Samstag, 23. Februar 2019

Rezension: Armageddon Rock (George R. R. Martin)

Golkonda Verlag
Klappenbroschur, 391 Seiten
ISBN: 978-3-944720-35-7
16,90 €

Ein kurzer Einblick

1971 wird der Leadsänger der Nazgûl von einem Scharfschützen getroffen und bricht tot auf der Bühne vor sechzigtausend Fans zusammen. Gemeinsam mit der Band verabschiedet sich eine Generation des Rock ’n’ Roll. Zehn Jahre später feiern die Nazgûl ein Comeback und lassen die Apokalypse hereinbrechen. Ihr Sound hat sich ein Requiem des Todes verwandelt – Music to Wake the Dead.

Bewertung

»Armageddon Rock« ist ebenfalls als limitierte Hardcoverausgabe im Golkonda Verlag oder als Taschenbuch bei Heyne erhältlich.

Sandy Blair, einst Chefredakteur des Szenemagazins Hedgehog, das die Musik und Kultur der 60er Jahre dokumentierte, ist zehn Jahre später Schriftsteller mit mehr oder weniger erfolgreichen Publikationen. Als Jamie Lynch das Herz aus der Brust gerissen wird, meldet sich der Hedgehog bei ihm, um ihn für einen Artikel anzuheuern. Lynch war Promoter und Manager der Band Nazgûl. Genau am Jahrestag des Todes von Hobbins, dem Leadsänger der einstigen Kultband, die die Musik einer ganzen Generation dominierte, wird Lynch ermordet. Sandy, der die Musik heiß und innig liebte, noch immer liebt und damals nicht nur über Musik schrieb, sondern auch die Bandmitglieder interviewte, ist der beste Mann, um einen reißerischen Artikel über Lynchs Ermordung zu schreiben.

Und so beginnt ein Road Movie, ein Rocksong, eine Geschichte der Musik und der Rock ’n’ Roll-Generation in Form von Literatur. George R. R. Martins »Armageddon Rock« wurde bereits 1983 veröffentlicht und ist so aktuell wie eh und je. Die Generation ist heutzutage eine andere, die Kultur hat sich gewandelt – aber die Freiheit, der Idealismus ist noch immer verloren. So ganz nebenbei setzt sich der Autor mit dem Journalismus auseinander, welchen Martin selbst studierte. Bei Erscheinen war »Armageddon Rock« ein Flop, weshalb der Autor sich zunächst den TV Serien als Drehbuchschreiber zuwandte, bevor er Jahre später die Grundlagen des heutigen Erfolges von »Game of Thrones« legte. Doch zurück zum Roman: Der Mord an Lynch lässt Sandy in die Vergangenheit aufbrechen. Der Mord und die Suche nach dem Mörder selbst wird zur Nebensache, zum Aufhänger einer Aufarbeitung der Vergangenheit und zum Aufruf einer Revolution, die die Kultur der neuen Generation, die dem Einheitsbrei und Discosongs aus dem Radio frönen, für immer verändern könnte. Martins »Armageddon Rock« ist ein wahrgewordener Rocksong, der aufwecken soll, damit die Menschheit nicht im Sumpf der Werbeindustrie und machthungriger Medien stecken bleibt. Der Roman ruft zur Freiheit auf, zum Idealismus, zur Revolution, um die Welt neu zu gestalten.

Der Roman ist ein Streifzug durch die Musik. Er ist eine Reise in die Vergangenheit und ein wehmütiger Blick zurück zu Freunden und Weggefährten. Es ist aber auch ein Abenteuer der Selbstfindung, den Sandy Blair beschreitet. Er weigert sich einen Artikel für den Hedgehog hinzuschmieren und reist quer durch die USA, um erneut die ehemaligen Bandmitglieder der Nazgûl zu interviewen und alte Freunde zu besuchen. Die Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein. Ihr Werdegang wird akribisch ausgearbeitet, immer in den Kontext der damaligen Generation und der Veränderung in der Kultur und der Gesellschaft gesetzt. Einstige Rocklegenden will niemand mehr auf der großen Bühne sehen; sie spielen nun in billigen Kaschemmen. Die Unterordnung in den Mainstream lässt Autoren erfolgreich werden, egal, ob die Arbeit qualitativ wertvoll ist oder billiger Schund. Andere rennen vor der Vergangenheit davon, versuchen sie unter freiem Himmel, in Heißluftballonfahrten zu vergessen. George R. R. Martin arbeitet eine ganze Generation auf, lässt den Rock ’n’ Roll auferstehen – und die Nazgûl.

Die Welt drehte sich weiter, gab die Freiheit gegen eine geordnete Gesellschaft auf, als der Sänger der Nazgûl auf dem legendären Konzert in West Mesa von einem Scharfschützen ermordet wurde. Zehn Jahre später feiern sie ihr Comeback und wollen eine Generation zum Leben erwecken, die längst ausgestorben ist. Nicht umsonst heißt ihr erfolgreichstes Album »Music to Wake the Dead«. Mit enormer Imaginationskraft schildert der Autor einen Bühnenauftritt, der einen vergessen lässt, dass man lediglich einen Roman in den Händen hält. Die Gitarren schrammeln, der Bass wummert, das Schlagzeug erbebt und die Fans feiern die einstige Legende. Die Musik ist förmlich hörbar. Es ist eine infernalische Musik, um die Toten wiederzuerwecken. Es ist ein Konzert, das eine Revolution, eine Schlacht herbeiruft, in der niemand weiß, was das Gute und das Böse ist. Es ist ein Kampf der Generationen, der Ideale, der Kultur – es ist ein Kampf der Nazgûl, der die jetzige Gesellschaft zerschmettern will. Die Anleihen der Namen des Epos‘ Tolkiens kommen nicht von ungefähr.

Fazit

Traue einem Autoren niemals zu, nur in einem Genre zu profilieren. Fantasymeister George R. R. Martin lässt eine fiktive Rocklegende mit dem »Herr der Ringe«-Epos Tolkiens verschmelzen und arbeitet dabei die Generation des Rock ’n’ Roll in einem literarischen Rocksong auf zutiefst menschlicher Ebene auf. Das dabei eine unterhaltsame Geschichte nicht zu kurz kommen darf, ist selbstverständlich; denn das Handwerk des Schreibens versteht Martin bestens.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:43 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

16 − 6 =