Donnerstag, 26. April 2018

Rezension: Der Krake (China Miéville)

Bastei Lübbe
eBook, 736 Seiten
ISBN: 978-3-8387-0516-3
7,49 €

Ein kurzer Einblick

Im Natural History Museum Londons lagert nicht nur eine biologische Rarität, sondern ein Krakengott. Es ist prophezeit, dass der Architeuthis die Apokalypse einleitet. Plötzlich ist das Museumsstück verschwunden. Der Kurator Billy Harrow wird vom FSRC, dem Dezernat für fundamentalistische und sektenbezogene Verbrechen, verhört. Auch andere Parteien zeigen Interesse an ihm. Kulte, Magie, Verbrecher, eine Apokalypse, Engel der Erinnerung – Billys Welt wird auf den Kopf gestellt, als er versucht, den Riesenkalmar zu finden.

Bewertung

»Der Krake« ist die erwachsene Version von J. K. Rowlings »Harry Potter«. Anstatt Zauberern, agieren Sekten, Kulte und Götter im Verborgenen. Anstatt des einen, dessen Name nicht genannt werden darf, dämmert die Apokalypse herauf. Anstatt eines Jungen mit blitzförmiger Narbe, kämpft ein Kurator mit einem Engel der Erinnerung als Beschützer gegen die Bedrohung. Anstatt Dementoren und Slytherins, stehen auf der Seite des Bösen, das Tattoo und die Brüder Goss und Subby. Dabei fing alles ganz harmlos mit einem verschwundenen Architeuthis an … Richtig, lovecraft‘scher Gruselhorror dominiert die Grundstimmung. Düster und tentakelig kündet das Universum vom Untergang.

China Miéville hat eine schwere Bürde zu tragen. Die Qualität von »Perdido Street Station« in Charakterentwicklung, Weltgestaltung, Gesellschaftskritik und Regierungsformen in aller Konsequenz und Bezugspunkten untereinander verständlich, komplex, detailliert und extrem spannend zu vermitteln, ist eine Aufgabe, die nur schwer zu stemmen und schwerer zu übertreffen ist. »Der Krake« bekommt das gnadenlos zu spüren. Nach wie vor bezaubert der Autor, durch eine kunstvolle und ausdrucksstarke Art eine Geschichte zu erzählen, die noch lange im Gedächtnis verweilen wird, doch müht Miéville sich zu sehr ab, Ideen unterzubringen, worunter Handlung und Charaktere leiden müssen. Seine Stärke war es aus Konventionen auszubrechen und zur Normalität zu degradieren, nicht diese zu propagieren und mit dem Finger darauf zu zeigen: Schau mal, ist die Idee nicht genial und außergewöhnlich? Miéville erzählt eine Geschichte. Bessere wäre es gewesen, die Geschichte erzählen zu lassen. Es entsteht der Eindruck, dass Miéville die polierte Version einer Rohfassung veröffentlicht hat. Bei diesem Autor heißt das nicht weniger, als das noch immer ein unterhaltsamer, spannender und faszinierender Roman entstanden ist; aber mit deutlichen Schwächen.

London ist für Normalsterbliche eine Metropole. Nur die wenigsten wissen, dass die Stadt ein Wesen ist, durchdrungen von kultistischer Magie. Sekten beten ihre Götter an. Die einen den Kraken, die anderen den Ozean … Unzählige Gläubige tummeln sich im Verborgenen, prophezeien den Weltuntergang. Um den übernatürlichen Vorgängen gesetzlich entgegentreten zu können, existiert das FSRC, das Dezernat für fundamentalistische und sektenbezogene Verbrechen. Auf dieser Grundlage baut die Handlung auf. Der Kurator Billy gerät völlig unfreiwillig in den Schlamassel, denn ausgerechnet er soll der Prophet der Krakenapokalypse sein. Die leicht wirre Handlung scheucht den Leser vor sich her, inszeniert hier ein Geplänkel, dort magisch-kultistische Schießereien, verschleiert Vorgänge und tastet sich langsam an das große Finale heran. Ein jeder ist hinter dem Kraken einher. Der Krakenkult, damit niemand Schindluder mit ihrem Gott treiben kann. Das Tattoo, ein Verbrecher, das einem armen Menschen auf den Rücken tätowiert wurde, will den Kraken lediglich besitzen. Eine Organisation im Hintergrund versteckt den Kraken. Das FSRC will den Aufenthaltsort ermitteln. Und irgendwo dazwischen haben auch noch die Engel der Erinnerung Interesse am Tentakelgott. China Miéville fährt ein Mashup auf, das trotz gewisser Längen kaum Langeweile aufkommen lässt. Immer passiert etwas. Immer werden neue Konstellationen aufgebaut, die der Handlung eine neue Richtung geben oder Billy eine neue Perspektive auf die Ereignisse gibt.

Fazit

China Miéville ist ein talentierter Erzähler. Leider kratzt er zu sehr am Gewöhnlichen und bricht nur bei Nebensächlichkeiten aus Konventionen aus. Das spiegelt sich auch in der leicht wirren Handlung wieder. Obwohl »Der Krake« ungeschliffen ist, ist der Roman ein Diamant. Denn das Feuerwerk aus Ideen, Handlungsumbrüchen und allein der Vielfalt, dessen, was der Autor an Ideenmaterial gleichzeitig abfeuert, ist ein kleines Kunststück für sich.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:26 Uhr.

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