Freitag, 08. Dezember 2017

Rezension: Dieser Volkszähler (China Miéville)

Liebeskind
Hardcover, 176 Seiten
ISBN: 978-3-95438-071-8
18,00 €

Ein kurzer Einblick

Die Mutter arbeitet im Garten. Der Vater fertigt Schlüssel an, die Leute abholen, um ihre Wünsche zu erfüllen. Dann bringt die Mutter, nein der Vater, die Mutter um. Der Junge rennt den Berg hinab zum postapokalyptischen Dorf. Niemand will das Verbrechen beweisen, niemand will den Jungen schützen. »Der Volkszähler« ist die Geschichte eines traumatisierten Jungen in einer kargen Zukunft, die niemand beschreiben kann – oder will.

 

Bewertung

Was ist wahr und was ist Wahrnehmung? China Miévilles »Dieser Volkszähler« ist bewusst unbestimmt in Erklärungen und Andeutungen. Das fängt beim Titel an (welcher Volkszähler?), geht bei der Perspektive des Romans (es wird aus der Dritten- und der Ich-Perspektive erzählt) weiter und hört beim Setting und den Leuten auf (die Leute hier, die Leute dort drüben und diejenigen von jenseits des Dorfes). Die Handlung einem Genre zuzuordnen ist wie das Nichts in eine Schublade zu stecken. Bestenfalls lässt sich das Setting der Postapokalypse zuordnen.
Die Unzuverlässigkeit resultiert aus der Sicht des Erzählers, der seine Geschichte eines traumatisierten Kindes aufschreibt. Er erinnert sich nicht mehr richtig – und an das, woran er sich erinnert, kann nicht einmal Garantie darauf gegeben werden, dass die Erinnerung korrekt ist. Direkt zu Beginn der Novelle rennt der Junge, nein er selbst, den Berg zum Dorf hinab. Seine Mutter habe den Vater umgebracht. Nein, der Vater seine Mutter. Der Vater sagt, die Mutter habe beide verlassen. Nichts ist gewiss, nichts ist glaubwürdig. Das, was nicht erzählt wird, ist gleichermaßen wichtig, wie das erzählte. Die diffuse Sprache spiegelt den hilflosen, verzweifelten Charakter des Jungen wider. Das Simple des Jungen, der wahrnimmt und versucht die Welt zu verstehen, spiegelt sich in der Sprache wider.

Fazit

China Miéville ist ein Meister des Erzählens. Es bedarf nicht vieler Worte, um eine verstörende Geschichte zu erzählen, die sich aus dem Nichterzählten erst zusammensetzt. Was ist wahr und was ist Wahrnehmung? Ist den Augen eines Kindes zu trauen? »Dieser Volkszähler« ist so ungenau in seiner Genauigkeit, dass die Novelle ein erzählerisches Meisterstück in seiner kargen Sprache ist.

5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 17:58 Uhr.

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