Dienstag, 06. November 2018

Rezension: Dead Man River (George R. R. Martin)

Fantasy Productions
Hardcover, 416 Seiten
ISBN: 978-3-89064-529-2
24,00 €

Ein kurzer Einblick

1857 wurde im eisigen Winter Abner Marshs Schaufelraddampferflotte zerstört. Der knorrige und den Gerüchten nach, hässlichste Mann des Mississippis, steht vor dem Ruin. Als der aristokratische Joshua York an ihn herantritt und ihm eine Partnerschaft an der River Fevre Packet Company anbietet, um den schnellsten Dampfer des Flusses zu bauen, nimmt Marsh an. Yorks schrullige Forderung, seine ungewöhnlichen Eigenheiten hinzunehmen, erscheint ihm das kleinere Übel. Doch schon bald findet Marsh heraus, dass York ein Vertreter des Nachtvolks ist, ein Vampir.

Bewertung

»Dead Man River«, im Original »Fevre Dream«, ist bei Heyne 2008 als Taschenbuch unter dem Titel »Fiebertraum« erschienen. Es ist eines der Frühwerke George R. R. Martins, das 1983 für den Locus Award und den World Fantasy Award nominiert wurde.

1857 hat Abner Marsh, Eigner der Fevre River Packet Company und Captain fast seine komplette Flotte an Schaufelraddampfern verloren. Das Eis zerquetschte die Dampfer regelrecht. Nur ein alter, maroder Kahn ist ihm noch geblieben. Als ihm der Gönner Joshua York ein Angebot zur Partnerschaft macht und Geld für den größten und schnellsten Raddampfer auf dem Mississippi anbietet, nimmt Abner das Angebot trotz der kuriosen Forderung an. Er muss das ungewöhnliche Gebaren und die Marotten seines neuen Teilhabers wiederspruchslos hinnehmen und darf keine Fragen stellen.

Fiebertraum weckt Parallelen zu Anne Rice‘ »Gespräch mit einem Vampir«, Kim Newmans »Die Vampire« oder auch Brian Lumleys »Necroscope«-Serie. Damit darf sich der Titel in beste Gesellschaft einreihen und sich der illustren Gesellschaft würdig erweisen. Gemächlich steigt der Autor in die Handlung ein, bringt Setting und Charaktere ein und baut diese und eine ruhig erzählte, aber ungemein spannende Handlung nach und nach aus.
»Dead Man River« ist eine Geschichte der Flussschifffahrt, eine Charakterstudie und ein Abbild der damaligen Gesellschaft. Schaufelraddampfer bevölkern den Mississippi, buhlen um Waren und Passagiere. Schauerleute be- und entladen die Schiffe. Maschinisten heizen die Kessel ein. Schwarzer Qualm entsteigt den Schornsteinen. Die Schaufeln wühlen das Wasser des Flusses auf. Umso imposanter, größer und schneller ein Dampfer ist, umso begehrter ist er. Passagiere, diejenigen, die es sich leisten können, lieben den Luxus. Händler wollen ihre Waren schnell am Ziel wissen. Auf dem Fluss sind die Lotsen die Helden. Sie kennen jede Gefahr, Untiefe, Riff, Strömung oder was auch immer den Schiffen gefährlich werden kann. Kapitäne liefern sich mit anderen Schiffen Wettrennen. Der Titel des schnellsten Schaufelraddampfers ist heiß begehrt.
Abner Marsh will sich mit seinem neuen Dampfer, der Fevre Dream, den Traum erfüllen. Er ist ein hässlicher, warzenübersäter, fetter und knurriger Captain, aber auch ehrlich und fair. Sein Partner Joshua York, könnte kaum gegensätzlicher sein. Dieser ist fein gekleidet, verhält sich aristokratisch, ist kultiviert, liebt Gedichte von Lord Byron … Auch er schätzt die Fevre Dream, doch Marsh lebt für die Lady. Keine Frau kann ihn mehr entzücken, als der riesige Dampfer.
George R. R. Martin fängt eine Atmosphäre ein, die atemberaubend ist. Angestaubte Begriffe wie Schauerleite (Hafenarbeiter) oder verunglimpfende Worte wie Nigger, die damals völlig legitim waren, lassen mit eine Zeit auferstehen, die rau war, aber auch ebenso spannend. Der amerikanische Süden im 19. Jahrhundert blühte regelrecht auf, bevor Eisenbahngesellschaften den Dampfschiffern die Geschäfte wegnahmen und die einst stolzen Dampfer langsam verrotteten. Dabei erzählt der Autor keine geradlinige Geschichte mit eingefahrenen Mustern. Zwar stellt er z.B. die Sklaverei als das hin, was sie war: brutal und menschenverachtend, aber auch als einträgliches Geschäft. Abgrenzend dazu nimmt Marsh eine ablehnende Haltung ein, muss mit seinem abolitionistischen Gedankengut aber Vorsicht walten sein. Der Sezessionskrieg soll zwar erst Jahre später stattfinden, doch die ersten Vorboten sind bereits jetzt zu spüren. Das Wettrüsten der Schifffahrtsgesellschaften befeuert den Fortschrittsglauben.

Hierein setzt George R. R. Martin seine Charaktere, als würde er eine wahre Geschichte erzählen. Völlig natürlich integrieren sich die Figuren in die Handlung, das Setting und die Gesellschaft. Natürlich gab es niemals Vampire, doch kann man Martin problemlos abnehmen, dass sich die Geschichte so hätte abspielen können. Martin erzeugt ein stimmiges und glaubwürdiges Gesamtbild. Die Handlung ist dabei so vielschichtig wie die Charaktere. Die Dramatik ist düster, die Offenbarungen sind unerwartet. Es ist eine Geschichte über einen Exodus der Vampire. So vielfältig Handlung und Charaktere sind, so divers gestaltet Martin seine eigene Vampirschöpfung aus. Parallelen zum klassischen Vampir sind vorhanden, doch legt er dem Nachtvolk einen eigenen Mythos und Entstehungsgeschichte zugrunde. Hiervon soll jedoch nicht mehr verraten werden, denn genau vom Entdecken der Geheimnisse, Andeutungen und der Gegenüberstellung der Eigenschaften von Mensch und Vampir lebt der Roman neben dem historischen Setting. Lest selbst und lasst euch tief in eine vergangene Epoche hineinziehen.

Fazit

Die Charaktere sind prägnant gezeichnet, die Handlung ist vielschichtig und wohlüberlegt aufgebaut, das Setting entfaltet eine wohlig düstere Atmosphäre. »Dead Man River« mag einer der früheren Romane George R. R. Martins sein, andere Autoren erreichen nach sehr viel mehr Veröffentlichungen nicht einmal annähernd diese Qualität.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:04 Uhr.

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