Sonntag, 14. Juli 2019

Rezension: Der Skarabäus (Richard Marsh)

Festa Verlag
Taschenbuch, 251 Seiten
ISBN: 978-3-86552-023-4
Nur gebraucht erhältlich

Ein kurzer Einblick

Robert Holt, ein Arbeitsloser und Landstreicher, der noch nicht einmal im Obdachlosenasyl Aufnahme findet, steigt in ein scheinbar leer stehendes Haus ein und wird von einem mysteriösen Fremden überrascht.

Bewertung

»Der Skarabäus« von Richard Marsh wurde 1897 veröffentlicht und war zu seiner Zeit und in den kommenden Jahrzehnten deutlich populärer als Bram Stokers »Dracula«. Auch heute hat der Klassiker der unheimlichen Literatur kaum etwas von seiner Faszination eingebüßt. Der Roman ist ein Zeitdokument, ganz Gesellschaftsroman mit einem Hauch von Schauer und Angst vor dem Unbekannten und Bösen. Narrativ begeistert Marsh mit einer düsteren und schaurigen Atmosphäre, die über dem Beziehungsnetz der Charaktere droht. Dabei ist der Stil weder besonders gut, noch besonders schlecht. Der Autor versteht sein Handwerk und gewinnt den speziellen Reiz durch einen Perspektivwechsel zwischen den Figuren. Das durchbricht nicht nur eine mögliche Eintönigkeit einer Erzählstimme, sondern erlaubt die Wahrnehmung des Geschehens von mehreren Seiten zu beleuchten, ohne einen teilnahmslosen außenstehenden Erzähler bemühen zu müssen.
Richard Marsh greift die Ängste der damaligen Menschen auf und darf sich damit dem Fin de Siècle zurechnen lassen. Das 19. Jahrhundert geht dem Ende entgegen, Gesellschaft, Kultur und Industrie befinden sich im Wandel. Bevor steht nicht das große Paradies, sondern u. a die Zunahme von Massenarbeitslosigkeit und damit eine Degeneration der Bevölkerung. Der Autor nimmt die Thematik zwar nicht wörtlich, spiegelt diese aber im Horror des Fremden wieder. Robert Holt, arbeitsloser Büroangestellter, findet Unterschlupf in einem verlassenen Haus. Zu seinem Leid ist es jedoch gar nicht so vereinsamt. Ein unsägliches Grauen hat sich eingenistet und bemächtigt sich seines Verstandes. Eine Kreatur, die zunächst männlich wirkt, aber merkwürdig im Gesicht proportioniert ist, hypnotisiert ihn. Hiermit beginnt der Roman seinen ersten Akt.
Akt Nummer 2 wird vom Erfinder Sydney Atherton erzählt, der eine weitere Thematik aufgreift: Die fortschreitende Wissenschaft. Er forscht an einem Gas, das binnen Sekunden Tausende töten kann und welches unrühmlicherweise nur Jahre später im Ersten Weltkrieg traurige Berühmtheit erlangte. Auch der daraus resultierende Tod passt wunderbar in das Schema des Fin de Siècle.
Der dritte Akt ist aus Sicht von der hübschen und begehrenswerten Marjorie Lindon in Form eines Tagebuches aufbereitet. In ihr spiegelt sich das wandelnde Frauenbild wieder. Sie ist weder die naive Jungfrau in Nöten, noch die selbständige Frau von heute, sondern nimmt eine Position dazwischen ein. Sie muss ihre Rolle in der Gesellschaft einnehmen, stellt sich aber Konventionen entgegen. Sie ist nicht die verletzliche Prinzessin, sondern eine Frau, die Dinge gerne selbst angeht.
Im vierten und letzten Akt übernimmt der Detektiv August Champnell die Erzählstimme.

Dass ich bisher von Akten geredet habe, passt sehr gut. Denn bisweilen wirkt der Roman wie ein komisch (gewolltes) Theaterstück, in dem sich die Figuren abwechselnd in Position begeben, um Konflikte aufrechtzuerhalten. Die drei männlichen Charaktere Sidney Atherton, August Champnell und Paul Lessingham wirken insgesamt etwas steif und dadurch seltsam unnahbar, doch dürfte dies dem gesellschaftlichen Umfeld geschuldet sein. Ein Fehltritt und ein Mann ist ein Geächteter. Paul Lessingham, ein Jungpolitiker, der neuen Wind in die Politik bringt und sich damit gegen alte Gesetze stellt und neue Ideen befürwortet, ist Dreh- und Angelpunkt des Romans. Der Vater seiner Geliebten Marjorie Lindon befindet sich in der politischen Opposition. Sidney Atherton, ebenfalls verliebt in Marjorie, und langjähriger Freund der Familie Lindon und auch Freund von Lessingham, befindet sich in der zwiegespaltenen Situation, dass er niemanden verärgern darf, aber um jeden Preis die Beziehung zwischen Paul und Marjorie eifersüchtig verhindern will. Das nutzt das unbekannte Grauen aus dem Orient aus, um Atherton zu einer Marionette zu machen. Doch Atherton ist zu sehr Gentleman, um sich auf das Spiel einzulassen.
Richard Marsh entwirft ein Drama aus Politik, Liebe und familiärer Beziehungen gesellschaftlicher Art und nimmt sich gleichzeitig dem Horror aus dem Unnatürlichen im Natürlichen an. Die Entfremdung des Bekannten, die Entstellung des Gewöhnlichen, der Wahnsinn von Veränderung durch Fortschritt ist zwar kein direktes Spiegelbild der damaligen Zeit, aber sehr wohl ein Spiegelbild im Übernatürlichen, das erst dadurch richtig an Schrecken gewinnt.

Fazit

Eigentlich macht Richard Marsh nichts Ungewöhnliches: Er nimmt Thematiken des endenden 19. Jahrhunderts, mit denen sich die spätviktorianische Gesellschaft beschäftigte, würzt den Roman mit dem schwer greifbaren und Unverständlichen (Hypnose) in Form einer ägyptischen Macht, die wiederum ein Spiegel- und Zerrbild der gesellschaftlichen Ängste (Fin de Siècle, Verfall der Kultur) ist. Das funktioniert, das begeistert, das ist beste Unterhaltung. Chapeau!

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:03 Uhr.

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