Donnerstag, 15. März 2018

Rezension: Der Eiserne Rat (China Miéville)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 684 Seiten
ISBN: 978-3-404-24344-0
8,95 €

Ein kurzer Einblick

In einer Zeit der Aufstände und Revolutionen zerbricht New Crobuzon. Der Krieg mit dem Stadtstaat Tesh ist ein Krieg des Verlusts. Untergrundorganisationen hetzen die Bürger im Inneren auf. Inmitten dieses Tumults führt eine geheimnisvolle Gestalt die Rebellion an. Abtrünnige fliehen über Kontinente, um eine Legende wiederzuerwecken. Die Zeit des Eisernen Rats ist gekommen.

Bewertung

Nach »Perdido Street Station« und »The Scar« ist »Der Eiserne Rat« der dritte Roman aus der Welt Bas Lags und die Rückkehr in die Megalopolis New Crobuzon. Nachdem sowohl die Stadt und Teile der Welt akribischst erforscht wurden, nachdem Gesellschaftsstrukturen, Kulturen, Ethnien und Spezies ausführlichst in Szene gerückt sind, nachdem China Miéville bewiesen hat, dass er ein wahres Schriftstellergenie ist, das Komplexität, Unterhaltung und unglaubliche Detailverliebtheit kongenial unter einen Hut zu bringen vermag, schöpft der Autor nun aus den Vollen. Nebenbei widmet er sich einer dritten Form der Thaumaturgie, der Golemetrie. In »Perdido Street Station« stand die Krisis-Energie und in »The Scar« die Nutzung von Quantenphysik im Vordergrund. Der Autor kehrt jedoch nicht nur nach New Crobuzon zurück, sondern bricht abermals in die Ödnis der Welt auf. »Der Eiserne Rat« ist ein revoluzionistischer Roadmovie, eloquent erzählt. Abermals ist China Miéville weniger Autor, denn Geschichtsschreiber. Die Erzählung ist derart detailreich und detailverliebt, dass man gar nicht meinen mag, dass dies nur die fixe Idee eines Autors ist. Die Welt Bas Lags ist Größenwahnsinn in allen Dimensionen und Miéville ist der Meisterdirigent. Leichte Kost oder gar leicht zugänglich ist der Roman beileibe nicht. Politische Begriffe, Regierungsformen, ein Gespür für gesellschaftliche Strömungen, zwischenmenschliche Beziehungen und Zusammenhänge zwischen Ereignissen, die sich nur leicht bedingen – davor sollte man nicht zurückschrecken, wenn die Reise in eine der spannendsten und gefährlichsten Welten der Literaturgeschichte (Steinigt mich, aber China Miéville hat den Größenwahnsinn verdient!) unternommen wird.

Der Roman teilt sich in drei Handlungsstränge auf.
Der Revoluzzer Cutter jagt seinem geliebten Judahs hinterher, der wiederum auf der Suche nach der Legende des Eisernen Rates ist. Cutters Geschichte ist die Geschichte einer langen Wanderung, tödlicher Gefahren und unsäglicher Strapazen. Es ist aber auch die Geschichte einer sehnsüchtigen Homo-Liebe.
Ori ist ein Vertreter der Untergrundszene New Crobuzons. Er ist ein tatendurstiger Mann, der etwas bewegen will. Diskutierereien, Sticheleien und Gemauschel sind nicht so seins. Er will proaktiv den Aktivisten helfen und tritt der Zelle »Toro mit dem Stierkopf« bei.
Judah verkörpert den Wild West-Anteil und eine 150-seitige Rückblende, die die eigentliche Handlung unterbricht. Einst arbeitet er als Kundschafter für den Industriekapitän Wrightby, der eine Eisenbahnlinie quer durch den ganzen Kontinent errichten möchte. In seiner Zeit bei den Stiltspear, einem Volk des Sumpflands, lernt er die Kunst, Zeit zu manipulieren, später eignet er sich die Fähigkeiten der Golemetrie an.

Korruption, Intrigen, soziale Konflikte, Aufstände, Revolutionen – der Roman ist ein Moloch gesellschaftlichen Abfalls und zugleich ein Werk, das gerade wegen der Düsternis, der gesellschaftlichen Kompromisslosigkeit und einem »Scheiß drauf« gnadenlos ein Stück Zeitgeschichte erzählt. China Miéville nimmt keine Rücksicht auf Gepflogenheiten pikierter Leser. Homosexualität wird tabulos thematisiert. Die untere Schicht wird als das behandelt, was sie ist: Abschaum des Volkes; missbraucht als Arbeitssklaven und Lohnknechte fristen sie neben den Remaids ein armseliges Leben. Huren müssen Vergewaltigungen ertragen und niemanden schert‘s. Dabei will der Autor kein Spiegel für Gesellschaftskritik sein oder mit mahnendem Finger auf Missstände hindeuten, er will eine Welt und mit ihr eine Geschichte erschaffen – mit allen Konsequenzen und aller Kompromisslosigkeit, die nötig sind. Und genau diese gesellschaftliche Härte macht den Roman erst so gut.

Fazit

Abermals erschafft China Miéville ein Universum, das zum Greifen nah scheint und doch befremdlich zugleich ist. Es ist die kompromisslose Härte der Erzählung, die nuancierte Wahrheit und Darstellung gesellschaftlicher Probleme und der Umgang damit, die dem Roman den Feinschliff geben. Der Autor poliert nichts rosarot, damit ja kein Leser anstoß findet, sonder berichtet authentisch eine bewegende Geschichte einer Megalopolis, die sich selbst zerreißt.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:09 Uhr.

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