Mittwoch, den 04. August 2010 um 15:51 Uhr

Goldmann
Taschenbuch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-45073-2
8,50 €
Ein kurzer Einblick
In diesem 1988 veröffentlichten Buch beschreibt Bill Bryson rückblickend seine Reisen durch Europa als 20jähriger Rucksacktourist. Seine Reise beginnt in der nördlichsten Stadt des Kontinents Hammerfest und endet an der Nordspitze Asiens, in Istanbul. Auf seiner Reise quer durch den europäischen Kontinent stoppt er in Städten wie Oslo, Paris, Brüssel, Aachen, Köln, Amsterdam, Hamburg, Kopenhagen, Stockholm, Rom, Neapel, Florenz und Mailand. Auch der Schweiz, Österreich, Jugoslawien und der Türkei stattet er einen Besuch ab. Er besucht sogar das Fürstentum Liechtenstein. Mit seinen Sprachkenntnissen, die rein auf Englisch basieren, begegnet er allen Situationen gelassen. Ob er den selbstmörderischen Pariser Motorradfahrern mutig trotzt, sich von Zigeunern ausrauben läßt, der Versuchung widersteht in Deutschland in einem Restaurant Eingeweide und Tieraugen zu bestellen, durch die Sexläden der Reeperbahn bummelt oder sich auf eine Diskussion über seine Hotelrechnung in Kopenhagen einläßt, Bryson sieht sich alle Sehenswürdigkeiten an, seziert mit scharfem Blick die jeweilige Kultur und durchleuchtet jeden Platz und jede Person mit seinen überaus witzigen und sarkastischen Bemerkungen.
Rezension
Mit dem vielbesungenen Kultautor Bill Bryson hatte ich in meinem bisherigen Leben erst einmal zu tun. Ich schenkte das Buch „Reif für die Insel“ einer Freundin, die nach England übersiedelte, des Titels wegen. Nun habe ich mir also mit einer gewissen Urlaubsvorfreude das Buch „Streifzüge durch das Abendland“ zugelegt.
Bill Bryson ist ein in England lebender amerikanischer Journalist, der vermutlich besonders naiv und tölpelhaft tut, um seinem Buch mit dem Klischee vom reisenden Ami Tiefgang zu verleihen, und gibt sich dennoch mit unverhohlener Arroganz viel weltmännischer, als er ist. Als junger Mann hatte Bill Bryson, begleitet von seinem Freund Katz, der im weiteren Verlauf des Buches ein kontrastloser Name bleiben sollte, eine abenteuerliche Rucksacktour durch Europa unternommen. Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, später wiederholt er diese Reise – mein Eindruck, dass er den Versuch unternimmt, via Interrail (oder zumindest einer kultivierteren Version davon) der Midlifecrisis zu entkommen, verfestigt sich fortlaufend immer mehr.
Seine Reiseroute wirkt chaotisch und wenig durchdacht, im Zickzack durch die Lande, seine Reiseziele fallen manchmal deutlich aus dem Rahmen (Aachen statt Berlin oder München...), dass „der Ostblock“ auch ein Teil Europas ist, wird fast vollkommen negiert (Budapest, Prag und andere wichtige Destinationen werden nicht einmal erwähnt).
Eine landeskundliche Erörterung oder gar große Reiseliteratur im alten Stil darf man sich von diesem Buch nicht erwarten. Bryson besucht die Städte nur oberflächlich, es kommt einem vor, als würde er warten, bis das vorherrschende Klischee über das betreffende Land bestätigt wird, und dann weiterreisen. Seine Reisebeschreibungen drehen sich sich fast ausschließlich um Hotels, ihre Lage und ihre Ausstattung, und die Beschaffenheit der Bahnhöfe, Züge und Tourist-Info-Points. Seine Begegnungen mit „Einheimischen“ beschränken sich auf Hotelangestellte und Servierpersonal, dem er mit von American-Express-Reiseschecks untermauerter Überheblichkeit und ohne die Bereitschaft, auch nur ein Wort in der Landessprache zu sprechen, gegenübertritt.
Das im Klappentext versprochene „vor-lauter-Lachen-den Bauch-halten-bis-man-Tränen-in-den-Augen-hat“ bleibt zwar aus, ein Schmunzeln kann einem die eine oder andere Passage (vor allem, wenn Bryson von niedlichen bettelnden Zigeunerkindern ausgeraubt wird oder in andere typische Touristenfallen tappt) doch entlocken.
Jedoch ärgert man sich als einigermaßen gebildeter und weltoffener Europäer, Passagen zu lesen, in denen Bryson verzapft, um wieviel weiter entwickelt das US-amerikanische Gesundheitssystem gegenüber dem europäischen nicht sei, oder dass in der Stockholmer Altstadt die Häuser so alt und vergammelt seien, dass man es ohne weiteres für Bratislava oder Krakau halten könne (womit er allen drei Städten zutiefst unrecht tut)... Mit Ironie oder Sarkasmus, für die Bryson in vielen Rezensionen hoch gelobt wird, hat das meiner Meinung nach wenig zu tun. Auch die wiederholte und nachdrückliche Beschreibung von Deutschen als lederhosentragende, wurstfressende Nazis und von Österreichern als auf Kitschsouvenirs versessene Antisemiten entbehrt vielleicht nicht jeglicher Grundlage, ist aber in diesem Zusammenhang reichlich unreflektiert und hart an der Grenze zur Diffamierung (zumal z.B. das Kapitel über Österreich keine 7 Seiten lang ist).
Meine Empfehlung: steck das Geld für dieses Buch ins Sparschwein, bei guten Zinsen ist das vielleicht der Beginn für einen eigenen Streifzug durchs Abendland.
1 von 5 Punkten




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