Sonntag, den 23. Januar 2011 um 16:23 Uhr

Droemer
Hardcover, 603 Seiten
ISBN: 9783426198889
19,95 Euro
Ein kurzer Einblick
Der zweite Wiesn-Sonntag. Weiß-blau erstreckt sich der Himmel über München, zu Tausenden pilgern die Leute auf das größte Volksfest der Welt. Das Bier fließt in Strömen, Partystimmung, so weit das Auge reicht. Ausgelassen tanzen die Menschen in den riesigen Zelten zu den angesagten Hits. Niemand ahnt, dass dieser Nachmittag um exakt vier Minuten vor sechs in einem Höllenszenario enden wird. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gibt Oleg Blochin, der skrupellose Kommandeur einer russischen Elite-Soldateska, seinen Männern den Befehl, das Betäubungsgas im ersten Bierzelt freizusetzen. Und das ist erst der Anfang: Schlag auf Schlag geht es weiter, 70.000 Menschen werden zu Geiseln in einem hochriskanten Spiel auf Leben und Tod ...
Unsere Wertung
Die Grundidee hört sich wahrlich nicht schlecht an. Ein terroristischer Anschlag auf das Oktoberfest! Ein gar nicht mal so unrealistisches Szenario, das sich Christoph Scholder da ausgesucht hat. Doch bevor es überhaupt dazu kommt, muss sich der Leser mit der Struktur und dem Aufbau des Romans anfreunden. Scholder setzt nämlich ganz auf seinen eigenen Stil. Schon auf den ersten paar Dutzend Seiten geht die Handlung von München, über den Kosovo, Bremerhaven bis nach Afghanistan, für den knappen Raum von nicht einmal einhundert Seiten sind das wirklich viele Handlungsstränge, die auf die Leserschaft losgelassen werden. Unübersichtlich wird es allerdings nicht, das muss man dem Schriftsteller lassen. Damit setzt sich der Roman bereits am Anfang ziemlich von anderer Thrillerkost ab, die meist auf 2-3 Handlungsstränge setzt, die durchgehend bedient werden. Der Aufbau ist somit sicherlich nicht jedermanns Sache, doch einen gravierenden Nachteil kann man hier nicht erkennen, da es letztendlich am Geschmack der Leserschaft liegt. Im späteren Verlauf ordnen sich die Ereignisse ein wenig und konzentrieren sich auf das Oktoberfest, auch wenn es weitere Abstecher nach Russland und sogar Afrika (!) gibt. Wie das alles zusammenpasst, verraten wir selbstverständlich nicht. Die deutsche Buchlandschaft ist nicht unbedingt berühmt für fantastischer Thrilleromane, auch wenn es hier und da ziemlich gute Kandidaten gibt. Scholder vermag noch nicht ganz in den Olymp des Thrillergenres aufzusteigen, da beispielsweise die Charaktere besonders im ersten Part von "Oktoberfest" noch recht blass wirken und ziemlich an Karikaturen erinnern - die typischen Bösewichte beispielsweise. Zwar gehört es im Thrillergenre mittlerweile zum guten Ton einige Klischees zu bedienen, doch Protagonisten, die tatsächlich eine tiefe Persönlichkeit besitzen und nicht nur einen Bösewichts-Mantel samt Knarre sind trotzdem eine Seltenheit, die letztendlich die Spreu vom Weizen trennt. Wer sich mit einem unkonventionellen Aufbau anfreunden kann, auch einige Klischee-Charaktere in der Gedankenwelt willkommen heisst, wird einen spannenden Thriller erleben, der sich durchaus in der oberen Liga sehen lassen kann. Zusammengefasst kann man ruhigen Gewissens eine Kaufempfehlung ausstellen.
4 von 5 Punkten




Wir danken Droemer für die bereitstellung des Rezensionsexemplars.



