Samstag, 16. März 2019

Rezension: Die Geisterseherin (Pat Murphy)

Blitz Verlag
Taschenbuch, 261 Seiten
Keine ISBN
nicht mehr erhältlich

Ein kurzer Einblick

Elizabeth Butler gehört zum Team von Archäologen, das die verschwundene Kultur der Maya erforscht. Sie besitzt die Gabe, die Schatten der Vergangenheit zu sehen. Zuhuy-Kak, eine Maya-Priesterin, die Einfluss auf die Gegenwart zu nehmen versucht, zeigt ihr die Geheimnisse der Vergangenheit.

Bewertung

Pat Murphy gewann für ihr 1986 erschienenes Werk »Die Geisterseherin« den Nebula Award, die höchste Auszeichnung in der Science-Fiction. Überhaupt erhielt sie mit ihrer überschaubaren Anzahl an Veröffentlichungen eine beachtliche Anzahl an Preisen, u. a. den Philip K. Dick Award und den World Fantasy Award.

Elizabeth Butler ist eine erfahrene Archäologin. Doch das war sie nicht immer. Sie entfloh einer lieblosen Ehe, die sie als Gefängnis empfand, um den Menschen und der Gesellschaft zu entkommen. Die Freiheit und Ungebundenheit ist ihr höchstes Gut. Sie studierte Archäologie und gilt seit Jahren als anerkannte Expertin für den Bereich der Maya-Kulturen. Elizabeth ist eine markante Frau mit harter Schale und weichem Kern. Sie versteckt ihre Gefühle vor der Außenwelt und ist doch ein einfühlsamer Mensch. Sie brütet über ihren eigenen Problemen, ist aber hilfsbereit und ein guter Ratgeber für Mitmenschen. Enge Freunde oder gar Familie sind ihr suspekt, sie flüchtet sich in die Arbeit und behandelt ihre Kollegen wie Kumpel.
Ihr gegenüber steht ihre Tochter Diane, die einer Beziehung und dem Tod ihres Vaters entflieht. Sie weiß nicht wohin sie gehen soll, denn anders als ihre Mutter sucht sie Geborgenheit. Und ausgerechnet diese besucht sie auf einer Ausgrabung in Mexiko und beschließt zu bleiben. Die beiden sind sich vollkommen fremd und verstehen sich auf zwischenmenschlicher Ebene kaum. Als Kind sah Diane Elizabeth zuletzt, bis ihr Vater Elizabeth das Besuchsrecht entzog. Diana, die offenherzig ist, Gefühle zeigt und sich gerne ausspricht, stößt bei ihrer Mutter auf eine Mauer. Sie können sich kaum gegenseitig annähern, zu unterschiedlich sind ihre Charaktere.
Neben den Kollegen und engen Freunden von der Ausgrabung wie Barbara, mit der Diane sich anfreundet, und Tony, der sich einst in Elizabeth verliebte, spielt der Schatten und mexikanische Priesterin Zuhuy-Kak eine bedeutende Rolle. Sie verkörpert nicht nur eine vollkommen andere Gesellschaft, die der Maya einer längst verstorbenen Zeit, sondern ist das Gegenbild zu unserer Gesellschaft. Wir verachten Menschenopfer. Die Maya sahen sie als Notwendigkeit an. Wir leben den Fortschritt und die Entwicklung in Wissenschaft, Geist und Menschlichkeit. Die Maya verharrten in einem ewigen Kreislauf der Wiederkehr. Geschickt stellt Pat Murphy Vergleiche an; ohne wertend zu werden. Elizabeth glaubt, dass Zuhuy-Kak nur eine der vielen Schatten ihrer Wahnvorstellungen ist. Doch ist dem wirklich so? Kann Elizabeth vielleicht längst verstorbene Geister sehen? Murphy bleibt wie in so vielen Fragen eine Antwort schuldig. Die übernatürlichen Elemente bleiben wage und gerade darum so geheimnisvoll.

Der Spannungsbogen triumphiert nicht mit einer waghalsigen Geschichte, sondern mit kulturellen Funden und Menschlichkeit. Die ruhige Handlung ist sehr gewöhnungsbedürftig. Es ist eine vielschichtige Geschichte auf emotionaler Basis. Das Ausgraben von Scherben, das Sortieren von Fundstücken, die langsamen Arbeiten beim Freilegen von verschütteten Tunneln und Mauern ist ein geduldiger Prozess in der Archäologie. Geduldig ist auch die Handlung. Wenig passiert, das Geschehen fließt gemächlich dahin. Aktionen und Reaktionen bestimmen die Entwicklung. Denn nicht die Handlung ist es, die eine spannende Geschichte erzählt, sondern der Prozess der menschlichen Annäherung, das Respektieren der Mitmenschen, die Entwicklung und Entdeckung von charakterlichen Macken, Vorlieben, Ängsten, Veränderungen; all das, was uns als Mensch definiert.

Fazit

Die Handlung ist eine Geduldsprobe, die nicht jedermanns Sache sein dürfte. Charaktere und ihre Entwicklung im menschlichen Prozess, kleinste Veränderungen in der Beziehung und das Verständnis davon, wie der Mensch auf geistiger Ebene funktioniert, bestimmen die Handlung. Die Ausgrabung alter Maya-Ruinen und einhergehender Erläuterungen zur Maya-Kultur, sind ein hervorragender Kontrast, um die Charakterstudie zwischen Elizabeth und Diana Butler zu verdeutlichen.

3.5 von 5 Punkten

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Geschrieben von um 20:24 Uhr.

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