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Eine Kindheit ohne Bücher wäre keine Kindheit. Es wäre, als ob man aus dem verzauberten Land ausgesperrt wäre, aus dem man sich die seltsamste aller Freuden holen könnte.
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Piper
Gebunden, 272 Seiten, mit Abbildungen
ISBN: 9783492054362
19,99 €




Ein kurzer Einblick

Alexander Osang ist Spiegel-Korrespondent in New York, als zwei Flugzeuge am 11. September 2001 in das World Trade Center krachen und in der Stadt, die niemals schläft, den Ausnahmezustand auslösen. Ganz Reporter muss er zum Ort des Geschehens. Währenddessen wartet seine Frau und Kollegin Anja Reich auf ein Lebenszeichen, während sie in Brooklyn mit den beiden gemeinsamen Kindern die Geschehnisse nur aus der Ferne beobachten kann. Gemeinsam berichten sie von ihren Erlebnissen an diesem ganz speziellen Tag im September.



Bewertung

Liest man die ersten Seiten von „Wo warst du?“, denkt man vielleicht vor allem eins: Wieso sind diese beiden Menschen eigentlich zusammen? Die Ehe von Alexander Osang und Anja Reich mag nicht Hauptthema ihres Buches sein, aber zunächst erfährt man nun mal nur vom Alltag der beiden Reporter – er ständig unterwegs und unter Strom, sie zwangspausiert. Er erscheint als egozentrischer, chaotischer und unzuverlässiger Partner, den man nicht freiwillig haben wollte, mit ihr hat man Mitleid, dass sie es mit ihm aushalten und daheim rumsitzen muss. Man merkt: Vor allem Alexander Osang kommt hier nicht gut weg, seine Frau jedoch auch nicht. Wenn er nach Manhattan rennt, sein Leben riskiert, nur um eine gute Story zu schreiben, verstehen das wohl nur seine Berufskollegen. Überraschenderweise sind die beiden selbst es, die sich so „unsympathisch“ zeichnen und da man ihnen keine Attitüde unterstellen möchte, könnte man dies als Ehrlichkeit bezeichnen. Dennoch ist es manchmal anstrengend, wenn Osang selbstreflektierend an sich selbst kein gutes Haar lässt und mehr Schwächen als Stärken zu haben scheint, denn die machen einen Menschen doch auch aus?

Man muss schon einige Seiten umblättern, bis das erste Flugzeuge in den ersten Turm kracht, denn nicht nur Osang, sondern auch der Leser ist ja sensationsgierig. So flüssig die beiden Journalisten auch schreiben, von New Yorker Mülltonnen und Mietpreisen will man nur einmal lesen und nicht zum fünften Mal. Schließlich liest man hier ein Buch zu „9/11“ und hat eine gewisse Erwartungshaltung.
Im Wechsel schildern Osang und Reich ihre Erlebnisse, er an „vorderster Front“ (damit er seine Pflicht, sein Möglichstes als Journalist getan hat, rennt er sogar vor dem einstürzenden zweiten Turm davon) und sie im Haus in Brooklyn. Dass sich die Ereignisse an diesem Tag überschlugen, empfindet man beim Lesen kaum so, zwar ist das Chaos in New York spürbar, durch den Perspektivwechsel wird den Ereignissen aber ihre Geschwindigkeit genommen. Spannend ist der Bericht trotzdem – obwohl man schon vorher weiß, wie es ausgehen wird. Vom „Drumherum“, das die halbe Menschheit vor den Bildschirmen verfolgt hat, erfährt man allerdings nur sehr wenig, weil Osang und Reich beide eine sehr eingeschränkte Sicht hatten, so wie alle Menschen vor Ort.

Eine Handvoll Bilder von Familie und Freunden und Zeichnungen der Kinder illustrieren den 11. September 2001, ein „Was danach passierte“ rundet den Bericht perfekt ab: Man wird nicht im Ungewissen gelassen, was mit all den Leuten, die Osang und Reich in ihrer New Yorker Zeit kennen lernten, passiert ist. Ans Herz wachsen einem diese Leute nicht unbedingt, dafür sind die 270 Seiten viel zu schnell gelesen, aber man möchte ja schließlich doch erfahren, was aus ihnen geworden ist.



Fazit

Wer bei „Wo warst du?“ einen objektiven journalistischen Bericht erwartet, sollte lieber die Finger von dem Buch lassen, denn es ist vor allem eines: Ein ganz persönlicher Erlebnisbericht, mit dem man manchmal etwas Geduld haben muss. Die Familie Osang/Reich steht dabei im Vordergrund, ihre normalen Sorgen ebenso wie die Sorgen angesichts der Katastrophe und das bedeutet nun mal, dass man von Mietpreisen und Müllabfuhr genauso erfährt wie von eingestürzten Türmen und Aschewolken ...





3,5 von 5 Punkten





Wir danken Piper für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.