ernest Hemingway Anfang der Zwanziger Jahre in Chicago kennen. Die beiden verlieben sich ineinander, heiraten und gehen gemeinsam nach Paris – wo Hemingway zu einem der ganz Großen der Literatur werden soll.
Bewertung
Dass hinter jedem großen Mann eine Frau steht, ist im Falle Hemingways keine bloße Redensart. Paula McLain widmet sich in ihrem Erstlingsroman der sogenannten „Pariser Frau“ Hemingways, Hadley Richardson. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden überhaupt nicht zueinander zu passen: Hadley ist acht Jahre älter als Ernest, aber wesentlich weltfremder und unerfahrener – auch in Liebesdingen. Sie fühlt sich aber direkt von ihm angezogen, als sie ihn bei Freunden in Chicago kennen lernt. Nach ihrer Abreise entbrennt ein reger Briefwechsel, bei dem manchmal mehrere Briefe am Tag hin- und hergeschickt werden. Bis Ernest ihr einen Heiratsantrag macht – in einem Brief. Hadley nimmt ihn an, die beiden heiraten und gehen nach Paris … Alles andere ist Geschichte. Dieser Plot könnte für eine furchtbar kitschige Liebesgeschichte herhalten, wenn man mit der Ankunft in Paris aufhören würde. Doch auch wenn Hadley und Ernest sich wirklich lieben, haben sie in Paris mit existenzieller Not zu kämpfen, weil sie nämlich ständig pleite sind. Ernests Karriere als Schriftsteller steckt noch in den Kinderschuhen, Hadley glaubt aber fest an ihren Mann und wir lernen eine Frau kennen, die bedingungslos liebt und sich selbst von den widrigsten Umständen nicht schrecken lässt. Man hatte sie gewarnt, Ernest sei ein Frauenheld und zudem viel zu jung für sie, doch sie setzt ihren Kopf durch und nimmt seinen Antrag an.
Hat man „Paris – Ein Fest fürs Leben“, in dem Hemingway seinen eigenen Erinnerungen an seine Pariser Zeit nachhängt, gelesen, erkennt man hin und wieder den träumerischen Stil in Paula McLains Roman wieder. Da hat sich das Ehepaar „lieb“ und manchmal grenzt es schon an argen Kitsch und Verklärung. Bei „Madame Hemingway“ ist das alles schon wesentlich realistischer, die Ereignisse werden chronologisch und nachvollziehbar wiedergegeben. Folgen kann man da Hemingway in seinem Buch schon schwieriger, ganz besonders wenn man die Hintergründe nicht kennt.
Sicherlich hatte Hadley keinen direkten Einfluss auf Hemingways Schaffen, aber der Halt, den sie ihm gab, wird immer wieder betont, selbst in den Passagen, die aus seiner Sicht (in der dritten Person) verfasst sind. Ich-Erzählerin Hadley ist jeden Moment lang authentisch und eine Frau, mit der man sich gerne anfreunden würde. Im Gegensatz zu anderen Schriftstellergattinnen ist sie nicht nur ein blasser Schatten, sondern wird als die ideale Ehefrau wahrgenommen und als Persönlichkeit geschätzt. Denn in Paris sind die beiden nicht gerade unter sich: Im Paris der 20er tummelten sich viele berühmte Schriftsteller, unter ihnen Fitzgerald oder Ezra Pound. Die Hemingways waren mit den meisten befreundet, auch mit Gertrude Stein, die vielleicht ebenso an Hemingways Erfolg glaubte wie seine Ehefrau. Im Vergleich zu Hadley und Ernest bleiben die Schriftstellerkollegen jedoch ein wenig blass und wirken austauschbar, unter Umständen auch, weil der Freundeskreis der beiden einmal beinahe radikal wechselt, als sich ein Erfolg Ernests abzeichnet.
Selbst als Hadley und Ernest sich scheiden lassen (so viel sollte verraten werden können), gehen sie noch freundlich miteinander um und auch Jahre danach mögen sie sich noch. Alles in allem ein Paar, das zu beneiden ist, ganz besonders, weil es es nicht gerade einfach hatte.
In einem angehängten Interview erläutert die Autorin einige Details der Beziehung von Hadley und Ernest, man erfährt, wie es nach der Scheidung weiterging und wird so neugierig, dass man am liebsten weitere Biographien und auch das Werk Hemingways lesen möchte, vor allem natürlich „Fiesta“, seinen ersten Roman, der auf einer realen Reise der Eheleute Hemingway mit Freunden nach Spanien beruht. Eine Liste mit den wichtigsten Lebensdaten Ernest Hemingways (die jedoch durchaus auch mit denen Hadleys hätte ergänzt werden können!) rundet das Buch ab und schafft den perfekten Kompromiss zwischen Biographie und Roman, zwischen Realität und Fiktion.
Fazit
„Madame Hemingway“ wirft einen Blick auf ein interessantes Paar und eine interessante „Epoche“ der Literaturgeschichte. Die Zwanziger Jahre in Paris sind eine aufregende Zeit, die man immer wieder gerne besucht. Hadleys Geschichte macht außerdem neugierig auf Hemingway, der hier sehr sensibel gezeichnet worden ist.
4,5 von 5 Punkten
Wir danken dem Aufbau Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.



