Sonntag, 26. November 2017

Rezension: Die Vampire (Kim Newman)

Heyne
eBook, 1280 Seiten
ISBN: 978-3-641-02595-3
11,99 €

Ein kurzer Einblick

1886 ehelicht Dracula Königin Viktoria und wird zum Prinzgemahl. Seine Herrschaft stürzt Großbritannien in ein Blutbad. 1914 entfesselt er als Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte unter Wilhelm II. den Ersten Weltkrieg und entwickelt im Château du Malinbois eine Geheimwaffe zum ultimativen Sieg. 1959 lebt Dracula zurückgezogen mit Prunk und Pomp in Rom und verkündet seine Heirat mit der Vampirältesten Aja Vajda, während ein Vampirmörder die Straßen Roms unsicher macht. »Die Vampire« ist eine Geschichte darüber, was gewesen wäre, hätte Dracula den Kampf gegen Abraham van Helsing gewonnen.

Bewertung

1885 nahm die Weltgeschichte einen anderen Lauf, als wir sie kennen. Abraham van Helsing und seine Freunde verloren den Kampf gegen Dracula, der 1886 Königin Victoria ehelichte und zum Prinzgemahl wurde. Großbritannien wird zum Leitbild der Vampire. Nach Jahrhunderten des Versteckens regieren die Nosferatu nun über ein Reich. Weltweit offenbaren die Blutsauger sich und drängen in die Gesellschaft vor. Ungestüm verwandeln sie die Menschen in Neugeborene und stürzen die Neugeborenen, die nicht in die hohen Gesellschaftsschichten aufgenommen werden, ins Verderben. Tierblut kann die Gier stillen, aber nicht das Verlangen. Rasend schnell integrieren sich die Blutsauger in den Adel, das Bürgertum und die unteren Schichten, die kaum das nötigste Besitzen, um zu überleben. Dracula, auf dem englischen Thron sitzend, interessiert sich nur für die Seinen und eigentlich auch nur für seine Regentschaft. Seine Blutlinie trägt ein Übel in sich, das Monstren gebiert. Sein Geblüt kann die Gestalt wandeln, kämpft aber gegen den immerwährenden Verfall an. Ihr Aussehen ist abstoßend, ihre Körper riechen nach Verwesung. Vampire, die sich nicht der Gunst Draculas erfreuen und keinen Fuß unter dem menschlichen Adel fassen können, vegetieren als Huren und Kriminelle in den Elendsvierteln Londons. Als Dracula beginnt, die Machtpositionen mit Vampiren zu ersetzen, eskaliert die politische Lage. Ausgerechnet in dieser Zeit der Unruhen und Aufstände, mordet Silver Knife, besser bekannt als Jack the Ripper, vampirische Huren.

Kim Newman inszeniert in den drei Romanen »Anno Dracula«, »Der Rote Baron« und »Dracula Cha Cha Cha« eine Alternativgeschichte, die sich aus realen Ereignissen der Zeitgeschichte und reiner Fiktion speist. Weltberühmte Romanfiguren haben gewichtigen Anteil an der Geschichte, andere werden nebenbei erwähnt. Akribisch bereitet der Autor Gesellschaftsprobleme, politische Ereignisse, historische Begebenheiten und Beziehungen zwischen Charakteren auf. Die Detailverliebtheit und Genauigkeit ist atemberaubend. Offengelassene Enden werden aufgegriffen und zu einem logischen Abschluss gebracht. Egal, ob es sich um Handlungsstränge oder nur Gedankengespinste von Einzelcharakteren handelt. Jede Figur hat ihren festen Platz in der Handlung, ihren genau definierten Charakter und damit Motive, Empfindungen und Ziele, die sich konsequent im Verlauf der Romane weiterentwickeln. Die Dramaturgie der unzähligen Pro- und Antagonisten nebst der vielen Nebencharaktere ist es, die gnadenlos die Spannung oben hält. Der Detailgrad ist es, der das Weltbild der Romane lebensecht und zum Greifen nah zu vermitteln vermag. In London huschen die Ratten um die Füße, betteln Vampire nach Blut. Im Ersten Weltkrieg schmecken wir den Dreck und das Schwarzpulver in den Schützengräben, während Granatenschrapnelle durch die Luft pfeifen und Bomben vom Himmel regnen. Die Faszination entsteht durch das Gemisch aus historischen Begebenheiten und fiktionalen Figuren. Es ist immer wieder eine freudige Entdeckung, Persönlichkeiten aus Romanen in der Geschichte wiederzuentdecken und zu beobachten wie sie die Weltgeschichte mitschreiben. Dracula (Bram Stoker) ist das offensichtlichste Beispiel, Jack the Ripper wurde bereits genannt. Sherlock Holmes endet als Regimegegner im Gefängnis. Der Diogenes Club (Sir Arthur Conan Doyle) repräsentiert den britischen Geheimdienst. Dr. Moreau (H. G. Wells) und Herbert West (H. P. Lovecraft) operieren im Ersten Weltkrieg Opfer. Dr. Mabuse (Norbert Jacque) leitet das deutsche Kriegspresseamt. Edgar Allan Poe erhält den Auftrag, die Biografie vom Roten Baron zu schreiben. Es ist eine Ideenflut, die in ihrer Raffinesse nur schwer zu überbieten ist. Kim Newman legt mit »Die Vampire« ein Epos vor, das seinesgleichen sucht. Ideen werden nicht eingebaut, um zu Protzen, sondern um Geschichte zu schreiben. Der Autor nimmt jedes Detail ernst, um eine glaubwürdige Alternativweltgeschichte zu schreiben.

All die Ereignisse werden von Charles Beauregard, einem Agenten des Diogenes Clubs, zusammengehalten. Er wird vom Königshaus beauftragt, Silver Knifes Identität zu enthüllen. Er wird beauftragt, an der Front des Ersten Weltkriegs die Experimente auf Château du Malinbois zu lüften. Er ist es auch, der in Rom die uralte Macht erkennt, die die Vampirältesten tötet, während Polizei und Geheimdienste im Dunkeln tappen. Er ist der Schlüssel zwischen den drei Frauen Geneviève Dieudonné, Katharine Reed und Penelope Churchward. Er ist der Mann, der Dracula zuerst jagte und dann überwachte, damit der Vampir gar nicht erst zu alter Stärke nach den Niederlagen in London und dem Ersten Weltkrieg zurückkommt. »Die Vampire« ist die Geschichte von Dracula und Charles Beauregard, stark beeinflusst von seiner Geliebten und Vampirältesten Geneviève Dieudonné, die zugleich als Kontrast sowohl zum Menschen als auch zum Vampir dient. Charles ist ein Mann, der den Tod nicht fürchtet, der den Vampir nicht verachtet, seine Ideale verfolgt und zum Vorbild vieler wird, aber nie erreicht wird. Er ist ein Gentleman, der seine erste Ehefrau niemals vergisst und alle weiteren Frauen mit ihr vergleicht. Er ist derjenige, der Geneviève das Lieben lehrt und die Kälte aus ihren toten Knochen vertreibt. Überhaupt ist Charles die Schlüsselfigur von so vielem, dass auch nur ein Versuch einer adäquaten Zusammenfassung den Rahmen einer Rezension sprengen würde. Charles Beauregard ist ein Meisterstück einer Figur, die ein Autor zum Leben erwecken kann.
Ihm gegenüber steht Dracula. Dracula mag ein blutrünstiges Monster sein, das England fast zurück ins Mittelalter katapultiert hätte, aber bei all den kaltblütigen Morden, ist er auch ein entschlossenes und kalkulatorisches Wesen. Er ist ein erfolgreicher Kriegsherr, sowohl als Mensch, als auch nach der Verwandlung zum Blutsauger gewesen. Er besitzt Finesse und einen zielgerichteten Charakter. Dracula weiß, was er erreichen möchte und besitzt die Fähigkeiten politische Mächte so auszuspielen, dass ihm das zum Vorteil gereicht. Er kann Regierungen stürzen, Kriege ausrufen, dem Tod entkommen, aber er ist unfähig die errungene Macht zu verwalten. Eine Herrschaft der Angst und des Schreckens reicht im 20. Jahrhundert nicht aus, Revolten und Proteste vernichten unbeliebte Herrscher. Mittelalterliche Taktiken, denn denen ist Dracula treu geblieben, funktionieren nur bis zu einem gewissen Grad. Und so stürzt Dracula Europa im Ersten Weltkrieg in ein Blutbad, kann mit Wilhelm II. aber nicht die Herrschaft erringen.

Von politischen Verträgen geknebelt, verbringt Dracula nach dem Zweiten Weltkrieg – Hitler wollte Dracula übrigens aufgrund des unreinen Blutes vernichten – den Ruhestand in Rom. Charles Beauregard wacht darüber, dass der Fürst keine neuen Machtspielchen anzettelt. Im Kalten Krieg wäre es Dracula fast gelungen, als er seine Hochzeit mit der rumänischen Prinzessin verkündet. Hier endet der dritte Roman, hier endet die Geschichte um Dracula und Charles, hier enden die Liebschaften Charles‘ mit Geneviève, Kate und Penelope. Es ist ein blutiges, aber auch berührendes Finale. Der Leser wird mit einem Gefühl zurückgelassen, ein erfüllendes Leben und wagemutiges Abenteuer mit Charles erlebt und durchlitten zu haben. Zeitgeschichte für die Ewigkeit wurde geschrieben. »Die Vampire« zeigt, was gewesen wäre, hätte Dracula 1885 gegen Abraham van Helsing gewonnen.

Fazit

Kim Newman hat mit »Die Vampire« ein wahres Epos der Weltgeschichte erschaffen. Der Autor stellt nicht nur die Frage danach, was passieren würde, wenn Vampire die Weltbühne betreten, sondern bettet die Frage in ein gesellschaftspolitisches Setting ein. Der Autor kleckert nicht mit Ideen, er überschwemmt die Romanseiten mit einer wahren Ideenflut und verknüpft historische Ereignisse und politische Entscheidungen mit individuellen Figuren, die alle mit Stärken und Schwächen, Idealen und Zielen ausgestattet sind. »Die Vampire« ist ein Roman, der seinesgleichen sucht.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 19:45 Uhr.

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