Samstag, 08. September 2018

Rezension: Das Gleismeer (China Miéville)

Heyne
Paperback, 400 Seiten
ISBN: 978-3-453-31540-2
13,99 €

eBook, 11,99 €
ISBN: 978-3-641-14406-7

Ein kurzer Einblick

Sham Yes ap Soorap heuert auf der Medes an. Einem Maulwurfsfänger, der das gigantische Schienennetz durchpflügt, immer auf der Suche nach dem einen Moldywarp, der für Käpt’n Naphi zur Philosophie geworden ist. Stattdessen entdeckt die Crew in einem gestrandeten Zug eine Flachografie, die das Undenkbare zeigt. Etwas, das nicht sein, nicht existieren darf. Es ist etwas, was den Glauben an das Gleismeer Lügen straft. Für Sham beginnt das Abenteuer seines Lebens.

Bewertung

Das Gleismeer – Schienenstränge & Gleise & Weichen & Spurwechsel durchziehen die karge Landschaft zwischen den wenigen Städten. Unter der Oberfläche hausen degenerierte Kreaturen, die gierend nach Nahrung lauern & darauf warten, dass Züge verunglücken. Piratenzüge, Artefakter, Maulwurfsjäger … Egal welcher Besatzung man sich anschließt, das Leben auf der Schiene ist ein Lebensstil & ein Abenteuer. Es ist gefährlich, es ist aufregend, denn das Gleismeer ist einem stetigen Wandel unterzogen. Gleise werden zerstört, rostige Konstrukte stürzen unter dem Gewicht der Züge ein. Bisweilen stoßen Artefakter auf Schätze der Vergangenheit, die in nahen Städten verkauft werden. Eigentlich nur Müll verkaufend, ist das Artefakten ein lohnendes Gewerbe. Waschmaschinen, Speicherkarten & vieles mehr, kaum erforscht, findet die Wege auf die Märkte.
Sham Yes ap Soorap ist Famulus des Chirurgus auf dem Maulwurfsfänger Medes. Kaum erwachsen, sucht der junge Mann nach einem Platz im Leben & wandelt sich vom ungeschickten Suchenden, zu jemandem, der von einem Entschluss getrieben ist. In einem vor Jahren gestrandeten Zug findet Sham ein Artefakt, eine Speicherkarte mit Flachografien, die das undenkbare Zeigen: Ein einzelnes Gleis, das das Meer verlässt. Es ist das Absurdum, das nicht sein darf. Denn das Gleismeer ist das bestimmende Bild, die Religion der Welt.

China Miéville greift sich das Gewöhnliche, münzt es um & konstruiert eine Welt, die sowohl bekannt als auch verquer ist. Die See wird zum Gleismeer. Das Schiff wird zum Zug. Der Wal wird zum Moldywarp (Maulwurf). Herman Melvilles »Moby Dick« & Robert Louis Stevensons »Die Schatzinsel« sind klare Anleihen. Der Autor erschafft eine Welt, die man fühlt, die man spürt, in der man als Leser aufgehen kann. Das Erzählte fühlt sich vertraut an & doch fremd. & das ist auch kein Wunder. Die Welt ist nicht mehr wie eins. Die Zivilisation wurde durch den Kapitalismus zerstört. Zwei Eisenbahngesellschaften haben sich den kapitalen Krieg erklärt. Unermüdlich bauten sie ihr Schienennetz aus, um den größten Profit erwirtschaften zu können. Bezuschusst vom Staat, durchzog schon bald ein Netz aus Irrwegen, Hin & Hers, Zurück & Vors die Landschaft. Unglücklicherweise vergifteten die Gesellschaften die Umwelt & die Welt ging zugrunde. Zeugen sind die menschenfressenden Mulle, Kanincheneulen, Moldywarps & sonstigen Zeitgenossen, die im vergifteten Erdboden Zügen auflauern.

& was soll das &? Das & ist die Grundidee des Verständnisses der Welt. Das & repräsentiert das Gleismeer. Nichts ist gerade, alles ist gewunden. Um von A nach B zu gelangen, müssen viele Schleifen, viele Umwege genommen & ebenso viele Irrwege befahren werden. & damit steht der Glaube der Menschen gegensätzlich zum schnurgeraden Gleis, das nicht sein darf. Was mag sich an seinem Ende verbergen, welcher Schatz mag dort verborgen sein, welch Wissen mag dort offenbart werden?

Fazit

China Miévilles Fantasie ist real gewordene Realität. Nichts fühlt sich unglaubwürdig an, alles ist erklärbar & in einem festen Kontext oder Glauben der Welt verankert. Dabei könnte der Roman kaum phantastischer sein. Jedes Stilmittel, jede zunächst merkwürdige Erzählweise ist bewusst gewählt & unterstreicht, dass man das Rad nicht neu erfinden muss, um etwas Neues zu erschaffen. Die verschlungenen Wege der kreativen Ideen reichen vollkommen aus.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:18 Uhr.

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