Sonntag, den 04. Dezember 2011 um 11:20 Uhr

Diogenes
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-257-23325-4
8,90 €
Ein kurzer Einblick
Sie hat es sich selbst eingebrockt: Aus Übermut und Neugier hat Amélie eine Stelle beim japanischen Unternehmen Yumimoto angenommen. Dort lernt sie zwar nichts in Sachen Buchhaltung, dafür wird ihr ein Crash-Kurs in Sachen Hierarchie erteilt. Eines ist von Anfang an klar: Eine Frau, zumal eine aus Europa, kann nur ganz unten einsteigen. Und noch tiefer fallen. (Verlagstext)
Bewertung
Amélie Nothombs Bücher – wenn sie auch suggerieren, regelrechte Autobiographien zu sein – sollte man nicht allzu ernst nehmen und jedes Wort auf die Goldwaage legen. In ihrem typischen Stil kommt sie gleich zur Sache, hält sich nicht mit langen Beschreibungen auf und schafft es auch hier wieder, den Leser zu verstören. Der Geschichte mag eine reale Begebenheit zugrunde liegen, doch mit surrealen Elementen, Übertreibungen und Zuspitzungen macht die Autorin es nahezu unmöglich, den wahren Kern herauszufinden. Dessen sollte man sich auch bewusst sein, denn diese Geschichte dient auch der Selbstinszenierung.
Amélie hat einen Jahresvertrag im japanischen Unternehmen Yumimoto angenommen, ursprünglich, um dort als Dolmetscherin zu arbeiten. Ihre Kenntnisse werden jedoch nur einmal gebraucht, bald wird sie in eine andere Aufgabe gedrängt, manchmal muss sie sich sogar ihre Aufgaben selbst suchen, um etwas zu tun zu haben. Ihre Vorgesetzten drangsalieren Amélie von Anfang an, vor allem ihre direkte Vorgesetzte Mori Fubuki, eine von vier Frauen im gesamten Unternehmen, bringt ihr bald nur Hass entgegen und hält Amélie für „geistig behindert“. Ein anderer – höherer – Vorgesetzter verbietet ihr sogar, Japanisch zu sprechen, das sie recht gut beherrscht, nur, weil dies die Japaner verunsichern würde. Die allgemeine Atmosphäre im Unternehmen ist von Angst geprägt: Die Angestellten arbeiten zehn Stunden am Tag, nehmen kaum Urlaub, haben kaum ein Privatleben – das übliche Klischee, das Japan vorauseilt. Nothomb übt hier Gesellschaftskritik an einem System, das den Frauen ein Leben aufoktroyiert und sie zur Scham zwingt, falls sie diesem Ideal nicht entsprechen (und nicht mit fünfundzwanzig heiraten) und das – laut Nothomb – die höchste Suizidrate der Welt zu verzeichnen hat. Ihren Gang zwischen Wahnsinn und Verstand untermalt sie mit einer wahnähnlichen Episode im nächtlichen Büro. Sie steht öfters am Fenster und stellt sich vor, wie sie hinunterstürzen würde – ein Suizid in Gedanken. Wer davon träumt, in Japan als „Gaijin“ erfolgreich zu sein und das große Geld zu scheffeln, sollte dies wohl lieber in Amerika versuchen – in Japan scheint es unmöglich, vor allem als Frau. Am Ende kommt Amélie fast ganz unten an, doch eines verliert sie nie: ihr Gesicht, eines der wichtigsten Dinge in Japan. Wie eine stolze Japanerin überbringt sie ihren vier Vorgesetzten nach Ablauf des Jahresvertrages mündlich ihre Kündigung und muss sich da wieder der erbarmungslosen Fubuki stellen. Das Ende ihrer Erzählung wirkt da schon fast versöhnlich, aber die Missverständnisse und die Verständigungsschwierigkeiten (die nur an der Mentalität scheitern, nicht an den Sprachkenntnissen der Beteiligten) sind bis zum Ende ihrer Tätigkeit bei Yumimoto unüberbrückbar.
Fazit
„Mit Staunen und Zittern“ ist ein Meisterstück, wenn es darum geht, Realismus mit Surrealem zu vermischen. Hier werden fast sämtliche Ost-West-Klischees ausgepackt und die Verständigung scheint stellenweise unmöglich zu sein. Kurzweilig und verstörend, ist das Buch typisch Amélie Nothomb. Wer die Autorin einmal kennen lernen möchte, sollte hier mal reinlesen!
4 von 5 Punkten



