Dienstag, 04. Dezember 2018

Rezension: Boschs Vermächtnis. Geschichten aus dem Garten der Lüste (Christian von Aster)

Edition Roter Drache
Hardcover, 440 Seiten
ISBN: 978-3-946425-40-3
17,95 €

Ein kurzer Einblick

32 Autoren interpretieren Hieronymus Boschs Triptychon »Der Garten der Lüste« in einzelnen Motiven und formen daraus Geschichten, die dem Surrealismus des Originals treu bleiben. Die Wahrheiten in Eden, die Freuden der Lüste und die Qualen der Hölle verleiten zur Kreativität, wie sie selten gefunden wird. Absonderliche Gestalten, mythische Kreaturen, das Verlangen selbst; sie alle geben sich einem Reigen hin, der faszinierend und fürchterlich zugleich ist.

Bewertung

Hieronymus Boschs Triptychon »Der Garten der Lüste« entstand um 1500 herum, der Schwelle vom Mittelalter zur Renaissance und gilt als Meisterwerk seiner Zeit. Die surrealistischen Darstellungen sind verstörend und faszinierend zugleich. Die Detailverliebtheit des Künstlers atemberaubend. Das Wagnis expliziter Lustbarkeiten und Höllendarstellungen abzubilden mutig. Der Garten Eden, das Paradies und die Hölle dienen 32 Autoren, die sich verschiedener Genres bedienen, als Inspiration. Ein jeder Autor hat einen Bildausschnitt bekommen und durfte seiner Fantasie freien Lauf lassen. Unter anderem haben Christoph Marzi, Christian von Aster, Ju Honisch, Carsten Steenbergen, Michael Marrak, Boris Koch, Daniel Illger und viele weitere Namen einen Beitrag geleistet, um eine vielfältige Anthologie zusammenzustellen. Das Spektrum reicht dabei von Märchen und Fantasy über Horror und Krimi und historischer Erzählung. Angesiedelt sind die Geschichten ab dem 15. Jahrhundert bis in unsere heutige Zeit. Surreal sind die Geschichten alle, kein Wunder, ist es doch jedem Autor gelungen, die Atmosphäre des Bildnisses einzufangen. Es gibt keine Geschichte, die nicht überzeugt. Gefällt das Setting oder die Thematik nicht, muss zumindest zugegeben werden, dass die Faszination der Thematik allgegenwärtig ist.
Auch die Aufmachung weiß liebevoll zu überzeugen. Abgerundete Ecken, Fadenheftung, Gummiband und Lesebändchen liefert nicht jeder Verlag. Leider nur in Schwarzweiß doppelseitig abgedruckt ist das Triptychon. Gerade in der doch düsteren Hölle sind Details schwierig zu erkennen.
Doch was erwartet euch, werter Leser, an Geschichten? Folgend kommt eine Auswahl der Geschichten mit einem Satz beschrieben.

In »Vogeltränke« (Lucy van Org) wird eine ganz spezielle Version der Schöpfungsgeschichte erzählt, in der Jhwh eine zentrale Rolle einnimmt. In »Grasende Tiere« (Dirk Bernemann) steigert sich ein Paar, durch den Schaffensdrang Boschs angetrieben, in Lustbarkeiten hinein. »Zusammen ist man weniger allein« (Astrid Mosler) huldigt der Inspiration und dem Wahnsinn der Gameindustrie und des Workaholics. »Paradiesvogel« (Michael Hess) lässt den Grusel aufleben, als in einem abgelegenen französischem Tal einer alten Gottheit geopfert wird. »Das Geheimnis des Draakmeeres« (Sandra Baumgärtner) lässt die Legende eines Drachen auferstehen, der einen magischen Bernstein erschuf. In »Ein Tor zur Hölle« (Christian Kuhl) müssen Männer der Kirche lernen, dass auch auf sie die Tore der Hölle warten. »Am Baum der Erkenntnis fault die Frucht« (Isa Theobald) erzählt von einem unsterblichen Hieronymus Bosch. In »Der wilde Hannes« (Boris Koch) wird das Märchen eines verfluchten Dorfes erzählt, in dem die Tiere wahnsinnig werden. »Elefant und Affe« (Christoph Marzi) ist eine Art Parabel vom listigen Affen, dem starken Elefanten und dem mächtigen Löwen.

Fazit

Hieronymus Boschs Triptychon diente 32 Autoren als Ideenquelle, die surreal und kongenial umgesetzt wurden. Wie immer gilt bei Kurzgeschichten, dass nicht jede Geschichte absolut gefallen kann, aber jede Geschichte übt ihre eigene Faszination aus. Christian von Aster hat eine wunderbare Kollektion an wonniger Freude und Lustbarkeiten, grausamer Quallen und surrealer Kreaturen zusammengetragen.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 18:02 Uhr.

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