Donnerstag, 26. November 2020

Rezension: Der Distelfink (Donna Tartt)

Goldmann
Taschenbuch, 1042 Seiten
ISBN:  978-3-442-47360-1
12,99 €

Ein kurzer Einblick

Mit dreizehn Jahren verliert Theo Decker bei einem tragischen Unglück seine Mutter, gelangt aber zugleich verbotener Weise in den Besitz eines Bildes. Doch das Bild kann ihn über seine tiefe Trauer nicht hinwegtrösten, stattdessen rutscht er mit den Jahren immer weiter ab und droht, in kriminelle Kreise zu gelangen. Das Bild trägt dazu bei, dass er dort immer mehr hineinrutscht…

Bewertung

Donna Tartts „Der Distelfink“ ist leider einer jener Romane, der mit einer Länge von 300 Seiten hätte beeindruckend gut werden können, doch leider zerstört der Hang zu immer längeren Romanen die Faszination für die Geschichte und auch für die einfühlsame Schreibweise Donna Tartts. Der Roman erzählt etwa 15 Jahre aus dem Leben des Theo Deckers: kein Stoff für einen Jahrhundertroman, aber eine mitreißende Handlung, die den Leser noch lange nach dem Ende des Romans beschäftigt. In eindrücklicher Sprache und Erzählform wird zu Beginn des Romans die Tiefe Trauer und Unsicherheit Theo Deckers aufgezeigt. Der Leser kann mitfühlen, wie sich Theo verzweifelt an die Hoffnung klammert, seine Mutter wieder zu sehen. Auch im späteren Verlauf des Romans gelingt des Donna Tartt eindrücklich, dass der Leser sich so sehr mit Theo verbunden fühlt, dass er sein Elend mitleidet. Leider nimmt dies ab dem Umzug Theos nach Las Vegas eine andere Wendung.
Das Abdriften Theos in den Drogenkonsum ist vor allem in seinen jungen Jahren wenig nachvollziehbar. Donna Tartt erzählt den Roman aus Sicht Theos, der für einen 13-Jährigen übertrieben reflektiert und eloquent ist, auf der anderen Seite wird er dann ein drogenabhängiger Jugendlicher: dieser Bruch ist wenig nachvollziehbar. Seine Abhängigkeit verdeutlicht, wie Theo immer mehr den Boden unter den Füßen verliert, wie er mit den Wegzug aus New York quasi keine Bezugspersonen mehr hat und nun noch einsamer ist als sowieso schon. Doch die Beschreibung des Abdriftens Theos und der Drogeneskapaden mit seinem Kumpel Boris ziehen sich so elendig, dass man quasi Theos Elend selbst ertragen muss.
Der Roman zeigt deutlich auf, wie es Theo durch die Ereignisse in seiner Jugend auch mit stabilen Lebensverhältnissen und neuen Bezugpersonen nie wirklich gelingt, sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu führen. Donna Tartt gelingt es sehr gut, Theos Gefühlswelt zu beschreiben und die immer wieder stattfindenen Schicksalsschläge lassen den Leser nachdenklich mit einer tieftraurigen Geschichte zurück. Wären nicht die viel zu lang dargestellten Handlungsstränge und Details, wäre „Der Distelfink“ ein ansprechender und spannender Roman mit vielen überraschenden Wendungen. So wird jedoch dies alles durch die sehr vielen Längen überschattet.

Fazit

Donna Tartt erzählt in „Der Distelfink“ in einem mitreißenden Erzählstil aus dem Leben Theo Deckers, der durch ein Unglück die Bodenhaftung verliert und so viele Schicksalsschläge erleben muss, dass er sein Leben nicht in geordnete Bahnen bringen kann. Leider hat der Roman so viele Längen, dass es sehr schwer fällt, dieser meisthaft erzählten Charakterstudie mit Freude zu folgen.

3 von 5 Punkten

Geschrieben von um 22:14 Uhr.

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