Montag, 08. Januar 2018

Rezension: Der große Trip (Cheryl Strayed)

Goldmann Verlag
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-442-15812-6
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Mit 26 Jahren steht Cheryl Strayed vor den Trümmern ihres Lebens: ihre Mutter starb viel zu früh an Krebs, ihre Ehe ist aufgrund ihrer Untreue gescheitert, sie nimmt mit ihrem gegenwärtigen Freund Heroin. Da trifft sie die weitreichendste Entscheidung ihres Lebens, sie will einen Teil des Pacific Crest Trail wandern, einen Weitwanderweg von der Grenze zu Mexiko über die Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington bis nach Kanada, ganz allein, ohne Erfahrungen, was solche Wanderungen angeht, mit einem viel zu schweren Rucksack auf dem Rücken, den sie beinahe liebevoll „Monster“ tauft, in der Hoffnung, zurück zu sich selbst zu finden…

Bewertung

Ich habe die Verfilmung zum Buch vor ein paar Jahren gesehen, die ganz in Ordnung war, wenn sie mich auch nicht vom Hocker riss. Sie weckte aber in mir das Interesse, irgendwann einmal das Buch zu lesen, wozu ich nun endlich gekommen bin, und es hat sich wirklich gelohnt! Es beginnt nach einem kurzen Prolog nicht direkt mit der Wanderung, sondern mit einer ersten Rückblende zum Krebstod von Strayeds Mutter und dessen Auswirkungen auf die Familie, die mit der Zeit auseinanderbrach. In der Folge begleiten wir Cheryl auf ihren ersten Meilen auf dem Pacific Crest Trail, wobei dieser immer wieder durch Rückblenden in ihr bisheriges Leben unterbrochen wird. Ihre von Armut geprägte Kindheit wird behandelt, wie auch ihre frühe Ehe, die sie nach dem Tod ihrer Mutter durch ihre Untreue zerstört, ihr krampfhafter Versuch, mit dem Tod ihrer Mutter klarzukommen, der schließlich sogar im Heroinkonsum gipfelt. Dies wird sehr gefühlvoll und auch selbstkritisch behandelt, man mag Cheryls Handlungen nicht immer gut finden, verständlich angesichts ihres großen Verlusts sind sie aber immer. Als noch spannender empfand ich aber ihre Reise auf dem Pacific Crest Trail, insbesondere, da sie diesen als totaler Laie entlang wanderte. Sie hatte keinerlei Erfahrungen mit langen Wanderungen, nahm dadurch etwa viel zu viel Gepäck und das falsche Gas für ihren Kocher mit und zu kleine Schuhe quälten ihre Füße. Es war faszinierend zu lesen, wie sie sich immer weiter kämpfte, am Anfang kaum ein paar Meilen am Tag schaffte, ständig ans Aufgeben dachte, ihre Füße immer mehr geschunden wurden, dann noch ein Umweg um die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada nötig wurde, bis sie schließlich, auch durch Bekanntschaften auf dem Trail, die sie weiter ermutigten, einfach immer weiter machte, fitter wurde und ihr Tagespensum erhöhen konnte und „Monster“ zu einem vertrauten Freund wurde. Rührend war auch der Abschluss der Reise an der „Brücke der Götter“, wo sie in einer Mischung aus Traurigkeit, dass die Reise vorbei ist, Stolz, dass sie es so weit geschafft hat, und Freude, aber auch Angst vor ihrem neuen Leben, das nun vor ihr lag und das es galt, in den Griff zu bekommen, weinend am Straßenrand saß.
Ihre Erlebnisse und ihr Versuch, den Tod ihrer Mutter zu akzeptieren und diese von ihrem Podest runterzuholen, auf das sie Cheryl gestellt hat, werden dabei derart tiefgehend und anschaulich beschrieben, dass man einerseits total mit ihr mitfühlt. Ich las die Kapitel über den Tod ihrer Mutter im Zug und musste mich die ganze Zeit zusammenreißen, dass ich nicht drauf los weine. Man fühlt ihren Schmerz, ihre Wut, ihre Verzweiflung, ihre Suche nach sich selbst mit jeder Seite des Buches, auch da sie derart schonungslos über ihr Leben und auch ihre Fehler schreibt. Andererseits scheint man mit ihr den Pacific Crest Trail zu wandern, da man ihren Kampf, immer weiter zu gehen, ihre Schmerzen, die tagelange Einsamkeit, den Dreck, ihre Geldsorgen, ihre Freude über die Kleinigkeiten in ihren Paketen entlang der Strecke so hautnah miterlebt. Auch die sehr bildhaften Schilderungen der sie umgebenden Natur tragen dazu bei, so dass man selber Lust bekommt, die Wanderschuhe aus dem Schrank zu holen, einfach loszugehen und die Zivilisation hinter sich zu lassen.
Die englische Ausgabe, die ich gelesen habe, war zum Glück vor dem Text mit einer Karte des Pacific Crest Trails ausgestattet, auf der die wichtigsten Stationen von Cheryls Reise eingezeichnet waren. Im Anhang befand sich außerdem eine Liste der Bücher, die Cheryl auf ihrer Reise mithatte und nach dem Lesen verbrannte, um Gewicht zu sparen. Wie die deutsche Ausgabe ausgestattet ist, kann ich leider nicht sagen. Ein paar Bilder von Cheryl Strayeds Reise hatte ich mir zusätzlich noch gewünscht.

Fazit

Ein Buch voller Schmerz, Trauer, Kampf, Suche, aber auch Hoffnung, das jedem Mut machen sollte, der sich scheinbar verloren hat und zu sich selbst zurückfinden muss. Ob dafür direkt solch eine große Wanderung nötig sein muss, sei dahingestellt, bei Cheryl Strayed hat es funktioniert. Daran lässt sie uns derart intensiv teilhaben, dass ihre Zeilen noch lange nachwirken und berühren. Ein absolut empfehlenswertes Buch!

4.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 10:57 Uhr.

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