Mittwoch, 03. Januar 2018

Rezension: Die Entdeckung des Himmels (Harry Mulisch)

Rowohlt
Taschenbuch, 867 Seiten
ISBN: 978-3-499-13476-0
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Scheinbar zufällig treffen der Astronom Max Delius und der Sprachwissenschaftler Onno Quist aufeinander. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Max ist ein Frauenheld und Ordnungsfanatiker und Onno der chaotische Sprossling einer der bekanntesten Patrizierfamilien der Niederlande. Doch die beiden schließen eine tiefe Freundschaft, die ihr beider Leben prägen wird. So teilen sie sich beide ihre große Liebe und auch der Nachwuchs ist von beiden bestimmt, hat jedoch auch einen noch viel größeren Auftrag…

Bewertung

Die Handlung von „Die Entdeckung des Himmels“ wird umspannt von der Idee, den Bund zwischen Gott und den Menschen aufzuheben. Dies ist das Ziel zweier Engel, die das Leben von Max und Onno quasi als Rahmenhandlung steuern. Daneben hat Harry Mulisch jedoch eine Vielzahl von Themen und Bezügen in „Die Entdeckung des Himmels“ platziert, die einerseits sein umfassendes Wissen demonstrieren und den Roman damit leider auch zum Teil überfrachten, andereseits aber auch die neuere Geschichte der Niederlande und seiner Gesellschaft zeichnen.
An erster Stelle handelt dieser Roman von einer ungewöhnlichen Freundschaft, die einer ungewöhnlichen biografsichen Verknüpfung unterliegt, die trotz aller Gegensätze der beiden Freunde unüberwindbar scheint. Max und Onno durchleben ab dem Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens alles gemeinsam, führen quasi nur für sie durchschaubare interlektuelle Diskussionen und auch Frauen können sie nicht trennen. So ist Onno Max trotz seiner Eigenarten eine große Stütze, als er beginnt, seine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Diese stellt das zweite große Thema des Romans dar, nämlich die Aufarbeitung der NS-Zeit. So ist Max dadurch geprägt, dass seine Mutter Jüdin war und sein Vater Offizier, der schließlich verantwortete, dass seine Mutter in ein KZ deportiert wurde. Max versucht dies sein gesamtes Leben lang aufzuarbeiten, aber findet für sich nur schwerlich einen passenden Umgang.
Auch die neueren politischen Entwicklungen in den Niederlanden finden ihren Raum im Roman, indem einerseits vieles durch Onnos bekannten Namen und Familie geregelt wird, anderseits Onno selbst politisch aktiv wird und die Freunde sich in Kuba aktiv mit dem Kommunismus auseinandersetzen. So wird auch ein politisches Bild der Niederlande gezeichnet. Daneben werden einige moralische Fragen aufgeworfen und zum Teil auf ungewöhnliche Weise beantwortet. Es existieren wenig klassische Liebes- und Eheverhältnisse, sondern die Liebesbeziehungen sind geprägt von Betrug, Dominanz und hohen Altersunterschieden und auch für die Kindererziehung wird schließlich das denkbar merkwürdigste Paar ausgewählt. Doch insbesondere bei Max sorgen diese Verhältnisse häufig zu Gewissensbissen und der Suche nach dem scheinbar richtigen Verhalten. Nicht zuletzt setzt sich der Roman auch sehr intensiv mit der Frage, ab wann Menschen noch als lebendig gelten können und wann aktive Sterbehilfe angewendet werden sollte, auseinander. Dies alles verknüpft Harry Mulisch gekonnt mit dem ereignisreichen Leben zweier Freunde und denen ihn nahestehenden Personen, das den Leser insbesondere am ereignisreichen Beginn in seinen Bann zieht.

Fazit

„Die Entdeckung des Himmels“ erzählt das Leben der gegensätzlichen Freunde Max und Onno, verknüpft dieses mit der gesellschaftlichen Entwicklung der Niederlande und wirft dabei einige moralischen Fragen auf, die den Leser zum Nachdenken anregen. Trotz ein paar Längen wird insgesamt ein Rahmen gespannt, um auch über das Verhältnis von Gott zu den Menschen zu sinnieren.

4 von 5 Punkten

Geschrieben von um 07:14 Uhr.

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