Sonntag, 07. April 2019

Rezension: Die dunkle Kammer (Leonard Cline)

Festa Verlag
Paperback, 222 Seiten
ISBN: 3-935822-40-5
12,95 €

Ein kurzer Einblick

»Die dunkle Kammer« erzählt die Geschichte eines exzentrischen Dandys, der mithilfe von anormalen Reizen versucht, Naturgesetze auszuhebeln und die Erinnerungen der Vergangenheit zu neuem Leben zu erwecken. Der Verfall der Schönheit und die Vergänglichkeit des Seins – Leonard Cline ist ein Autor seiner Zeit.

Bewertung

»Die dunkle Kammer« ist dem Fin de Siècle, der Dekadenzliteratur, zuzuordnen, die sich mit dem Verfall des Schönen und der Vergänglichkeit des Seins beschäftigt. So handelt der Roman auch weniger über einen verrückten Forscher und gewagte Experimente à la Frankenstein, wie es der Klappentext suggeriert, sondern über den seelischen Niedergang einer Familie und die Zerstörung eines Herrenhauses.

Oscar Fitzalan ist Pianist und Komponist. Er zieht in das abgelegene Herrenhaus Mordance Hall ein, um den Forscher Richard Pride bei seinen Experimenten zu unterstützen. Neben Richard wird das Haus von seiner Frau Miriam, seiner Tochter Janet, dem Sekretär Hough und dem Schäferhund Tod bewohnt. Bis auf den exzentrischen Dandy Richard, zeigt sich Fitzalan ein familiäres Bild in Ruhe und Abgeschiedenheit. Doch je länger er bleibt, versinkt er in einem Abgrund des seelischen Wahnsinns. Nicht nur seine Figur tanzt am Abgrund des Wahns, auch die anderen Charaktere verfallen zusehends, spielen Ränkespiele, verführen sich. Es zeichnet sich ein bedrückendes Bild ab, das atmosphärisch beklemmend ist. Einerseits ist es ein Wechselspiel der Beziehungen und Liebäugeleien, andererseits ein Abbild dessen, was das ganze Haus kennzeichnet. Umso mehr das Herrenhaus verfällt, umso schlechter steht es um den Geisteszustand der Bewohner. Besonders deutlich wird das am Hund Tod, der anfänglich rein passiv das Geschehen beobachtet und kaum Notiz der Anwesenden nimmt, später aber immer aggressiver reagiert. Die Entwicklung der Familie bereitet dem Tier Unbehagen und treibt es selbst in den Wahnsinn.

Neben dem Niedergang der Seelen der Bewohner, ist das Experiment die eigentlich interessante Idee des Romans. Richard Pride klammert sich an die Vergänglichkeit der Schönheit und lässt mit einem Gedächtnisexperiment die Vergangenheit aufleben. Er glaubt, dass keine Erinnerung verloren ist, nur der Schlüssel gefunden werden muss. Die Mnemonik, die Gedächtnisstütze muss trainiert werden. Mit tausenden von Dokumenten, der Musik des Fitzalan, exzessivem Drogenkonsums und vieler anderer Reize, gelingt es ihm, Momente der Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Dabei entdeckt er nicht nur vergessen geglaubte Erinnerungsstücke seines Lebens wieder, sondern erinnert sich bruchstückhaft der Erinnerungen seiner Vorfahren. Denn jede Erinnerung, egal wie weit diese in die Vergangenheit zurückreicht, ist für immer gespeichert. Man muss sich ihrer nur erinnern. Die Schönheit mag vergänglich sein, doch Richard Pride versucht diese zu konservieren. Dass er sich selbst dabei zugrunde richtet, merkt er nicht.

Fazit

Wahnsinn – Realität. Wahrheit – Lüge. Die Wahrheit und Schönheit ist vergänglich, der Verfall unaufhaltsam. »Die dunkle Kammer« zeichnet auf bedrückende Weise, den Verfall der Familie Pride und des Herrenhauses Mordance Hall auf. Die Experimente Richard Prides sind ein phantasievolles Spiel mit der Macht der Erinnerung und ein Gedankenexperiment, das ebenso faszinierend wie unnütz ist; denn auch dieses ist ein Raub des Vergänglichen.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 20:36 Uhr.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

vier − eins =