Sonntag, den 26. Dezember 2010 um 13:51 Uhr

Heyne
Hardcover, 527 Seiten
ISBN: 9783453266995
19,99 €
Ein kurzer Einblick
Vergeltung! Ob als Täter oder Opfer, unschuldig oder schuldig, durch Schicksal oder Absicht wir kommen in Situationen, die uns eine Entscheidung abverlangen: Wie weit muss ich gehen, bis mir Gerechtigkeit widerfährt? Manchmal muss man sehr weit gehen ...
"1922": Ein Vater überredet seinen Sohn auf perfide Weise, gemeinsam mit ihm die Ehefrau/Mutter umzubringen und der Horror für den Rest des Lebens der beiden nimmt seinen Anfang.
"Big Driver": Die Schriftstellerin Tess wird nach einer Lesung brutal vergewaltigt. Sie will auf eigene Faust Vergeltung üben ...
"Faire Verlängerung": Der schwer krebskranke Streeter geht einen teuflischen Pakt ein. Seine Genesung und sein Glück scheinen fortan Unglück und Untergang für andere zu sein. Kann er dem Einhalt gebieten? Will er das überhaupt?
"Eine gute Ehe": Zufällig entdeckt Darcy, dass der Mann, mit dem sie 27 Jahre lang glücklich verheiratet ist, ein Doppelleben als wahres Ungeheuer führt. Bis dass der Tod euch scheidet ... ist das der einzige Ausweg?
Unsere Wertung
Wenn Stephen King zum Tanz einlädt, wird der Winter noch einmal um einige Nuancen kälter. Der "Meister des Horrors" liefert vier Kurzromane, die ihre Betitelung als Roman auch redlich verdienen, da die Geschichten bis zu knapp 200 Seiten umfassen. King zeigt einmal mehr, dass er kein wirklicher Freund von kurzen Sachen ist. Denn schon der Sammelband "Im Kabinett des Todes" verdeutlichte die Detailliebe, mit der der amerikanische Schriftsteller immer zu Werke geht.
Das Thema ist eigentlich recht einfach und deutlich gestrickt: Rache und Vergeltung. Eines der ältesten Motive der Menschheitsgeschichte, wenn man es also etwas philosophisch ausdrücken möchte. Alt und gefährlich zugleich, weil Rache gleichzeitig auch oftmals relativ platt behandelt wird. Wer kennt nicht irgendein Buch oder einen Film, wo der Held oder Anti-Held seine Familie oder etwas Wichtiges verlor und Rache schwor? Da ist das Gähnen einfach vorprogrammiert, wenn man sich die meistens recht simpel gestrickten Plots anschaut. Hier "wirkt" es zunächst einmal auch so. Nehmen wir die Geschichte "Big Driver" - eine Frau wird vergewaltigt und will sich an ihrem Vergewaltiger rächen. Die Zusammenfassung ist schnell erledigt. Was "Big Driver" und damit auch den Schöpfer Stephen King einmal mehr aus der Masse hervorhebt, ist weniger die "Was"-Frage, sondern eher das "Wie". Die Intensität der Worte, das Verbrechen, dem man als wissender Leser nervös entgegenblickt, das Eintauchen in eine zerstörte Gefühlswelt, die die Protagonistin Tess (eine Schriftstellerin übrigens) in eine kalte Wahnwelt treibt. Getrieben von inneren Stimmen - einem Leitmotiv in Kings Romanen - startet sie ihren Rachemotor, der sie durch die weitere Handlung bringt. Die sind die Faktoren, Emotionen und Aspekte, die die Stories so besonders machen.
Querverweise, die dem Leser - bei aller Grausamkeit der Stories - gar ein Lächeln auf die Lippen zaubern, gibt es ebenfalls. So wünscht man sich beim Pakt mit dem Teufel ("Faire Verlängerung") "Lange Tage und angenehme Nächte". Ein kleiner Satz, der sehnsuchtsvoll an die gigantische Turm-Reihe denken lässt und vielleicht den einen oder anderen gar den Gedanken entlockt, ob es in dieser Richtung mal weitergehen wird. "Faire Verlängerung" ist zudem vielleicht die charismatischste Geschichte der Sammlung, da sie einmal mehr aufzeigt, wie menschlich es doch wäre, wenn man tatsächlich vor dem Leibhaftigen persönlich stehen würde und das eigene "Ich" über seine Mitmenschen stellt. Sprich, mir soll es gut gehen, auch wenn andere dafür leiden müssen. Wiederum ein klassisches Motiv sicherlich, doch die Art der Umsetzung des "Wie geht es weiter?"-Gedanken bekräftigt das intensive Leseerlebnis. Die "Wie"-Struktur setzt sich auch im letzten Kurzroman "Eine gute Ehe" fort, die natürlich alles andere als gut ist. Auch hier stellt sich der Leser sofort die Frage, wie die Protagonistin mit der "grausamen Entdeckung" umgehen wird, ob sie überhaupt selbst überleben wird, obgleich man innerlich weiss, dass es eigentlich ihre Rache ist, die sie an ihrem Ehemann üben will. "Zwischen Nacht und Dunkel" liefert wirklich überaus bewährte King-Kost. Leser, die Innovationen mögen, sollten sich nicht gleich vom altbackenen Motiv der "Rache" abschrecken lassen, auch wenn die Geschichten in der Inhaltsangabe zunächst recht einfach gestrickt wirken. Man erhält ein prickelndes und grausames Leseerlebnis - und was will man bei Stephen King mehr?
4 von 5 Punkten




Wir danken dem Heyne Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.



