Dienstag, 08. Januar 2019

Rezension: Corpus Delicti (Juli Zeh)

btb
Taschenbuch, 272 Seiten
ISBN:  978-3-442-74066-6
10,00 €

Ein kurzer Einblick

Mia Holl ist eine kluge, begabte und unabhängige Frau. Doch genau deswegen muss sie sich vor einem Schwurgericht verantworten. Ihr wird zur Last gelegt, dass sie ihren Bruder zu sehr liebte, sie zuviel Verstand benutzte und dass sie ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit besitzt. In einem Staat, in dem die Sorge um den Körper alles beherrscht, reicht dies aus, um als gefährlich eingestuft zu werden…

Bewertung

Auf der Buchrückseite von „Corpus Delicti“ wird Juli Zeh mit George Orwell verglichen und dazu kann man wirklich nur sagen: zu Recht. Im Roman entwirft sie eine völlig neue Gesellschaftsordnung, die dadurch bestimmt ist, dass alle Menschen möglichst gesund leben sollen und Krankheit damit möglichst ausgelöscht wird. Juli Zeh entwirft eine Welt der ständigen Überwachung, die sich zunächst vor allem auf den Körper und dessen Gesunderhaltung bezieht. So ist den Menschen staatlich auferlegt, täglich bestimmte Gesunderhaltungsübungen zu machen, regelmäßig Proben abzugeben und der Verzehr gewisser Substanzen ist verboten. Wer diesen Anforderungen nicht nachkommt, wird vom System bestraft. Damit spitzt Juli Zeh einige Entwicklungen, die wir bereits heute in unserem Gesundheitssystem feststellen, zu einer Gesundheitsdikatur zu.
Doch das System, welches sich „Methode“ nennt, geht noch weiter. Die Menschen sind nicht nur angehalten, sich so zu verhalten, wie es das System als gesund und nicht krankheitsgefährend definiert, sie müssen sich diesem System auch voll und ganz verschreiben. Das beinhaltet auch, sich bei der Partnerwahl nach den Vorschlägen der „Methode“ zu richten. Das heißt, kommt man den Anforderungen nicht nach, kommt man schnell in den Verdacht, die „Methode“ an sich nicht zu befürworten und Menschen, die nicht systemtreu sind, werden entsprechend hart bestraft. Denn das System hat Feinde, gegen die es sich mit aller Macht zur Wehr setzt.
In diesen Gegensatz gewährt Mia Holl hinein. Durch eine Lücke im System wird ihr Bruder fälschlicher Weise als Mörder verteilt und nimmt sich daraufhin selbst das Leben. Als Mia nicht an die Schuld ihres Bruders glauben will und zudem Zeit für ihre Trauer braucht, gerät sie in den Blick der Methode. Je mehr sie sich mit dieser auseinandersetzen muss, desto mehr entdeckt die kluge Wissenschaftlerin Ungereimtheiten. Doch das System hat mit Logik wenig am Hut, verteidigt mit allen Mitteln seinen Unfehlbarkeitsanspruch und wendet sich im Zweifel erbitterlich gegen seine vermeintlichen Feinde. So wird Mia zwar zeitweise zur Symbolfigur für den Widerstand gegen das System, doch dieses und die von ihm gesteuerte Justiz ist zu mächtig, als dass ein Ausbruch aus dem System gelingen könnte. Dennoch verdeutlicht der Roman die Zentralität des kritischen Hinterfragens und macht deutlich, dass man nicht jede Bedingung einfach so hinnehmen sollte. Damit stellt der Roman insbesondere die Zentralität der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung heraus.

Fazit

Juli Zeh ist mit „Corpus Delicti“ ein beeindruckendes Werk gelungen, in dem sie auf Grundlage der Kritik an heutigen Entwicklungen eine Gesundheitsdiktatur entwirft und verdeutlicht, wie zentral es ist, Entwicklungen kritisch zu hinterfragen. Zudem wendet sich der Roman gegen alle Gleichmacherei und stellt die Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen in den Fokus.

4.5 von 5 Punkten

Wir danken dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Geschrieben von um 17:44 Uhr.

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