Samstag, 14. Juli 2018

Rezension: Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Goldmann
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-442-48291-7
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Andreas Egger kommt mit vier Jahren in das Tal, in dem er sein Leben verbringen wird. Er wird zu einem kräftigen Mann, arbeitet als Hilfsknecht und später baut er die ersten Bergbahnen mit, die Lärm und Licht in das Tal bringen. Dann trifft er Marie, doch ihre Liebe ist nicht von Glück beseelt. Nach vielen Jahren blickt er schließlich erstaunt auf sein Leben und die vergangene Zeit zurück…

Bewertung

Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ ist insgesamt ein Understatement. Obwohl das Büchlein keine 200 Seiten stark ist, erzählt es die beeindruckende Lebensgeschichte von Andreas Egger. Andreas Egger erlebt zwar nur eine handvoll Veränderungen in seinem Leben, doch es ist beeindruckend, wie er das Leben meistert. Obwohl er aus einfachen Verhältnissen kommt und nur wenig Schulbildung genießt, gelingt es ihm schon früh, sich zu behaupten. So kann er sich aus den Händen seines ungerechten Ziehvaters befreien und schafft es, obwohl er quasi nichts in den Händen hält, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen. Auch später gelingt es ihm immer wieder, sich aus eigener Kraft aus schwierigen Situation zu befreien. Andreas Egger nimmt alles so hin, wie es ist, obwohl im schreckliche Dinge geschehen, und dabei scheint seine Persönlichkeit im Laufe des Romans dadurch nicht gezeichnet zu werden. Vielmehr bleibt er der ruhige, in sich gekehrte Mann, der nicht viele Worte nutzt.
Obwohl Andreas Egger bis auf seine Militärzeit im Zweiten Weltkrieg nie das Tal, in das er mit vier Jahren kommt, verlässt, zeichnet sein langes Leben doch sehr gut die gesellschaftliche und historische Entwicklung nach. Nicht nur, dass sich das beschauliche Tal im Laufe der Zeit zum Touristenmagneten entwickel, auch die technische Entwicklung hält nach und nach Einzug. Trotz aller Faszination für die Technik, lässt sich Anderas Egger davon jedoch nicht beeindrucken. Er lebt sein einfaches Leben auch in den 1960er Jahren nicht anders als in den 1930er Jahren. Dabei ist er so unscheinbar, dass er von den anderen kaum wahrgenommen wird. Es gibt nur eine Person, die jemals einen Zugang zu ihm erlangt, doch dies ist leider nicht von Dauer.
Obwohl das Leben Andreas Eggers zeitlich eingeordnet ist, gelingt es Robert Seethaler durch seinen Schreibstil dem Roman etwas zeitloses zu verleihen. Insgesamt ist der Roman so ruhig und unaufgeregt geschrieben, dass es dem Leser mit ihm gelingt, sich etwas aus der Hektik des heutigen Lebens zu flüchten. Zugleich wart der Roman insofern Distanz, als dass der Leser Andreas Eggers Gefühlswelt nicht kennenlernt. Dennoch fühlt man nach kurzer Zeit mit ihm.

Fazit

„Ein ganzes Leben“ fasziniert trotz einer einfachen Geschichte durch den Schreibstil Robert Seethalers. Ihm gelingt es auf der einen Seite, dem Roman etwas zeitloses, distanziertes und unaufgeregtes zu verleihen und auf der anderen Seite eine große, gefühlvolle Geschichte eines einfachen Lebens zu erzählen.

3.5 von 5 Punkten

Geschrieben von um 09:57 Uhr.

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