Sonntag, 13. September 2020

Rezension: Der Untergang der Hölle (Jeffrey Thomas)

Festa Verlag
eBook, 384 Seiten
ISBN: 978-3-86552- 248-1
4,99 €

Ein kurzer Einblick

Nach 2000 Jahren der Gefangenschaft erwacht Vee in den Kellern des Konstruktes. Das Konstrukt hat sich nach dem Untergang der Hölle aus den unter Magmamassen begrabenen Städten Tartarus und Oblivion entwickelt. Ein Cybernet vernetzt die Enklaven, Tunnel und Rampen verbinden die 200 Ebenen auf denen Engel, Dämonen und Verdammte in Feindseligkeit zueinander leben. Vee zieht los, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Welches Geheimnis erwartet sie auf Ebene 200, dem obersten Stockwerk der Hölle?

Bewertung

Jeffrey Thomas‘ »Der Untergang der Hölle« beeindruckt vornehmlich durch die visionäre und bildgewaltige Hölle. Fast wünscht man sich, einen Urlaub dort zu buchen, um die Wunder und Gräuel auf einer Dämonen-Safari mit eigenen Augen erleben zu können. Der Roman ist übrigens die indirekte Fortsetzung zu »Tagebuch aus der Hölle«, das man aber nicht gelesen haben muss, um diese Geschichte zu verstehen. Die lockere und schnelllebige Erzählweise täuscht über die oberflächlichen, aber abwechslungsreichen Charaktere hinweg. Nur Vee, die Protagonistin, ist deutlich facettenreicher ausgearbeitet, entwickelt sich aber auch eher durch die Handlung und ihr Verhalten. Anderseits stellt ihr das Dämonen-Gewehr ihr altes Ich gegenüber, sodass Vee, ein Anagramm zu Eve (deutsch Eva), zu einer ambivalenten Figur ihres eigenen Selbst wird.

Vee, ein Engel, der in den Kriegen um Tartarus von Dämonen gefangen genommen wurde, schlummert seit 2000 Jahren eingeschlossen in Stein. Als der Stein bricht, erwacht Vee, kann sich aber wegen einer Amnesie an nichts mehr erinnern. Kurz darauf begegnet sie dem dämonischen Knochengewähr Jay, das ihr von ihrer Vergangenheit, aber auch vom Untergang der Hölle berichtet. Tartarus und Oblivion wurden von Magma eingeschlossen, Tunnel und Gänge gegraben. Das entstandene Gebilde nennen die Bewohner Konstrukt. 200 Stockwerke vom Keller, in dem Vee sich befindet, bis zum Dach soll es geben. Vee, ohne Ziel, macht sich auf den langen Weg die Ebenen zu erkunden. Jay entpuppt sich als vorlautes Dämonen-Gewehr, aber auch als Wissensquell.

Jeffrey Thomas nimmt die Religion spitzfindig aufs Korn und bastelt seine eigene Version vom Schöpfungsmythos, in dem die Hölle eine biomechanische Dämonenproduktionsstätte war und abgeschnittene Gruppierungen im Konstrukt über ein Cybernet zueinander Kontakt aufnehmen können. Zunächst jedoch: Jeder muss die Höllentore passieren, außer den strenggläubigen Christen, die sich keines Vergehens schuldig gemacht haben. Gott selbst ist ein selbstzweifelndes Arschloch, der seinem Leben mit einer Kugel in den Kopf ein Ende bereitete. Die Grundsubstanz, die seinem Körper entströmt, nistet sich in jedem Winkel der Hölle ein und gebiert Leben, das sich in Einzellern, bleichen Pflanzen und monströsen Erscheinungsformen manifestiert. Die Hölle als Idee ist eine überdrehte Version der Erde, eine blasphemische Allegorie der göttlichen Schöpfung. Der Tod Gottes ist die Befreiung von einer Geißel, die den Sinn des Wortes Gefangenschaft verschönt und sich Religion nannte. Mit der Befreiung und der gewonnenen Eigenverantwortung bleibt jedoch das Klammern an die Vergangenheit. Fortschritt bedeutet Veränderung und Veränderung ist für die Machthabenden selten positiv. Dschihadisten schotten sich von allen Grupperungen ab, reagieren feindselig auf jede Kontaktaufnahme, köpfen Rituell monatlich ihre Frauen (wer sonst soll Schuld sein an ihrem Schicksal?) und unentwegt schalt »Allahu akbar« von den Dächern herab. Den Engeln auf Ebene 7 gelüstet es nach Fleisch, das sie von südamerikanischen Ureinwohnern ernten. Ihr Glaube an den Schöpfer ist ungebrochen und ihr Glaube an sich selbst ohne Zweifel erhaben, egal welche Verbrechen sie im Namen der Gerechtigkeit selbst beschlossener Kompromisse begehen. Niemand kann sterben, sodass die Gepeinigten und Gefolterten ein ewiger Kreislauf aus nachwachsenden Gliedmaßen und Schmerzen in der Ewigkeit des Seins erwartet. Niemand kann sterben? Doch, die Dämonen sind sterblich, weshalb sie sich vor dem Untergang der Hölle in riesigen Produktionsanlagen selbst gezüchtet haben.

Eine Bonusgeschichte, die es nicht mehr in den Roman geschafft hat, rundet den Roman vollends ab.

Fazit

Jeffrey Thomas ist ein visionärer Autor, der das Konzept Hölle auf den Kopf stellt, den Schöpfungsmythos neu erfindet und Gott Selbstmord begehen lässt. Vees Odyssey durch die Ebenen des Konstrukts der Hölle führt spitzfindig die Unsinnigkeit von Religion vor Augen und erzählt ganz nebenbei eine höllisch gute Geschichte, die durch einfallsreiche Ideen und gute Action problemlos zu begeistern vermag. Die Frage nach der Wahrheit auf Ebene 200 ist die Karotte, die den Esel, uns Leser, stets vorantreibt.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 18:22 Uhr.

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