Sonntag, 16. Juni 2019

Rezension: Crash (J. G. Ballard)

Edition Phantasia
Hardcover, 233 Seiten
ISBN: 978-3-924959-02-9
40,00 €

Ein kurzer Einblick

J. G. Ballard erhebt in einer dystopischen Vision die Technik zur neuen Göttlichkeit des wahren Glaubens. Das Automobil avanciert zu einem Symbol des Fortschritts und der menschlichen Leidenschaft. Erotik und Todessehnsucht, Technik und glühende Begeisterung gipfeln in einem Crash, den Dr. Robert Vaughan in Erkenntnis reiner Emotionen akzeptiert. Der Höhepunkt des Lebens, soll zugleich seinen Tod bedeuten.

Bewertung

»Crash« wurde 1996 von David Cronenberg verfilmt und in Cannes mit einem Preis für künstlerische Innovation und Wagemut ausgezeichnet.

»Crash« ist ein gesellschaftlicher Roman, der sich mit den Medien (TV, Multimedia) und der Faszination von Prominenten auseinandersetzt und das Kulturgut Auto als Metapher bedient. In seiner Manie und Leidenschaft erinnert der Roman bisweilen an Chuck Palahniuks »Fight Club«, auch wenn die Intention der Autoren eine gänzlich andere ist. J. G. Ballard inszeniert die menschliche Lust, die Sexualität in der Inszenierung und Nachahmung von Autounfällen.

Die Ehe von Ballard und seiner Frau Catherine Ehe baut auf einer zweckmäßigen und leidenschaftslosen Ehe auf. Nach einem schweren Autounfall werden beide in eine Gruppe von Unfallvoyeuren aufgenommen, die sich um Dr. Robert Vaughan gründet. Vaughan glaubt daran, dass ein Autounfall die Energie von Sex und Leidenschaft des Fahrers freisetzt. Umso schwerwiegender der Unfall sei, umso mehr Energie würde freigesetzt. In seinem größten Traum sehnt er sich danach, bei einem Frontalunfall mit der Schauspielerin Elizabeth Taylor zu sterben. In Vorbereitung auf den geplanten Autobahnunfall am Flughafen, stellt die Gruppe immer bizarrere Unfälle nach und ergründet das sexuelle Verlangen aus Chrome, verbogenem Blech und aufgerissenen Wunden.

Klaffende Wunden, durchbohrte Unterleiber, zerquetschtes Fleisch – der Unfall ist eine Befreiung, der im Lustgestöhn der in Ektase befindlichen Teilnehmer endet. Die Freilassung der Energie geht weit über das Begaffen von verunfallten Karosserien, während die Rettungskräfte im Einsatz sind, hinaus. J. G. Ballards pornesker Roman darf als dieser verstanden werden, darf aber auch mehr sein, wenn man sich auf die Metaphern, insbesondere das Automobil als Ikone des 20. Jahrhunderts, einlässt. Die Technologie gipfelt in einer Befreiung der Emotionen. Der technische Fortschritt befreit den Menschen aus seiner emotionslosen Starre. Der Mensch benötigt die Technologie, es ist eine Liebesbeziehung im gegenseitigen Einvernehmen, ein Aufleben von Begeisterung und Leidenschaft. Dass der Voyeurismus und die Faszination Technologie entgegen der gesellschaftlichen Meinung inakzeptabel ist oder skeptisch gesehen wird, ist nur ein weiteres Spiegelbild, dessen sich der Autor annimmt. So ist der Roman sowohl Provokation entstehend aus Tabus und Moral heraus, als auch eine Metapher unserer Gesellschaft.

Die Thematiken und die Fragestellungen, die J. G. Ballard aufwirft oder an den Leser weitergibt, sind faszinierend in der Gesamtkulisse aus Szenerie und Handlung aufbereitet. Leider vergeht der Autor sich in endlosen Beschreibungen von entstellten Körpern, sexuellen Beschreibungen und chromeglänzenden Autoteilen. Das gehört zur Intention des Romanes und vermutlich wollte der Autor auch gar nicht zu explizit auf die Thematiken eingehen, sondern die Handlung erzählen lassen; nur öden die Endlosschleifen in kleinen Abweichungen und Veränderungen verdammt schnell an.

Fazit

Der Mensch und die Technik ist eine innige Liebesbeziehung, die J. G. Ballard in einer pornesken Metapher des Automobils aufarbeitet. Der Voyeurismus der Faszination, die Leidenschaft aus der Technologie entstehend, sind die beiden großen Thematiken, die der Autor verarbeitet. Leider vergisst der Autor in seinem Erguss aus endlosen Beschreibungen heraus, eine abwechslungsreiche Geschichte zu erzählen, die aus mehr als entstellten Körpern, verbogenem Blech und Körpersäften besteht.

2 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:57 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

15 + 8 =