Freitag, den 27. November 2009 um 14:54 Uhr

Fischer
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-596-18162-9
9,95 €
Kurzer Einblick
Die rumänische Lehrerin Adina erlebt im tristen Alltag die letzten Tage des Ceauçescu-Regimes und erfährt privat wie beruflich seine Grausamkeiten. Sie lebt, wie alle anderen den grauen Alltag, bis sie eines Tages das Fuchsfell in ihrer Wohnung zerstückelt vorfindet als Warnung. Du bist die Nächste.
Rezension
Der Nobelpreis geht nach 2004 wieder an eine deutschsprachige Autorin. Wobei hier deutschsprachig betont sein soll und nicht das Geschlecht, obwohl doch beides richtig ist. Das allgemeine Medienecho überschattet auch diese Rezension, ohne davon beeinflusst zu sein.
Mit „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ liegt ein Roman aus Herta Müllers Werk vor, der ihre nobelpreisträchtige Kompetenz unter Beweis stellen sollte. Tut er dies? Er tut es, ohne es dem Leser leicht zu machen.
Der Plot ist schnell zusammengefasst und gibt den Roman unzureichend wieder: Die Handlung kreist um die Lehrerin Adina, die in einer rumänischen heruntergekommenen Vorstadt ihr Leben fristet. Ihre Erlebnisse reihen sich von der Kindheit bis hin zum Fall des Ceauçescu-Regimes. Zusammenhang ist dabei nicht die Stärke des Romans, er lebt von der postmodernen Zerstückelung, Rück- und Vorgriffe wechseln sich ab mit Innen- und Außenschau. Der Leser hat einiges zu bewältigen und muss isch einlassen auf diesen Text. Die Wirkung dieses Buches geht nicht von der Handlung selbst aus, sondern davon, wie sie erzählt wird. Ein erdrückendes Bild jagt das nächste. Die wenigen heiteren Stellen werden getilgt vom depressiven Kulturpessimismus der einzelnen Figuren, von der Sinnlosigkeit des tristen Alltags regelrecht aufgefressen werden. Die Komik wirkt nur durch den Kontrast und hat damit schon wieder traurigen Charakter. Trotzdem gibt sich das Buch emotionslos und sachlich, und gerade diese Poesie der Sachlichkeit ist es, die verstört, die aufschreckt und so die Wirkung der Sprache vollends zur Geltung bringt. Die hohe Kunst, die Herta Müller uns hier präsentiert, ist nicht die Abhandlung an Einzelschicksalen, sondern die sprachliche Kraft. Die symbolischen Bilder dieses Textes sind, man kann es nicht anders sagen, gewaltig. Nicht nur das titelgebende Bild des Fuchses, dessen Fell in Adinas Wohnung von Unbekannten immer wieder zerstückelt wirkt, wirkt. Sondern auch die Pflanzen- und Tiersymbolik stellen ein Hauptmerkmal und berherrschen den Roman bis ins kleinste Detail. Blumen und Insekten wechseln sich mit auffälliger Häufigkeit ab. Blumen eher als Kontrast zum grauen Alltag, Insekten um die Widerlichkeit zu verdeutlichen. Ganz deutbar sind sie nicht. Vieles trägt unterbewusste Züge, Traumbilder, Surrealität. Einiges bleibt hermetisch oder steht, unauflösbar, für sich selbst.
Es sind diese Bilder, die diesen Roman ausmachen. Dies gibt ihm einen schwer zugänglichen Charakter. Wer hier den Untergang des Regimes feiernde, befreiende Worte erwartet, liegt sicherlich falsch. Wer erfahren will, wie reiner Text wirken kann ohne sich auf eine Handlung zu konzentrieren, der soll zugreifen. Doch es bedeutet Arbeit an sich selbst und am Text, das Leseerlebnis wird für einige zur Tortur, für andere zum Vergnügen.
3 von 5 Punkten



Wir danken dem Fischer Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.



Comments
Sorgfalt? Kann man z.B. bei Herta Müller lernen!