Montag, den 22. Februar 2010 um 07:45 Uhr

Heyne Verlag
Hardcover, 975 Seiten
ISBN 9783453265981
24,95 €
Inhalt
London im Juni 1865: Bei einem dramatischen Eisenbahnunglück finden etliche Menschen den Tod. Unter den Überlebenden ist der bedeutendste Schriftsteller seiner Zeit, Charles Dickens. Doch nach diesem Ereignis ist Dickens nicht mehr derselbe: Wie besessen macht er sich auf die Suche nach einem mysteriösen Mann namens Drood. Aber wer oder was ist Drood wirklich? Und kann es sein, dass Charles Dickens in seinen letzten Lebensjahren zum kaltblütigen Mörder wird?
Unsere Wertung
Dan Simmons ist für "große und lange Geschichten" berühmtberüchtigt. Seine "Hyperion-Gesänge" bringen es auf über 1400 Seiten insgesamt, das Duo "Ilium" und "Olmypos" schafft es den Leser über 1700 Seiten lang mehr oder weniger zu fesseln und auch "Terror" ist mit knapp 1000 Seiten immer noch über jedem Durchschnittsbuch erhaben. Mit "Drood" setzt US-Autor seine Entwicklung fort, die bereits im Roman "Terror" vorzufinden war: Wir bewegen uns weg von der Science Fiction im klassischen Sinne, hin zu Gefilden, in denen sich Realität und Phantastik miteinander vermischen. Das gab es durchaus bereits im "Frühwerk" von Simmons, wenn wir uns diesen Begriff einmal für die Bezeichnung entleihen können, mit "Kinder der Nacht" oder auch "Song of Kali". Doch der heutige Simmons befasst sich zudem noch mit den Geschichten um große Persönlichkeit und nachdem wir im Vorgängerroman in See gestochen sind, erleben wir nun die mit einigen Freiheiten versehene Lebensgeschichten von einem der größten Schriftsteller überhaupt: Charles Dickens. Die Handlung selbst wird jedoch aus der Sicht seines langjährigen Autorenkollegen Wilkie Collins geschildert, dessen tiefe Freundschaft gegenüber Dickens sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr ins Gegenteil wandelt. Zudem bildet Collins einen wunderbaren Gegenpart zu Dickens und es herrscht eine spürbare Rivalität zwischen den beiden Größen schriftstellerischem Schaffens. Drood bildet das Element der Phantastik, das den Roman in ein Areal des surrealen Horrors zieht. Im Sinne der Interpretation kann man in Betracht ziehen, ob der Charakter Drood eine Art Manifestation der Emotionen ist, der die dunklen Seiten der Schriftsteller hervorruft, denn der Roman ist eine Art langsamer und quälender Niedergang vor allem von Wilkie Collins, dessen Gesundheit und Psyche eine Ambivalenz zu dem finanziellen Erfolg seiner Karriere bilden. Glück, Trauer, Horror, Freundschaften, Verderben, Hoffnungslosigkeit - all diesen Schlagworten wird man in "Drood" wiederbegegnen. Es gibt -Simmons typisch- sehr viele Charaktere, alleine die Familie und der Freundeskreis um Dickens sind einnehmend, doch die wahren Protagonisten bleiben Collins und Dickens, die geradezu schillernd herausragen und auch der Antagonist Drood bleibt im Gedächnis hängen, während alle anderen doch mehr und mehr verblassen. Simmons beweist allerdings einmal mehr, zu welch monumentaler Recherchefähigkeit er fähig ist, denn sowohl die Charaktere als auch vor allem die ganzen Settings in London sind eine Lesepracht und man hat augenblicklich Bilder im Kopf, wenn man mit den beiden Schriftstellern durch die Unterwelt oder dunkle Gassen Londons streift. Einen Roman von knapp eintausend Seiten kann man nicht in einem Ruck eben mal lesen und Dan Simmons´ Schreibstil und seine Handlungsführung laden eher zu einem bedächtigen Lesen ein - eine gesunde Ausdauer ist dabei die Grundvoraussetzung. Es gibt keine großen "Actionpassagen" in dem Sinne, obgleich Mord und Totschlag ein Themengebiet sind. Anstelle einer rasanten Handlung setzt Simmons viel eher auf Aufbau und Entwicklung, die die Nerven von so manch einem Leser strapazieren könnte. Doch gerade diese Herausforderung macht "Drood" so lesenswert, weil es angenehm aus der Masse der Fantasywerke herausragt und auch keinem Genre eindeutig zugeordnet werden kann. Sicherlich kein Buch für jeden Leser, dazu ist Dan Simmons einfach zu eigen in seiner Art. Doch die Herausforderungen lohnen sich, denn man erhält eine detaillierte, teils verstörende, Geschichte, einen Roman, der nicht eben mal einfach mit anderen verglichen werden kann und diese Fähigkeit zeichnet Dan Simmons aus.
4 von 5 Punkten




Wir danken Heyne für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.



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