Sonntag, den 12. April 2009 um 19:28 Uhr

Dtv
Taschenbuch, 464 Seiten
ISBN 978-3-423-00295-0
8,95 €
Ein kurzer Einblick
Die Geschichte des Transportarbeiters Franz Biberkopf, der, aus der Strafanstalt Berlin-Tegel entlassen, als ehrlicher Mann ins Leben zurückfinden möchte, ist der erste deutsche Großstadtroman von literarischem Rang. Das Berlin der Zwanziger Jahre ist der Schauplatz des Geschehens. Dabei wird die Großstadt selbst zum Gegenspieler des gutmütig-jähzornigen Franz Biberkopf, der dieser verlockenden, aber auch unerbittlichen Welt zu trotzen versucht.
Unsere Bewertung
„Berlin Alexanderplatz“ zu beschreiben ist nicht sehr leicht, auch das Lesen fällt nicht sehr leicht. Besonders die ersten hundertfünfzig Seiten (ja, hundertfünfzig!) können einen sehr verärgern, weil alles sehr konfus ist durch die Montagetechnik, die Döblin anwendet. Als ich das Buch das erste Mal lesen musste, für die Abiturprüfung, habe ich es nicht gemocht; ich fand es schrecklich, wie man so dermaßen verwirrend schreiben kann, so dass die Geschichte verwischt und sogar fast verschwindet. Doch dann las ich das Ende, an dem Biberkopf vom Tod aufgesucht und zur Rechenschaft gezogen wird und durch diese Szene begann ich das ganze Buch anders zu sehen.
Den Anfang halte ich immer noch für schwierig oder zumindest anspruchsvoll, denn einen solchen Schreibstil findet man heute nicht mehr oder zumindest selten, er ist sehr experimentell. Die „Geschichte vom Franz Biberkopf“ ist eben keine seichte Unterhaltungsliteratur, die man mal eben in der Bahn oder im Wartezimmer liest, da muss man viel Aufmerksamkeit und Geduld mitbringen.
Die zahlreichen Motive, die sich immer und immer wiederholen, entdeckt man ohne Hilfe beim Runterlesen wohl auch weniger, doch sie sind es, die das Buch ausmachen. Wenn die Hure Babylon wütet und Franz vom Tod zerschnitten wird, merkt man, dass zwischen den Buchdeckeln mehr steckt als ein normales Buch. Es ist eine Mileustudie und fordert vom Leser all seine leserische Kompetenz. Jemand, der sich einfach nur unterhalten lassen will, sollte die Finger von diesem Buch lassen!
Die Charaktere sind auch nicht unbedingt das, was man sich als Leser im Normalfall wünscht, denn kein einziger ist auch nur ein wenig sympathisch, nicht einmal der Protagonist Franz. Zudem sind die Charaktere recht austauschbar, sie sind mehr Klischees denn individuelle Personen. Wenn Reinhold Mieze Gewalt antut, empfindet man mehr Schrecken und Abscheu vor der Tat selbst als Mitleid mit Mieze oder Wut auf Reinhold. Doch gerade das macht den Roman so universell einsetzbar, man sieht das Elend der Situation mehr als wenn man Sympathien hegen würde.
Trotz des schweren Einstiegs ist „Berlin Alexanderplatz“ ein äußerst lesenswertes Buch, bei dem sich auch ein zweites Lesen lohnt und bezahlt macht.
4,5 von 5 Punkten



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