Sonntag, 28. Juli 2019

Rezension: Die Hauptstadt (Robert Menasse)

Suhrkamp
Taschenbuch, 459 Seiten
ISBN:  978-3-518-46920-0
12,00 €

Ein kurzer Einblick

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, soll das Image der EU-Kommission aufpolieren. Sie setzt den Referenten Martin Susmann darauf an und er entwickelt eine Idee, die für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend lebt dagegen im Altenheim, soll aber seine schreckliche Vergangenheit bezeugen und auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. In Brüssel wird derweil der Name für ein Schwein gesucht…

Bewertung

Als Robert Menasse im Jahr 2017 für „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis erhielt, waren die Meinungen darüber, ob die Verleihung berechtigt sei, geteilt. Hat man den Roman zu Ende gelesen, kann man dieses geteilte Echo gut nachvollziehen. Der Roman ist einerseits eine ironische Zuspitzung des Verhaltens des Beamtenapparats der Europäischen Union in Brüssel, andererseits weist der Roman eine Vielzahl von Handlungssträngen auf, die meist nur indirekt miteinander in Verbindung stehen und auch bis zum Ende des Romans nicht zusammengeführt werden.
Diese Vielzahl von Handlungssträngen ist das große Manko des Romans. Die Handlungsstränge scheinen wahllos nebeneinander zu laufen und werden nie vollumfänglich zusammengeführt. Damit wird der Roman durch das Gefühl beherrscht, dass Robert Menasse viele kritisierungswürdige Aspekte in seinem Roman zuspitzen wollte, es ihm jedoch nicht gelungen ist, diese entweder gekonnt miteinader zu verbinden oder sich auf das wesentliche zu konzentrieren. So zeigt er einerseits eine Vielzahl von politischen Problemlagen wie die Machtdurchsetzheit des Brüsseler Apparats, die Abkehr von nachvollziehbarem Verhalten, die ungerechtfertigten Agrarsubventionen und das Profitstreben der Kirche auf. Andererseits problematisiert er auch gesellschaftliches Verhalten, wie das Vergessen der Vergangenheit und die Geiern auf Spektakuläres. Somit kann der Leser zwar viele Botschaften aus den verschiedenen Handlungssträngen des Romans ziehen, doch die übergreifende Botschaft des Romans bleibt verschleiert.
Diese Vielzahl von Handlungssträngen führt zugleich dazu, dass man mit keiner der Personen richtig warm wird und sich eher im Wirrwarr der vielen Namen und der Mischung aus realen und fiktiven Personen zurechtfinden muss. Zugleich ist leider kein roter Faden erkennbar, sondern die Wechsel der Handlungsstränge scheinen völlig willkürlich und hätten einfach auch hintereinander oder für sich genommen als Kurzgeschichten abgehandelt werden können. Dies hat auch zu Folge, dass es doch eine Reihe von Passagen gibt, die keinen essentiellen Mehrwert für den Roman darstellen und so zu einigen Längen führen.

Fazit

Robert Menasse greift in seinem Roman über den EU-Beamtenapparat einige wichtige Fragen auf und platziert mit ironischer Überspitzung berechtigte Kritik. Leider sind die Handlungsstränge im Roman nur für sich genommen konsistent, ergeben jedoch kein ganzheitliches Bild, sodass der Leser ohne zentrale Botschaft alleine gelassen wird.

2.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 11:00 Uhr.

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