Sonntag, 11. August 2019

Rezension: Der Trafikant (Robert Seethaler)

Kein & Aber Pocket
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN:  978-3-0369-5909-2
12,00 €

Ein kurzer Einblick

Der 17-jährige Franz Huchel verlässt 1937 sein Heimatdorf, um in Wien Lehrling in einer Trafik, einem Tabak- und Zeitungskiosk, zu werden. Dort begegnet er Professor Sigmund Freud und es entwickelt sich so etwas wie Freundschaft zwischen ihnen. Außerdem verliebt sich Franz unglücklich in Anekza. Dabei und auch bei den sich zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen in dieser Zeit kann der Professor ihm nicht helfen. Dieser gerät dagegen selbst in den Strudel der damaligen Zeit…

Bewertung

Robert Seethaler erzählt in „Der Trafikant“ ein Jahr aus dem Leben des Franz Huchel. Es ist wohl das prägendste Jahr in dessen Leben, denn innerhalb dieses Jahres wird aus dem jungen, unbedarften Bub ein Mann, der sich immer wieder aufrappelt und nicht aufgibt. Anders als andere Jugendliche hat es Franz nicht nur mit der ersten Liebe zu tun, sondern die politischen Umstände verändern in vielen Aspekten sein Leben. Diese Entwicklung vollzieht Franz nicht ganz freiwillig, vielmehr wird er durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten früher als geplant dazu gezwungen, seine Jugendlichkeit abzulegen und sich in der Welt der Erwachsenen durchzuschlagen. Sowohl seine erste Liebe als auch die politisch-gesellschaftlichen Umstände lassen ihn von heute auf morgen erwachsen werden. Er ist gezwungen, sich zu positionieren und muss schneller als gedacht Verantwortung übernehmen. Dabei kann der Leser quasi Seite für Seite verfolgen, wie Franz sich entwickelt, aber auch mit jeder Entwicklungsphase schwierigere Entscheidungen einhergehen. Trotz aller Unsicherheit erfährt der Leser, wie es Franz gelingt, sich aus unglücklichen Umständen wieder aufzurappeln. Zugleich liest er aber auch, zu was zu viele Dinge, die auf jemanden einströmen, führen können. Damit stellt der Roman zugleich die Ausweglosigkeit der damaligen Zeit dar.
Insgesamt wird durch den historischen Rahmen des Romans Franz‘ Entwicklung beschleunigt, aber auch dem Leser die Ausweglosigkeit verdeutlicht. Jeder findet jedoch andere Wege, damit umzugehen. Diejenigen mit Renomee und Geld können fliehen, andere biedern sich dem System an und wieder andere versuchen, zu repellieren. Zugleich verdeutlicht der Roman, wie viele vor ihm, die Grausamkeiten des Nationalsozialismus, spiegelt diese jedoch durch den Blick auf die Zeitungslandschaft und die Perspektive des Trafikanten sowie seiner Kundschaft noch einmal aus einer anderen Richtung wider.
Obwohl der Roman wenig Spannungsbögen aufweist, gelingt es Robert Seethaler mit seinem Schreibstil, dass der Leser nur so über die Seiten hinweggleitet. Ohne große Aufregung erzählt er leise und mit sprachlicher Leichtigkeit eine große Geschichte, die insbesondere durch die Menschen und ihre Verschiedenartigkeit wirkt.

Fazit

In „Der Trafikant“ beschreibt Robert Seethaler eindrücklich mit einfühlsamer Sprache, wie ein Mensch sich in kurzer Zeit entscheidend entwickeln kann. Die äußeren Einflüsse zwingen Franz Huchel dazu, erwachsen zu werden sowie aus der Unbeschwerheit und Verantworungslosigkeit der Jugend auszubrechen.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 12:42 Uhr.

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