Samstag, 06. Oktober 2018

Rezension: Die Stadt und die Stadt (China Miéville)

Bastei Entertainment
eBook, 432 Seiten
ISBN: 978-3-8387-0701-3
7,99 €

Ein kurzer Einblick

Besźel und Ul Qoma sind zwei Städte, die enger und entfremdeter nicht zusammenliegen könnten. Das Sehen oder Betreten der jeweils anderen ist streng verboten und zieht schwerste Strafen nach sich. Für Kommissar Borlú ist das die alltägliche Realität. Grenzbruch ist mehr als ein Verbrechen. Als eine Leiche in seiner Stadt auftaucht, steht der Kommissar vor einem Rätsel. Die Tote hätte niemals in Besźel auftauchen dürfen. Hat der Mörder Grenzbruch begangen? Warum wurde Ahndung nicht alarmiert? Borlú muss mit der Polizei aus Ul Qoma ermitteln, um den Mord aufzuklären, das Nichtgesehene gesehen machen.

Bewertung

China Miévilles Romane sprechen am besten für sich selbst, denn es ist kaum möglich die Vielschichtigkeit, Komplexität und Erzählkunst dieses Ausnahmeautors adäquat wiederzugeben. Sicher ist nur, dass der Autor ein Faible für Städte hat, sei es »Perdido Street Station«, »The Scar«, oder »Un Lon Dun«. Immer sind es Städte, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fallen und dennoch einen extrem hohen Wiedererkennungswert besitzen. Es ist nicht nur die Stadt; eine Stadt ist mehr als ihre Bestandteile. Eine Stadt ist das, was die Menschen daraus machen. Besonders deutlich wird das in »Die Stadt und die Stadt«, dem Paradebeispiel des Nichtsehens. Besźel und Ul Qoma sind räumlich gesehen eine Stadt. Unsichtbare Grenzen durchziehen die Straßen, Gebäude und öffentliche Plätze. Es ist strengstens verboten, die andere Seite zu sehen. Von Kindesbeinen an lernt man zu nichtsehen. Das wird nicht nur durch die Indoktrinierung deutlich, sondern auch durch die abgegrenzte Sprache, Begrifflichkeiten, Kultur, Kleidung, Farben, Verhalten, Gesten, … Der gesamte Stadtstaat ist in zwei Staaten auf demselben Grund und Boden gespalten. Wer das Gesetz bricht, begeht Grenzbruch und das ruft Ahndung auf den Plan. Eine Macht, die sich jeder Gesetzgebung entzieht und handelt, wie es die Erfordernisse bedürfen. Die graue Eminenz im Hintergrund muss sich nicht rechtfertigen. Ihr Handeln ist eine akzeptierte Erfordernis.

China Miéville erzählt mit viel Verve über die geteilte Stadt. Die Story erzwingt dabei nicht das Setting, sonder das Setting vereinnahmt die Story. Kommissar Borlú ist ein nachdenklicher und intelligenter Vertreter des Gesetzes. Getreu vertritt er die Gesetze. Obwohl ihm eher als der Bürger ein Grenzbruch vergeben würde, fürchtet er sich genau wie alle anderen vor Ahndung. Wird ein Verbrechen begangen, in das Grenzbruch involviert ist (illegales übertreten der Grenze, ein Unfall mit einem Verkehrsteilnehmer der anderen Stadt, Kontaktaufnahme eines Bürgers der anderen Stadt), zieht die Polizei sich aus den Ermittlungen zurück und übergibt den Fall an Ahndung. Das Verbrechen muss eindeutig sein, eine Vermutung des Grenzbruchs reicht nicht aus. Als eine Leiche in Besźel gefunden wird, kann schnell bewiesen werden, dass der Mord in Ul Qoma geschehen ist. Ist jedoch auch Grenzbruch begangen worden? Schnell taucht ein geheimnisvolles Video auf, das zeigt, dass die Leiche in einem Van legal durch die Kopula über die Grenze geschmuggelt wurde. Die Kopula ist der einzige Ort, in dem legal in die andere Stadt gewechselt werden darf. Nichtsehen darf man nach der Grenzübertretung die Heimatstadt, wahrnehmen nur Ul Qoma – oder umgekehrt. Damit bleibt die Aufklärung des Verbrechens bei der Polizei und Borlú muss in Zusammenarbeit mit der Polizei aus Ul Qoma Ermittlungen anstellen. Stets sind sie auf der Hut, denn schnell könnten sie in den Ermittlungen selbst Grenzbruch begehen. Es ist ein Verbrechen am Rande der Legalität, das den Kommissar herausfordert.

Geschickt hinterfragt Miéville den täglichen Wahnsinn, unsere Ignoranz, die blinden Flecken in unserer Wahrnehmung. Besźel und Ul Qoma sind der stringent wahr gewordene Albtraum der Nichtwahrnehmung. Im Gegensatz zu unserer Realität baut der Autor einen Stadtstaat mit Gesetzen, Moral, Werten und Kultur rigoros auf diesem Prinzip auf. Die Assimilierung von Kultur existiert, wird von den meisten Menschen jedoch belächelt oder gilt gar als verpönt. Immerhin ist es etwas aus der anderen Stadt. Nur jene, die sich nach der Freiheit sehnen oder einen Umzug in die entfremdete Stadt gemacht haben, können oder wollen Kulinarisches genießen. Das Gedankengut der Freiheit, der Wunsch nach einer gemeinsamen Stadt sollte besser verschwiegen werden, um nicht in die radikale Ecke der Aufständischen geschoben zu werden.

Fazit

China Miéville führt in einen Stadtstaat ein, der mit seinen strikten Gesetzen und der gesetzesunabhängigen Behörde Ahndung ein erschreckendes, aber auch bekanntes Bild zeichnet. Entfremdet und zugleich doch eng benachbart, kreiert der Autor ein faszinierendes Stadtbild, in dessen Feinheiten sich die Story nahtlos einfügt. Wo fängt die Realität an und wo hört die Phantastik auf – Miéville verwischt die Grenzen zwischen Fiktion und unserer Welt.

4.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:56 Uhr.

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