Dienstag, 03. November 2020

Rezension: Dai-oo-ika (Jeffrey Thomas)

Festa Verlag
Paperback, 416 Seiten
ISBN: 978-3-86552-584-0
13,99 €

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-86552-585-7

Ein kurzer Einblick

Privatdetektiv Jeremy Stake, Mutant und vom »verwirrten Fleisch« gezeichnet, wird vom Industrieboss Fukuda beauftragt, die Kawaii-Puppe Dai-oo-ika seiner Tochter wiederzubeschaffen. Die Suche in Punktown erweist sich als Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen; doch Eile ist geboten, Dai-oo-ika ist mehr, als der Schein erahnen lässt, und könnte schon bald für ein brennendes Punktown verantwortlich sein.

Bewertung

Jeffrey Thomas Stil ist spontan, wunderbar prägnant, aber auch dynamisch, bildgewaltig, mit einem Sinn für Ästhetik versehen. Die Actionszenen sind rasant, die Ruhepunkte ausgearbeitet, die Ideen vielfältig, konsequent durchdacht und komplex. (Auszug aus der Rezension zu MonstroCity)

»Dai-oo-ika« ist der Quasi-Nachfolger von »Punktown«, entsprechend hoch waren meine Erwartungen, die in Teilen bitter enttäuscht wurden. Jeffrey Thomas‘ Stil hat in nichts eingebüßt, die Sprach- und Bildgewalt, um Punktown Leben einzuhauchen, existiert. Es ist die Faszination des Visionären in Verbindung mit dem Trivialen, die den wilden Ideen Authentizität verleihen. Ouija-Fons, mit denen Jugendliche verrauschten Kontakt zu Verstorbenen ins Jenseits aufnehmen, Farmtiere ohne Bewusstsein, Extremitäten oder Kopf, Videoclips abspielende Gesichtstattoos, lebendige Kawaii-Puppen und natürlich die unzähligen Lebensformen, die die Stadt bevölkern – Punktown ist der Moloch, in dem alles wahr werden kann. Punktown ist der Star des Romans, denn vollkommen unverblümt stiehlt das faszinierende Setting der unstrukturierten Handlung gnadenlos die Schau. Letztere ist trotz der hervorragend ausgearbeiteten Charaktere merkwürdig zerfasert und kann die Spannung nur geringfügig aufrechterhalten. Ja, der Roman besitzt mehrere Handlungsstränge, doch überwiegt das Gefühl, dass der Autor manches Mal selbst nicht wusste, wie die Geschichte sich entwickelt und hüpft daher ungeschickt von Szene zu Szene. Nur wenn Punktown und dessen unbeschreibliche Faszination mit in die Handlung einfließt, gewinnt auch die Handlung an Leben.

Science-Fiction, Horror, Cyberpunk, Biopunk – Androiden, Klone, Mutanten, künstliche Lebewesen. Fleisch in seiner Vielfältigkeit der zukünftigen Möglichkeiten spielt eine immens wichtige Rolle, wird aber nicht auf den Punkt gebracht. Der Leser muss sich selbst ein Bild von Humanität und Ethik machen.
Vor deutlich einfacheren Antworten steht der Privatdetektiv Jeremy Stake; zumindest dachte er dies anfangs. Stake ist Mutant und leidet an »verwirrtem Fleisch«. Er kann sein Äußeres verändern und die Gesichtsformen fremder Lebensformen annehmen, solange sich diese nicht zu sehr vom annähernd menschlichen Erscheinungsbild und der physikalischen Voraussetzung entfernen. Er kann den Vorgang jedoch nicht bewusst steuern, sodass er unweigerlich das Gesicht seines Gesprächspartners bei zu langer Beobachtung imitiert. Für John Fukuda, einen Totfleisch-Produzenten, soll er die gestohlene Kawaii-Puppe seiner Tochter wiederbeschaffen. Die Puppe, Dai-oo-ika genannt, ist ein Unikat und wurde in Fukudas Genlaboren hergestellt. Ihr zugrunde liegt ein mysteriöser und extrem gefährlicher Bauplan. Dai-oo-ika hat weder ein eigenes Bewusstsein, noch einen eigenen Willen, lebt aber und gehört damit den Belfs (bio-engineered life form) an.

Mit dem Wissen kann die Brücke zu »MonstroCity« geschlossen werden. Die Ereignisse aus »MonstroCity« müssen nicht zwingend geläufig sein, »Dai-oo-ika« ist auch ohne Vorwissen verständlich. Jedoch dürfte die außerweltliche Bedrohung, die durch die Puppe entsteht, besser zu erfassen sein. Um nicht zu viel zu verraten, nur so viel: Dai-oo-ika sieht nicht von ungefähr einem Tintenfischgott sehr, sehr ähnlich. Neben diesem Handlungsstrang fürchtet eine Gruppe von Gangmitgliedern, um ihr Leben, als sie in ein verlassenes Gebäude einbrechen und von synthetischen Androiden angegriffen werden. Daneben erzählt Jeffrey Thomas viele kleine Geschichten, die auch Stakes Vergangenheit als Corporal im Blauen Krieg näher beleuchten. Allerdings sind es auch jene Geschichten, die den Figuren nicht nur eine Persönlichkeit geben, sondern auch die Handlung zerfasern lassen. Schade, denn im Kern ist »Dai-oo-ika« ein absolut lesenswerter Roman.

Fazit

Die Verschmelzung von Biopunk-Science-Fiction und Horror trägt die Faszination Punktowns. So vielfältig die Lebewesen des Molochs sind, so grenzenlos visionär fallen Jeffrey Thomas Ideen aus. Punktown ist eine Faszination, die vor Charme sprüht, dessen Atmosphäre einzigartig ist. Dem unterordnen muss sich die sowieso schon zerfaserte Handlung. »Dai-oo-ika« ist lesenswert, aber nicht als Einstieg in das Punktown-Universum.

3 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:00 Uhr.

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