Dienstag, 29. September 2020

Rezension: Der Fährmann (Christopher Golden)

Buchheim Verlag
Hardcover, 372 Seiten
ISBN: 978-3-946330-01-1
23,95 €

eBook, 7,99 €
ISBN: 978-3-946330-07-3

Ein kurzer Einblick

Die Ebenen der Realität verschwimmen, als der Fährmann Charon die Grenzen zwischen seinem Reich und unserer Wirklichkeit überschreitet.
Janine Hartschorn, die aus einer Nahtoderfahrung aufwacht, hat ihr Baby bei der Geburt verloren. Von Trauer und Depressionen überwältigt, bieten David Bairstow und ihre Freundin Anette ihr Halt in ihrem Kummer. Als jedoch die Dämonen der Vergangenheit sich als tödliche Gestalten zeigen, wird ihre Freundschaft und Beziehung auf eine harte Probe gestellt.

Bewertung

Wow.

Der Klappentext verspricht zwar Horror, der Roman liefert hingegen Dark-Fantasy und einen emotionalen Psycho-Thriller. Wer vom Genre-Mix nicht enttäuscht ist, bekommt einen exzellent erzählten Roman, der seine Figuren, die Handlung und den Mythos des Fährmanns ernst nimmt. Oder anders formuliert: Christopher Golden nutzt Charon nicht als Horrorschocker aus, die Erzählung nicht als Tribüne zur Inszenierung und die Figuren nicht als willenlose Marionetten. Um dies zu erreichen, eröffnet der Autor die Handlung mit einer düster-gruseligen Schlüsselszene, die erst im Laufe des Romans ihre volle Bedeutung entfaltet. Janine Hartschorn, die daraufhin aus einer Nahtoderfahrung erwacht, hat ihr Baby bei der Geburt verloren. Ihr Ex-Liebhaber Spencer hat sie wegen der Schwangerschaft verlassen. David Bairstow sieht seine Chance gekommen, seine große Liebe zurückzugewinnen, denn Janine hat ihm wegen Spencer den Laufpass gegeben. Ihre gemeinsame Freundin und Lesbe Anette gibt ihr Bestes, um Janine Trost zu spenden, aber auch um die beiden zusammenzubringen. Und dann ist da noch der Priester Hugh Charles, der zunächst als konservativer Vertreter seines Glaubens auftritt, im späteren Handlungsverlauf aber Gedanken vertritt, die die Kirche totschweigen möchte. Die griechische Sagengestalt des Charon ist nach offiziellem Kanon nicht mit dem Christentum vereinbar. Irgendwo dazwischen agiert der Polizist Kindzierski, der Lehrer Ralph Weiss, ein Arbeitskollege von David, und Janines Eltern, mit denen sie sich auseinandergelebt hat, und ein paar weitere Figuren, die aus Spoilergründen unerwähnt bleiben sollen.

Nach der düsteren Eröffnungssequenz entwickelt der Roman sich zu einem filmreifen Beziehungsdrama aus Eifersüchteleien, Kummer und Depression, Freundschaft, Ängsten und Vertrauen. Das muss definitiv nicht jedem gefallen, gibt den Charakteren aber den Freiraum, den diese benötigen, um detailliert ausgearbeitet werden zu können. Der extrem langsame Erzählstil und die lebendige Handlung bzw. die geschilderten Ereignisse aus dem Leben der Figuren, hauchen den Charakteren ihr Leben ein. Spannend sind die Sequenzen nicht zwingend, aber sie sind derart gut geschrieben, dass man David gerne dabei begleitet, wie er Unterricht gibt, Janine dabei beobachtet wie sie ihrer Trauer über den Verlust ihres Babys entkommt oder Anette stürmisch eine Beziehung mit einer deutlich jüngeren Frau eingeht. Das alles liest sich weder aufgesetzt, sondern lebensecht und notwendig, um eine Geschichte erzählen zu können, die mehr als nur unterhalten will. Abgesehen vom phantastischen Teil des Romans, könnte der Plot der Wirklichkeit entstammen, aufbereitet für Leser, die gerne dramatische Beziehungsdramen lesen. Die über lange Strecken seichte Kombination mit dem Übernatürlichen und dem Fährmann, verleihen dem Roman den letzten Kick, um das Niveau und die Qualität auf eine Ebene zu heben, die »Der Fährmann« zu etwas ganz Besonderem macht. Nicht die Innovation oder neuartige Ideen zeichnen den Roman aus, sondern die realistische Umsetzung der Figuren und ihre (menschlichen) Erlebnissen mit einer Kombination des Übernatürlichen. Letzteres drängt sich mit Nachdruck in den Vordergrund, gewinnt aber erst auf den letzten 100 Seiten an Macht und buhlt damit niemals effekthascherisch um Aufmerksamkeit. Vielmehr ist Charon die treibende Kraft, muss sich zunächst aber erst seine Existenzberechtigung erkämpfen, sodass die mythische Gestalt eine glaubhafte Entwicklung darstellt. Im Roman nimmt er eine Gestalt ein, die sichtbare Abdrücke in der Realität hinterlässt. Lässt man diesen Eindruck beiseite, könnte er auch nur eine Manifestation des Geistes, entstanden durch Glaube, Angst und Hoffnung, sein. Doch das ist eine Spekulation, die jeder Leser selbst treffen darf.

Wirklich hervorragend illustriert wurde der Roman von stimmungsvollen Zeichnungen des Künstlers John Howe, der hauptsächlich für die Visualisierung der Werke von J.R.R. Tolkien bekannt ist.

Fazit

Wow.

»Der Fährmann« ist ein wahrlich beeindruckender Roman. Weniger wegen seiner Innovation an Ideen, sondern weil Christopher Golden wahrhaftig verstanden hat, worauf es bei einem guten Horror-Dark-Fantasy-Roman ankommt, der aufgrund seiner Figuren und der Handlung, und nicht wegen plakativem Horror überzeugen will.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 17:34 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

8 + vier =