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Weisheiten

Eine Kindheit ohne Bücher wäre keine Kindheit. Es wäre, als ob man aus dem verzauberten Land ausgesperrt wäre, aus dem man sich die seltsamste aller Freuden holen könnte.
Astrid Lindgren

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Ludwig
Paperback, Klappenbroschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-453-28024-3
€ 12,99




Ein kurzer Einblick

Wer ganz auf Fleisch verzichtet, lebt angeblich automatisch gesünder, schont das Klima und ist ein besserer Mensch, weil er nicht für den Tod von Lebewesen verantwortlich ist. Doch es gibt keine Ernährungsform, die nichts und niemandem schadet. Die Journalistin Theresa Bäuerlein, selbst lange Vegetarierin, zeigt, dass viele Argumente gegen das Steak und für den Tofu auf Unverständnis und Fehlinformationen beruhen, und erklärt, unter welchen Bedingungen man mit gutem Gewissen Fleisch essen kann.



Unsere Bewertung

Wer sich von Theresa Bäuerlein Aufklärung in Sachen „Tiere essen“ erhofft, muss vorsichtig sein: Sicherlich ist auch das Wort anderer Autoren nicht der Weisheit letzter Schluss, aber Halbwahrheiten finden sich in Bäuerleins Buch zuhauf. Am Ende werden die meisten wohl doch weiterhin in ihr Salamibrot beißen, denn „die Bäuerlein hat ja gesagt, das ist okay so“ und gegen Vegetarier wettern, die ja allesamt Spinner sind und eh keine Ahnung haben. Schade! Auch wenn die Autorin am Ende schreibt, ihr Buch sei „nicht gegen Vegetarier und Veganer gerichtet“ und biete ebenso wenig „Fleischessern Rechtfertigung für maßlose Exzesse“, geht dieses Schlusswort angesichts des Vorangegangenen etwas unter. Veganer kommen im Gegensatz zu Vegetariern noch recht gut weg, denn die sind wenigstens konsequent. Vegetarier essen schließlich noch Eier und und trinken Milch, die von Veganern ja gerne mal „Liquid Meat“ genannt werde. Selbst an Paul McCartney lässt sie kein gutes Haar, denn der sei ja auch „bloß“ Vegetarier und damit – ja, unwissend, naiv, inkonsequent und wasweißichnoch. Dass Bäuerlein selbst einmal Vegetarierin war und inzwischen wieder fröhlich Fleisch und Wurst verzehrt, leugnet sie zwar nicht, aber dass sie selbst damit die Inkonsequenz in Person ist, lässt sie mal eben schnell unter den Tisch fallen. Das ist ja auch nicht so wichtig, schließlich hat sie die Weisheit mit Löffeln gegessen und weiß es besser als die Vegetarier. Diese nämlich wüssten ja gar nicht, dass auch Tiere für ihre pflanzliche Ernährung sterben müssen. Damit unterstellt sie einer Gruppe von Menschen im Kollektiv Unwissenheit bzw. Ignoranz, was immer gefährlich ist. Nur weil ein Vegetarier noch Milch trinkt, heißt das nicht, dass er oder sie es nicht besser weiß, aber immerhin tun diese Menschen das, was ihnen möglich ist. Statt dies anzuerkennen, stellt Bäuerlein sie in ein schlechtes Licht und plädiert für grasfressende Kühe und die Verfütterung von Küchenabfällen an Schweine (statt mit extra für diese angebautem Futter).

Manche Argumentation lässt erkennen, dass Bäuerlein sich durchaus Gedanken gemacht hat, auch aus vegetarischer Sicht, und dass ihre eigene vegetarische Lebensweise Spuren hinterlassen hat. Weshalb sie jedoch so gegen Vegetarier wettert, ist unverständlich. Besonders weil sie eine Bevölkerungsgruppe über einen Kamm schert, macht sie unglaubwürdig. Denn wieso sollte eine Organisation wie der Vegetarierbund die Idee des „Veggietages“ unterstützen, wenn er alle Fleischesser per se verdammt? Und kann es denn nicht möglich sein, dass Vegetarier um die Problematik von Milch, Ei und Käse wissen? Immerhin wissen viele Fleischesser auch, dass ihre Wurst aus Massentierhaltung stammt und essen sie dennoch.
Durch die zahlreichen Zitate aus Lierre Keiths Buch „The Vegetarian Myth“ kommt leicht der Verdacht auf, Bäuerlein habe sich das Buch ein bisschen zu sehr zu Herzen genommen und die Ideen der Autorin übernommen. Lierre Keith lebte selbst lange als Vegetarierin bzw. Veganerin und ist es inzwischen nicht mehr. Da fällt die Parallele zu Bäuerlein sofort ins Auge. Keith stellt Vegetarismus – so Bäuerlein an einer Stelle des Buches – ein wenig wie jugendlichen Leichtsinn und Unwissenheit dar. Erst wer erwachsen sei, würde die Verantwortung tragen, die der Fleischverzehr mit sich bringt. Etwas seltsam klingt das schon, ganz so als solle man gefälligst Fleisch essen, weil man sich sonst aus der Affäre ziehe.

Die guten Ansätze in „Fleisch essen, Tiere lieben“ laufen unter ferner liefen. Statt von Anfang an vehement für maßvolleren Fleischverzehr einzutreten und die Idee des Sonntagsbraten ihrer Argumentation voranzustellen, redet Bäuerlein erst einmal lange von Nachhaltigkeit und Dünger. Ein ganzes Kapitel über die Geschichte des Düngers. Und weil es noch nicht genug ist, gleich im nächsten Kapitel noch einmal Dünger. Sowieso wiederholt die Autorin sich immer wieder einmal und das ohnehin schon schmale Bändchen wirkt dadurch noch schmaler. Da würde man am liebsten sagen: Schuster bleib bei deinem Leisten – in Bäuerleins Fall also: Beim Journalismus bleiben und keine Bücher schreiben.



„Fleisch essen, Tiere lieben“ ist ein Buch, das sich auf einem schmalen Grad bewegt. Es kann sehr schnell sehr missverstanden werden und zwar in die falsche Richtung. Bäuerleins Plädoyer für den Sonntagsbraten und gegen maßlosen Fleischverzehr geht unter zwischen Argumenten gegen den Vegetarismus. Man hat öfters den Eindruck, sie wolle ihre eigene Verfehlung schön reden und habe kein Interesse daran, allen Ernährungsweisen ihre Berechtigung zuzusprechen. Dass Vegetarier auch einmal nicht missionarisch und Fleischessern verständnisvoll gegenüber sein können, daran scheint sie gar nicht zu glauben.
Wer sich informieren möchte, sollte auf jeden Fall erst einmal Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ und/oder Karen Duves „Anständig essen“ lesen, denn ohne Hintergrundwissen ist Bäuerleins Buch schwer verständlich und kann mehr Schaden als Nutzen anrichten.





1,5 von 5 Punkten




Wir danken dem Ludwig Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.